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Nachrichten Wissen Geologe betrachtet Ameisen als Frühwarnsystem für Erdbeben
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11:00 27.02.2011
Geologe Ulrich Schreiber steht an einer geografischen Karte mit Störungszonen
Geologe Ulrich Schreiber steht an einer geografischen Karte mit Störungszonen Quelle: dpa
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Als der Geologe Ulrich Schreiber bei seinen Ausflügen ins Gelände zum x-ten Mal von Ameisen ins Bein gezwickt wurde, kam ihm ein Gedanke: „Das kann kein Zufall sein!“ Warum bauten die Ameisen ausgerechnet dort ihre Nester, wo er seine Forschung betrieb? Das war der Beginn von Schreibers ungewöhnlicher und umstrittener Hypothese: Ameisen sollen Erdbeben voraussagen können.

Das gelte aber nur für die Gattung der hügelbauenden Waldameise. Diese errichte, so Schreibers Vermutung, ihre Nester besonders gern an Störungszonen. So nennen Geologen Bruchstellen, die entstehen, wenn Gesteinsplatten aneinanderreiben. Oft bebt dabei die Erde. Die dann freigesetzten Gase wärmen dem Experten zufolge das Zuhause der Ameisen. Außerdem sammele sich in den Spalten nützliche Feuchtigkeit.

Seit zwei Jahren beobachten Schreiber und seine Kollegen von der Universität Duisburg-Essen zwei Ameisenhügel in der Eifel Tag und Nacht mit der Kamera. Das Ergebnis: Bei unterirdischen Erdbeben verhielten sich die Insekten merkwürdig. Sie seien dann auch nachts ungewöhnlich aktiv und zeigten sich häufiger als sonst an der Oberfläche. Schreiber vermutet, dass die Tiere auf den verstärkten Gas-Austritt reagieren. Auch durch das Beben entstehende elektromagnetische Felder könnten eine Rolle spielen.

Nach dem verheerenden Beben im italienischen L’Aquila vor zwei Jahren reiste der Geologe in die Abruzzen. Auch dort fand er Ameisennester an geologischen Bruchstellen. In Istanbul, wo Wissenschaftler in naher Zukunft ein gewaltiges Erdbeben erwarten, will er ebenfalls forschen. Auch wenn Schreiber einräumt, mit seinen Forschungen noch ganz am Anfang zu stehen, glaubt er fest daran, dass Ameisen in Zukunft Leben retten könnten.

Aber kann man wirklich Rückschlüsse auf ein bevorstehendes Erdbeben ziehen, indem man Ameisen beobachtet? Der Ameisen-Experte und ehemalige Zoologie-Professor an der TU Darmstadt, Alfred Buschinger, bezweifelt das: „Ich halte absolut nichts von Herrn Schreibers Ideen.“ Ameisen blieben während des Winters in ihrem Nest und taugten deshalb nicht als zuverlässiges Warnsignal. Außerdem sei in der kalten Jahreszeit die aufsteigende Wärme eher schädlich für die Tiere, da dadurch Fettreserven schneller verbraucht würden.

Schreibers Kollege Heiko Woith vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam ist ebenfalls skeptisch: „Status ist: Wir können keine Erdbeben voraussagen. Weder mit Maschinen, noch mit Tieren.“ In der Vergangenheit habe es zwar einige verblüffende Einzelbeobachtungen gegeben - zum Beispiel Elefanten, die sehr sensibel auf Erderschütterungen reagierten. Eine systematische Untersuchung, ob Tiere Erdbeben vorhersagen können, stehe jedoch noch aus.

Ulrich Schreiber jedoch bleibt optimistisch, seine Kritiker doch noch von seiner Hypothese überzeugen zu können. In Zukunft will er sich noch mehr mit Kollegen anderer Fachrichtungen austauschen.

dpa

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