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Nachrichten Wissen Kolibris essen mit gespaltener Zunge
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20:18 12.05.2011
Statt einfach nur in den Nektar einzutauchen, spreizten sich die beiden röhrenförmigen Teile der Zunge auseinander – ähnlich wie bei der gespaltenen Zunge einer Schlange. Quelle: Screenshot
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Kolibris sind winzig, flink und ernähren sich von Blütennektar, den sie im Flug naschen. Doch wie kommt der süße Trunk aus der Blüte in ihren Mund? Seit 1830 gingen die Biologen davon aus, dass die Vögel nur ihre Zunge in den Nektar hängen und dieser dann durch Kapillarkräfte in die enge Röhre hineingesaugt wird. Ein Biologie-Doktorand der amerikanischen Universität Connecticut hat diese lange geltende Annahme nun mit eigenen Untersuchungen widerlegt. Alejandro Rico-Guevara fand heraus, dass die Kolibri-Zunge den Nektar in Wirklichkeit eher löffelt. „Man kann nicht einfach hinnehmen, was geschrieben steht“, betont der Forscher.

Stutzig machten den Nachwuchswissenschaftler bei seiner Vorrecherche unter anderem frühere Computersimulationen des Trinkvorgangs. Damals stellten die Biologen bei Flüssigkeitsanalysen fest, dass Kolibris im Einklang mit der Kapillarkraft-Theorie wässrigen Nektar bevorzugen sollten. Doch Rico-Guevara hatte oft genug selbst beobachtet, dass die Tiere tatsächlich lieber dickflüssigen Nektar tranken. Physiologisch wäre das auch sinnvoll. Denn die winzigen Vögel schlagen pro Minute 400- bis 500-mal mit den Flügeln und atmen 250-mal pro Minute. Um die dabei verbrauchte große Menge an Energie zu ersetzen, ist zuckerreicher Nektar deutlich effektiver.

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Also schaute sich Rico-Guevara die Trinkgewohnheiten der gefiederten Winzlinge in den kolumbianischen Anden genauer an. „Die Herausforderung war: Wie bestimmt man, was passiert, wenn man nicht in den Mund der Vögel schauen kann?“, sagt Prof. Margaret Rubega, die Rico-Guevaras Promotion betreut. Der Doktorand lockte die Kolibris mit einer durchsichtigen Nektarquelle und filmte die Nahrungsaufnahme mit einer hochauflösenden Hochgeschwindigkeitskamera bei rund 30 der in den Anden heimischen Arten.

Die Auswertung brachte eine Überraschung: Statt einfach nur in den Nektar einzutauchen, spreizten sich die beiden röhrenförmigen Teile der Zunge auseinander – ähnlich wie bei der gespaltenen Zunge einer Schlange. Dazwischen klappte zusätzlich eine Vielzahl von kleinen Fransen aus, in denen der Nektar hängenblieb, bevor der Vogel die Zunge wieder zurückzog. „Als ich begann, meinen Kollegen davon zu erzählen, war das schon ein bisschen komisch“, sagt Rico-Guevara. „Aber auch total aufregend.“ Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass ein Nachwuchsforscher derart lange etablierte Theorien aus den Angeln hebt.

Weil die Kolibris ihre Zunge quasi hydraulisch bewegen und dafür keine Muskelenergie verbrauchen, könnten seine Ergebnisse womöglich auch für Ingenieure interessant sein, glaubt Rico-Guevara. Eine derartige Methode könnte beispielsweise helfen, energiesparende Geräte zum Sammeln und Transportieren von Flüssigkeiten zu entwickeln, erklärt er.

Für seine Forschung hat der amerikanische Biologe das nächste Ziel schon vor Augen: Er will sich mit der Frage beschäftigen, wie die Kolibris es schaffen, den Nektar ebenso schnell zu schlucken wie sie ihn in den Mund befördern.
Weitere Detailfotos unter http://today.uconn.edu/?p=34185

Nicola Zellmer