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Wissen Hitler setzte sich für jüdischen Juristen ein
Nachrichten Wissen Hitler setzte sich für jüdischen Juristen ein
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15:53 04.07.2012
Foto: Das undatierte Bild zeigt den jüdischen Juristen Ernst Hess in einer Soldatenuniform aus dem Ersten Weltkrieg.
Das undatierte Bild zeigt den jüdischen Juristen Ernst Hess in einer Soldatenuniform aus dem Ersten Weltkrieg. Quelle: dpa
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Berlin

Adolf Hitler soll sich persönlich für einen jüdischen Juristen eingesetzt und ihn zeitweise vor der Verfolgung geschützt haben. Nach einem Bericht der in Berlin erscheinenden englischsprachigen Zeitung „Jewish Voice from Germany“ (Jüdische Stimme aus Deutschland) blieb der Düsseldorfer Amtsrichter Ernst Hess, der zeitweise Hitlers Kompaniechef im Ersten Weltkrieg gewesen war, auf Intervention des Diktators bis 1941 weitgehend unbehelligt. Hess (1890-1983) überlebte das Nazi-Reich als Zwangsarbeiter in einem Konzentrationslager in Bayern. Später wurde er Bahn-Präsident in Frankfurt/Main.

Ein Brief des „Reichsführers SS“ Heinrich Himmler vom August 1940 wies die Behörden an, dass Hess, „entsprechend dem Wunsch des Führers... in jeder Hinsicht unbehelligt gelassen wird“. Die Historikerin Susanne Mauss hatte das Dokument bei der Vorbereitung einer Ausstellung im vergangenen Jahr im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen entdeckt.

Mit dem Bericht werde deutlich, dass Hitlers willige Helfer die Befehle des „Führers“ bedingungslos erfüllten – egal ob als Retter oder Massenmörder, wie der Herausgeber der Zeitung, Rafael Seligmann, sagte. Es sei auch Aufgabe einer jüdischen Zeitung, auch in dieser Form das mörderische System der Nazis zu beschreiben. „Jewish Voice from Germany“ erscheint vierteljährlich in einer Auflage von 30.000 Exemplaren und richtet sich mit Berichten aus Politik, Kultur und Wirtschaft vor allem an Leser in den USA, Kanada und Großbritannien.

Bisher war nur ein weiterer Fall bekannt, nach dem Hitler sich für einen Juden eingesetzt hatte. So soll der Linzer Arzt seiner Mutter, Eduard Bloch, bis zu seiner Emigration 1940 unter dem Schutz des „Führers“ gestanden haben.

Hess war im Zuge der „Arisierung“ als Richter abgesetzt worden. Wie die Historikerin Mauss berichtet, zog er daraufhin mit seiner Familie nach Bozen in Südtirol. Nach dem jetzt bekanntgewordenen Brief Himmlers, den die Zeitung in ihrer Juli-Ausgabe als Original nachdruckt, hatte Hess Kontakt zu Hitler über einen gemeinsamen Kriegskameraden gesucht. Der Hauptmann Fritz Wiedemann war von 1934 bis 1939 Adjutant Hitlers. In dem Brief bat der zum Protestantismus konvertierte Hess, dass er nach den Nürnberger Rassegesetzen als „Halbjude“ gelte und demzufolge nicht „als Jude“ gebrandmarkt werden sollte.

Zwar lehnte Hitler diese Bitte ab, wies aber über Himmler die Behörden an, Hess die Versorgungsbezüge nach Italien zu überweisen. Hess erhielt auch einen neuen Pass, dem der für Juden zwingende Zwischenname „Israel“ fehlte. Somit war er äußerlich nicht mehr als Jude erkennbar. Auch der Chef der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers, und der deutsche Generalkonsul in Italien, Otto Bene, schalteten sich für Hess ein.

Nach dem Hitler-Mussolini-Pakt über die „Italianisierung“ Südtirols musste die Familie Hess 1939 nach Deutschland zurückkehren und ließ sich bayerischen Dorf Unterwössen nieder. 1941 erhielt Hess die Nachricht, dass er nicht mehr unter Hitlers Schutz stehe.

Hess wurde in das Konzentrationslager Milbertshofen bei München gebracht. Nach Angaben der Historikerin Mauss rettete ihn die „Mischehe“ mit seiner nichtjüdischen Frau Margarethe vor der Deportation. Tochter Ursula wurde als Zwangsarbeiterin in einer Elektrofirma eingesetzt. Doch Hess' Mutter Elisabeth und die Schwester Berta wurden auf Anweisung von Adolf Eichmann deportiert. Berta Hess wurde in Auschwitz ermordet, der Mutter gelang in den letzten Kriegswochen die Flucht aus Theresienstadt in die Schweiz.

dpa