Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Wissen Vielversprechende Gentherapie gegen angeborenen Immundefekt getestet
Nachrichten Wissen Vielversprechende Gentherapie gegen angeborenen Immundefekt getestet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 19.04.2019
Bei der veränderten Gentherapie wurde den Kindern Busulfan verabreicht, ein Mittel mit dem sich Stammzellen besser ansiedeln können. Quelle: dpa
Memphis/Hannover

Mit einer Gentherapie haben US-Mediziner bei Kindern mit einem schweren angeborenen Immundefekt die Körperabwehr wieder hergestellt. Damit erlangten Babys mit dem sogenannten X-chromosomalen Schweren Kombinierten Immundefekt (SCID-X1) die Fähigkeit, verschiedene Typen von Immunzellen zu bilden. Das Team um Ewelina Mamcarz vom St. Jude Children’s Research Hospital in Memphis stellt die Zwischenergebnisse der Studie, die die Sicherheit und Effizienz des Ansatzes prüft, im „New England Journal of Medicine“ vor. Ein deutscher Experte spricht von einer wichtigen Arbeit mit ersten vielversprechenden Resultaten.

Seltene Erkrankung bei Kindern – passende Spender fehlen oft

SCID-X1 ist eine seltene Erkrankung, bei der Kinder keine funktionierende Immunabwehr ausbilden. Betroffen ist etwa eines von 50.000 Neugeborenen. Ohne Behandlung sterben sie meist in den ersten Lebensjahren an Infektionen. Für Aufsehen sorgte in den 1970er Jahren der sogenannte „Bubble Boy“ David Vetter, für den die US-Weltraumbehörde Nasa einen eigenen Schutzanzug entwarf, um Infektionen zu verhindern.

Ursache von SCID-X1 ist eine Mutation im Gen IL2RG, das den Bauplan für ein wichtiges Protein des Immunsystems trägt. Zwar können solche Babys mit einer Knochenmark-Transplantation behandelt werden, doch den Forschern zufolge haben in den USA nicht einmal 20 Prozent der kleinen Patienten passende Spender.

Bisherige Gentherapien lassen nur wenige Typen Immunzellen entwickeln

Als Alternative dazu werden seit rund 15 Jahren Gentherapien entwickelt. Dabei entnehmen Mediziner den Patienten blutbildende Stammzellen. Im Labor werden diese dann durch ein entschärftes Virus – eine sogenannte Genfähre – mit einer intakten Kopie des defekten Gens versehen. Die korrigierten Zellen werden den Patienten dann eingepflanzt. In bisherigen Studien entwickelten Betroffene aber nur manche Typen von Immunzellen in größerer Menge. Zusätzlich erkrankte in einer früheren Studie ein Teil der Patienten an Leukämie – vermutlich weil die damaligen Genfähren Krebsgene in der Nachbarschaft des korrigierten Gens aktivierten.

Abgeänderte Gentherapie mit Busulfan zeigt Erfolge

Die Ärzte aus Memphis und San Francisco testeten nun ein abgeändertes Verfahren an acht Kindern im Alter von 2 bis 14 Monaten, denen ein passender Spender fehlte. Zum Schutz etwa vor einer Leukämie enthielt die verwendete Genfähre Stoffe, die die Aktivierung von Genen in der Nachbarschaft von IL2RG blockieren sollen.

Zudem erhielten die Kinder vor dem Einbringen der reparierten Stammzellen an zwei Tagen niedrige Dosen des Chemotherapeutikums Busulfan. Das Zellgift soll im Knochenmark Platz schaffen, damit sich die reparierten Stammzellen besser ansiedeln können. Schon nach wenigen Monaten bildeten sieben der acht Kinder diverse Typen von Immunzellen, darunter T-Zellen, B-Zellen und natürliche Killerzellen (NK-Zellen) aus. Nach einer zweiten Gentherapie tat das auch das achte Kind.

Lesen Sie hier:
Zweiter Patient nach Stammzellen-Behandlung frei von HIV

Breites Spektrum an Immunfunktionen wiederhergestellt

Vier Kinder konnten die Infusion von Antikörpern zur Unterstützung der Körperabwehr stoppen, drei von ihnen bildeten als Reaktion auf Impfungen selbst Antikörper. Jene fünf Teilnehmer, die vor der Therapie an Infektionen litten, konnten die Erreger nun selbst eliminieren. Schwere Nebenwirkungen traten innerhalb des Beobachtungszeitraums von durchschnittlich gut 16 Monaten nicht auf. Alle Kinder entwickelten eine normale Größe und normales Gewicht.

„Das breite Spektrum von Immunfunktionen, das unsere Gentherapie bei den Kindern wiederhergestellt hat, ist beispiellos“, wird Ko-Autor Harry Malech vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) in einer Mitteilung seines Instituts zitiert.

„Wir hoffen, dass die Mehrheit der Kinder mit der Zeit eine vollständige adaptive Immunität erreichen“, schreiben die Forscher. Allerdings müsse eine langfristige Nachbeobachtung prüfen, ob die Wiederherstellung des Immunsystems von Dauer sei.

Deutschen Mediziner fehlen die Langzeitauswirkungen

„Das sind gute Nachrichten für die Patienten“, sagt Axel Schambach von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), der schon an früheren Gentherapie-Studien von Kindern mit der Erkrankung beteiligt war. Die Studie biete im Vergleich zu anderen Gentherapien durch den Einsatz von Busulfan vielversprechende Fortschritte, etwa bezüglich der wiederhergestellten Funktion von B-Zellen. Es sei zwar zu vermuten, dass die Gentherapie sicher sei. Für eine Aussage dazu sei die Nachbeobachtungszeit von bislang 16,4 Monaten aber noch zu kurz, sagt der Leiter des Instituts Experimentelle Hämatologie.

Früherkennung des Gendefekts muss in Deutschland noch zugelassen werden

In Deutschland würden solche Gendefekte inzwischen durch das kürzlich eingeführte Neugeborenen-Screening ermittelt, so dass man diese Erkrankung früher feststellen und behandeln könne. Bislang werden SCID-Gentherapien in Deutschland meist nur im Rahmen von Studien eingesetzt. Schambach erwartet jedoch eine Zulassung in den kommenden drei bis fünf Jahren.

Lesen Sie auch:
Chinesische Forscher pflanzen Affen menschliche Gene ein

Von RND/dpa

Die Fastenzeit ist vorbei und zu Ostern kann wieder ordentlich geschlemmt werden. Mit diesem köstlichen Ostermenü verwöhnen Sie Freunde und Familie.

18.04.2019

Titandioxid soll Lebensmittel wie Mozzarella oder Zahnpasta glänzender machen. Frankreich verbietet das Zusatzmittel ab 2020 – wegen gesundheitlicher Bedenken.

18.04.2019
Wissen Nahrungskette im Meer - Weiße Haie haben Angst vor Orcas

Eigentlich gelten Weiße Haie als die unangefochtenen Spitzenreiter der maritimen Nahrungskette. Doch das scheint nicht der Fall zu sein, wie nun ein Forschungsprojekt des Monterey Bay Aquariums in Kalifornien zeigt.

18.04.2019