Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Wissen Kanadas Arktis: Tauender Boden führt zu Erdrutschen
Nachrichten Wissen Kanadas Arktis: Tauender Boden führt zu Erdrutschen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:01 02.04.2019
Blick auf die Abbruchkante des Erdrutsches auf Banks Island in Kanadas arktischer Inuvik-Region. Quelle: Antoni G. Lewkowicz
Anzeige
Ottawa/Kingston

Die infolge des Klimawandels steigenden Temperaturen in der Arktis führen zu einer drastischen Zunahme von Erdrutschen: 2013 gab es auf einer Insel im kanadisch-arktischen Archipel mehr als 60 Mal so viele Erdrutsche wie 1984, haben kanadische Wissenschaftler anhand von Satellitenaufnahmen ermittelt. Das liegt daran, dass das Eis im Permafrostboden taut, berichten die Forscher im Fachmagazin „Nature Communications“. Die Anzahl der Erdrutsche zeige einen klaren Zusammenhang mit der Durchschnittstemperatur im Juli und August.

Antoni Lewkowicz von der University of Ottawa und Robert Way von der Queen’s University in Kingston (beide Kanada) hatten Satellitenaufnahmen von Banks Island ausgewertet, der fünftgrößten Insel Kanadas, die Teil des Arktischen Archipels ist. Die Aufnahmen stammten aus dem Datensatz Google Earth Engine Timelapse. Die Insel ist mit rund 70 000 Quadratkilometern etwa so groß wie Bayern, hat aber nur 112 Einwohner, die allesamt im Örtchen Sachs Harbour wohnen. Der Permafrostboden erreicht eine Dicke von bis zu 500 Metern. Die Vegetation ist größtenteils die einer Kältesteppe, am häufigsten kommen Flechten, Moose, Gräser und niedrige Sträucher vor. Im Januar beträgt die durchschnittliche Lufttemperatur –28 Grad Celsius, im Juli 7 Grad.

Anzeige

In warmen Sommern taut der Permafrostboden

Wenn in warmen Sommern der Permafrostboden an der Oberfläche auftaut, verlieren Böden an Geländeneigungen den Halt, den zuvor das Eis im Boden gegeben hatte. Ein Erdrutsch ist die Folge. Solche Erdrutsche können länger aktiv sein, teils für Jahrzehnte. Die Abbruchkante verlagert sich dabei immer weiter nach hinten. Auf Aufnahmen aus dem Jahr 1984 zählten die Forscher 63 solcher aktiven Erdrutsche, im Jahr 2013 waren es 4077. Insgesamt wurden in den drei Jahrzehnten mehr als 4500 Erdrutsche ausgelöst.

Während sie in den 1980er Jahren überwiegend in Küstennähe stattfanden, treten sie inzwischen auch an Flüssen und Uferböschungen von Seen auf, berichten die Wissenschaftler. Insgesamt seien mehr als 250 Seen auf der Insel betroffen. Drei Seen mit einer Größe von weniger als 1,3 Hektar seien durch den Schlamm von Erdrutschen mittlerweile vollständig gefüllt. Aber auch die übrigen Seen hätten durch die Schlammeinträge ihre Farbe geändert. Die Auswirkungen auf die Fische und die Ökosysteme insgesamt seien bisher unbekannt.

86 Prozent aller neuen Erdrutsche beobachteten die Forscher erstmals in den Satellitendaten nach vier besonders warmen Sommern in den Jahren 1998, 2010, 2011 und 2012. Die höchste Durchschnittstemperatur betrug dabei 9,1 Grad Celsius im Juli und August 2012.

Etwa 10 000 neue Erdrutsche bis 2085

Unter Berücksichtigung der Durchschnittstemperatur im Juli und August des Vorjahres und der des aktuellen Jahres ließ sich die Zahl neu in Gang gesetzter Erdrutsche errechnen. Mit Hilfe dieses Modells sagten die Forscher unter Annahme eines moderaten Temperaturanstiegs rund 10 000 neue Erdrutsche für den Zeitraum 2076 bis 2085 voraus. Es gebe allerdings verschiedene Einflussfaktoren, die dieses Modell nicht berücksichtige, etwa inwieweit eine schnellere Folge von wärmeren Jahren die Abtau-Vorgänge – und damit die Entstehung neuer Erdrutsche – beeinflusse.

„Wir können nicht Tausende von Auftau-Einbrüchen aufhalten, sobald sie beginnen“, wird Lewkowicz in einer Mitteilung seiner Universität zitiert. Wir könnten nur Änderungen im eigenen Leben vornehmen, um unseren CO2 -Fußabdruck zu reduzieren, und die Politiker dazu ermutigen, die notwendigen Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen zu ergreifen – „damit die zukünftige Erwärmung so gering wie möglich ausfällt.“

Von RND/dpa/Stefan Parsch