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17:57 20.07.2012
Der Ramadan kann für den Körper zu einer Gefahr werden, besonders riskant ist die Dehydrierung. Quelle: dpa
Köln

Viele Muslime stehen vor harten Wochen. Mit dem Fastenmonat Ramadan hat am Freitag ein kräftezehrender Verzicht auf Essen und Trinken tagsüber begonnen. Vor allem die Gefahr, dass der Gläubige im Sommer austrocknet, ist groß. „Der Körper kann das schaffen. Wenn er gesund ist", sagt der Mediziner und Muslim Mohammed Osman. "Besonders der Anfang ist hart. An einigen Tagen spürt man den Hunger und Durst mehr, an anderen weniger." Und: "Manchmal ist man antriebsloser, ungeduldiger, viele brauchen mehr Ruhe. Man lässt es aber nicht an den anderen aus, denn die fasten ja selbst", erzählt der aus dem Sudan stammende Osman aus eigener Erfahrung.

Der Ramadan fällt nach dem Mondkalender auf unterschiedliche Jahreszeiten und dauert diesmal bis zum 18. August. Essen und Trinken ist nur vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang erlaubt. Der Körper toleriere den Verzicht nach einiger Zeit, schildert Osman, der in Tübingen lange als Allgemeinmediziner praktizierte. „Man kann sich durch das Fasten sogar besser fühlen". Wer es aber nicht schaffe, müsse kein schlechtes Gewissen haben. „Gott hat uns auch Hirn gegeben. Wenn ich als Busfahrer nicht konzentriert arbeiten kann oder andere gefährde, bin ich vor Gott vom Fasten befreit." Den Mangel selbst zu durchleben, hält der 75-Jährige für wichtig: „Wenn ich weiß, was Hunger ist, wie sich Arme fühlen, die nichts gegessen haben, dann gehe ich mit ihnen anders um. Es geht auch um Mitgefühl."

Unter den gut vier Millionen Muslimen in Deutschland fasten rund 75 Prozent der Erwachsenen, schätzt Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime. „Der Ramadan ist ein spiritueller und heiliger Monat für uns." Das Fasten-Gebot gelte ab der Pubertät. „Das Fasten ist eine Angelegenheit zwischen mir und dem Schöpfer." Man könne theoretisch schummeln, ohne das es jemand merke. Tatsächlich gehe es aber um Beherrschung, Disziplin und Hingabe. Aber auch die Unversehrtheit des Körpers ist göttliches Gebot: „Wer krank ist, darf nicht fasten. Ist die Gesundheit in Gefahr, muss abgebrochen werden." Und: „Wenn jemand schwierig wird, andere stört oder tyrannisiert, hat das Fasten keinen Wert mehr für Gott." Dann solle man essen.

In Städten wie Köln mit einer starken muslimischen Gemeinde sei der soziale Druck groß, mitzufasten, glaubt Lale Akgün, früher Islambeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion. „Oft ist es auch reine Gewohnheit oder bei Frauen der Wunsch, abzunehmen", erklärt die türkischstämmige Muslimin, die in der NRW-Staatskanzlei tätig ist. „Es geht um Besinnung und Nähe zu Gott. Wenn ich aber in der Fabrik arbeite oder in einer Putzkolonne und völlig fertig bin und mit dem Fasten meinen Körper schinde, dann ist das nicht richtig und auch nicht islamisch."

Akgün hält nichts davon, sich tagsüber zu martern und dann abends ausgehungert über das Essen herzufallen. Der Flüssigkeitsverzicht im Sommer sei riskant und falsch. „Im Winter, wenn die Tage kurz sind, mag das kein Problem sein, aber an Sommertagen 14 Stunden lang oft bei Hitze nichts zu trinken, geht gar nicht." Und das merke man fastenden Muslimen auch schon mal an. „Sie haben Kopfschmerzen, es geht ihnen nicht gut, spätestens am Nachmittag werden manche unleidlich, ungeduldig, unfreundlich." Sinnvoller wäre es, nur am Wochenende zu fasten oder auf Dinge wie Theater oder größere Einkäufe zu verzichten. Jeder solle selbst entscheiden, meint Akgün.

Der Kölner Arzt Hikmet Ulus weiß: „Die Gefahr der Dehydrierung ist groß." Einem aktiven Menschen seien viele Stunden ohne Wasser kaum zuzumuten. Für Taxifahrer, Zugführer oder Krankenschwestern - für alle, die im öffentlichen Leben eine wichtige Rolle haben - gebe es Ausnahmen und Befreiungen, um Unfälle wegen körperlicher Schwächung zu vermeiden. Ulus fastet nicht: „Ich trage Verantwortung für meine Patienten. Wenn ich nicht vollkonzentriert arbeiten kann oder ohnmächtig werde, nutzt das niemandem."

dpa

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