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00:17 29.10.2015
Auf keinen Fall in die Tonne: Verschiedene Initiativen versuchen, Lebensmittel vor dem Wegwerfen zu retten. Quelle: Jens Kalaene
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Hannover

Ein Apfel mit Druckstellen, eine verformte Salatgurke oder ein Joghurt kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums – in Zeiten der Überproduktion haben es Lebensmittel mit vermeintlichen „Schönheitsfehlern“ schwer. In Supermärkten stehen Kunden vor vollen Regalen und haben „die Qual der Wahl“. Oft fällt die Entscheidung dann zugunsten der optisch makellosen Produkte aus.

Einer aktuellen Studie der Umweltorganisation WWF zufolge werden allein in Deutschland jährlich rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt, obwohl vieles davon noch essbar wäre. Doch nicht nur in Supermärkten ist die Verschwendung groß, die meisten Abfälle stammen demnach vom Endverbraucher.

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„Studien zeigen, dass der Großteil der Abfälle aus Privathaushalten kein Mindesthaltbarkeitsdatum hat“, sagt eine Sprecherin des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. „Bei 44 Prozent handelt es sich um Obst und Gemüse.“ Nicht alles, was nicht mehr gebraucht wird, muss tatsächlich entsorgt werden. Es gibt einige Projekte, die sich für Nahrungsverwertung engagieren – online und offline.

Essenskörbe im Internet

Eine Möglichkeit bietet die Internet-Plattform "foodsharing.de" (zu Deutsch: Essen teilen), ein bundesweites Projekt des Vereins Foodsharing. Seit der Gründung vor drei Jahren haben sich dort 90.000 Nutzer aus dem deutschsprachigen Raum registriert. "Bei uns können Privatpersonen, Händler und Produzenten überschüssige Lebensmittel anbieten", sagt Pressesprecher und Mitbegründer Raphael Fellmer. "Andere Nutzer in der Nähe haben die Möglichkeit, diese ‚digitalen Essenskörbe‘ anzufragen und kostenlos abzuholen."

Ziel der Initiatoren sei es, die Wertschätzung für Lebensmittel zu steigern, für das Thema zu sensibilisieren und eine Plattform gegen die Verschwendung zu etablieren. Silvia Beaury aus Berlin ist seit April Teil der Community. "Gestern hat jemand in meiner Nähe einen Salatkopf angeboten", sagt die 66-Jährige. "Den habe ich abgeholt und zum Abendessen zubereitet."

"Fast schon kriminelle Wegwerfmoral"

Auch, wenn sie so etwas Geld sparen kann, geht es der Rentnerin hauptsächlich darum, ein Zeichen zu setzen. Sie hofft, dass sich im Bewusstsein der Menschen etwas verändert. "Ich halte diese Wegwerfmoral fast schon für kriminell. Da werden Ressourcen der Erde verschwendet", sagt die Berlinerin. "Ich habe gelernt, mit dem zu kochen, was ich habe, und nicht unnötig viel zu kaufen. Die wenigen Reste landen auf dem Kompost."

Silvia Beaury engagiert sich nicht nur im kleinen Rahmen durch das Bereitstellen und Abholen der Lebensmittel. Wer bestimmte Auflagen wie das Bestehen eines Lebensmittel-Quiz und die Unterzeichung einer Rechtsvereinbarung erfüllt, hat zudem die Möglichkeit, als "Foodsaver" (Lebensmittelretter) abgeschriebene Produkte von verschiedenen kooperierenden Betrieben entgegenzunehmen, nach Verwertbarkeit zu sortieren und weiter zu verteilen. "Ein Großteil der geretteten Lebensmittel wird an gemeinnützige Projekte, Vereine, Tafeln oder über die Plattform vergeben. Dabei gilt, genauso wie bei den digitalen Essenskörben, dass jeglicher Verkauf untersagt ist", sagt Fellmer.

Engagement über soziale Netzwerke

Das Thema Lebensmittelverschwendung gerät immer mehr ins Bewusstsein der Verbraucher. Neben der Foodsharing-Plattform mobilisieren sich zunehmend Menschen über die sozialen Netzwerke. Eine der zahlreichen regionalen Facebook-Gruppen heißt "Lebensmittel retten Magdeburg". Knapp 1500 Mitglieder verschenken hier überschüssige Lebensmittel. Beteiligt ist auch das Kinder- und Jugendzentrum "Emma". Hier wurde eine Art Sammelstelle eingerichtet.

Zehn bis 20 Helfer holen regelmäßig Lebensmittelspenden von Bäckereien und Bioläden ab und lagern sie in Regalen und einem Kühlschrank des Zentrums. Auch Privatpersonen bringen Lebensmittelspenden. "Anschließend wird das über Facebook bekanntgegeben und jeder darf sich was abholen", sagt Julia Heinrich. Die Studentin engagiert sich in der Gruppe und bringt monatlich Reste eines veganen Frühstücks zur "Emma". "Die Produkte gehen immer schnell weg", sagt die 29-Jährige. "Aktuell kommen beispielsweise auch Menschen aus Flüchtlingsheimen vorbei."

Seit einem Jahr setzt sich Julia Heinrich aktiv gegen die Lebensmittelverschwendung ein. "In unserer Gesellschaft ist es mittlerweile so, dass alles, was nicht mehr toll aussieht, gleich schlecht ist", ärgert sie sich. "Wenn ein Apfel eine matschige Stelle hat, kann man die wegschneiden und den Apfel trotzdem noch essen." Auch das Mindesthaltbarkeitsdatum trage zur Verschwendung bei. "Das ist ja kein Verfallsdatum. Nach Ablauf des MHD ist etwas nicht sofort schlecht."

Reste auf dem Speiseplan

Lena Becker möchte den Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung noch größer aufziehen. Zusammen mit sechs Mitstreitern plant sie, spätestens im Frühjahr 2016 in Berlin das deutschlandweit erste Restaurant zu eröffnen, das hauptsächlich mit geretteten Zutaten kocht. Inspiriert wurde das Projekt „restlos glücklich“ von einem ähnlichen Konzept in Kopenhagen.

"Wir beziehen unsere Lebensmittel als Spende von Landwirten, Großhändlern und Lieferanten", sagt Becker. "Die Produkte sind einwandfrei. Sie werden aussortiert, weil beispielsweise Lagerplatz fehlt, sie kurz vor dem Ablauf des MHD stehen oder ihre Größe und Form nicht der Handelsnorm entspricht."

Lebensmittelspenden von Privatpersonen nimmt das Team aus hygienischen Gründen nicht entgegen. Interessierte können sich jedoch mit Geldspenden oder als freiwillige Helfer, etwa in der Küche oder im Service, einbringen. "Wir arbeiten ehrenamtlich", sagt die Berlinerin. "Das Restaurant soll sich selbst finanzieren. Alle Gewinne werden in Bildungsprojekte zum Thema fließen."

"Die Ware ist in einem guten Zustand"

Die Aktivisten haben bereits auf Veranstaltungen gekocht und ihr Konzept vorgestellt. Die Reaktionen seien grundsätzlich positiv, dennoch werden gelegentlich auch Bedenken geäußert, dass mit "Müll" gekocht wird. Dem kann Becker jedoch entgegentreten. "Die Ware kommt direkt zu uns und ist in einem guten Zustand. Da wir die Lebensmittel vorher kontrollieren, können wir ausschließen, mit schlechten Produkten zu kochen", versichert sie.

Derzeit wird nach Räumlichkeiten für ein Restaurant mit 30 bis 50 Plätzen gesucht, wo Gerichte zu einem Preis zwischen 7 und 14 Euro angeboten werden sollen. Eine feste Speisekarte wird es nicht geben – das Menü richtet sich nach der Verfügbarkeit der Zutaten. Damit "restlos glücklich" nicht selbst zu viele Lebensmittelabfälle verursacht, soll ein Teil der Plätze über Reservierungen vergeben werden. So können die Betreiber besser planen. Außerdem werden immer nur kleine Portionen mit kostenlosem Nachschlag serviert.

Von Katharina Ahlers

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