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Wissen Krebszellen sollen handzahm werden
Nachrichten Wissen Krebszellen sollen handzahm werden
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10:55 16.02.2010
Von Nicola Zellmer
Von Krebs befallenes Brustgewebe wird in der Kasseler Pathologie nach einem Schnellschnitt in flüssigem Stickstoff schockgefroren Quelle: dpa (Archiv)
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Neue Erkenntnisse in der Krebsforschung: Umprogrammierung statt Vernichtung der Zellen. Denn Bestrahlung oder Chemotherapie zerstören neben den Krebszellen immer auch unbeteiligte Körperzellen. Schon seit Jahren arbeiten Krebsforscher daher daran, die Tumorzellen gezielter zu vernichten. Inzwischen gibt es einen weiteren Ansatz: Das Rückprogrammieren von ausufernd wuchernden, entarteten Krebszellen zu braven Körperzellen. Das Werkzeug dazu bietet den Wissenschaftlern die sogenannte Epigenetik. Am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg forschen mehrere Arbeitsgruppen auf diesem Gebiet.

Während das Fachgebiet Genetik die in der Erbsubstanz DNA festgeschriebenen Informationen untersucht, befasst sich die Epigenetik mit deren Nutzung im „Alltag“ des Körpers. „Von der etwa 1,5 Meter langen DNA-Kette sind immer nur bestimmte Abschnitte aktiv“, erklärt Prof. Christof Niehrs, der mit seinem Team untersucht, wie diese Aktivität reguliert wird. Der Europäische Forschungsrat unterstützt das Projekt für vier Jahre mit 2,4 Millionen Euro.

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Einiges haben die Epigenetikforscher bereits herausgefunden: Damit im Tagesgeschäft nicht die falschen Gene abgelesen werden, setzt der Körper spezielle Markierungen ein. Methylgruppen an der DNA verhindern die Nutzung von Geninformationen, etwa für körpereigene „Krebsbremsen“. Acetylgruppen an der DNA-Verpackung dagegen sorgen für ein leichteres Ablesen.

„Bei Krebs sind die falschen Gene angeschaltet“, erklärt Niehrs. „Das erlaubt den Zellen unkontrolliert zu wachsen.“ Man sei lange davon ausgegangen, dass die Methylmarkierung der DNA nicht rückgängig gemacht werden könne. Doch das stimmt nicht. Niehrs und seine Kollegen haben ein Gen identifiziert, das für das Ablösen der Markierung und die Reaktivierung der blockierten Gene zuständig ist. Grundsätzlich könnte man diesen Mechanismus auch zur Krebsbekämpfung nutzen. „Aber die bekannten Substanzen beeinflussen die Methylierung aller Gene“, schränkt Niehrs ein. „Es gibt daher viele Nebenwirkungen.“ Mit seinem Team will er die epigenetische Regulierung daher detaillierter untersuchen. „Das ist aber noch weit von einer Anwendung entfernt“, sagt er.

Die DKFZ-Arbeitsgruppe von Prof. Olaf Witt wiederum untersucht gezielt Medikamente, die die Stilllegung von Genen verhindern können. Die Forscher konzentrieren sich dabei auf ein bestimmtes Enzym, das HDAC8. Es verändert die Verpackung der Erbsubstanz, sodass bestimmte Gene nicht abgelesen werden können. Unter anderem sorgt HDAC8 dafür, dass ein Hirntumor bei Kindern aggressiv wächst. Ein eigentlich für Tumoren auf der Haut zugelassenes Medikament blockiert in der Kulturschale die Krebszellen. Dieses Medikament wollen Witt und seine Kollegen jetzt in einer klinischen Studie testen.