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Wissen Marinezensus katalogisiert die Meerestiere der Welt
Nachrichten Wissen Marinezensus katalogisiert die Meerestiere der Welt
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22:34 05.08.2010
Von Nicola Zellmer
Vorsicht zerbrechlich! Diesen Asteronyx loveni genannten Seestern lichtete ein Tauchroboter in 1265 Meter Tiefe unter der Meeresoberfläche ab. Quelle: afp/Monet
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Dabei sind sie in unbekannte Regionen der Tiefsee vorgedrungen, haben historische Literatur gewälzt und länderspezifisches Wissen verarbeitet. Als Ergebnis präsentiert die von der amerikanischen Alfred P. Sloan-Stiftung unterstützte Gruppe im Oktober 2010 einen Katalog von rund 230.000 marinen Tierarten – darunter zahlreiche neu entdeckte Organismen.

„Eine so weitreichende internationale Förderung können nur private Geldgeber leisten“, sagt die Tiefseeforscherin Antje Boetius vom Alfred-Wegner-Institut (AWI). Sie ist im Lenkungsausschuss des Zensusprojektes vertreten, hat aber auch an Expeditionen zur Erforschung der arktischen Tierwelt teilgenommen. Die Kosten des Projekts beziffert eine internationale Forschergruppe in einem Artikel für das Journal „Public Library of Science“ (PLoS One) mit 650 Millionen US-Dollar. „Die Stiftung hat dabei nur die Zusammenarbeit gefördert“, erklärt Boetius. „Die mehr als 500 Expeditionen haben die teilnehmenden Länder und Institutionen finanziert.“

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Die Volkszählung in den Weltmeeren soll den Forschern eine Datenbasis liefern, mit der sich künftig Veränderungen von Ökosystemen dokumentieren lassen. „Wir wollen wissen, wer wo lebt, und ob die Arten dort zu Hause sind oder eingewandert waren“, sagt Boetius. Dazu benötigen die Experten eine Art Adressbuch des Meeres, das die Zusammensetzung seiner Bewohner abbildet. „Abgesehen von China, Europa und Neuseeland haben die meisten Regionen keine zuverlässigen Artenverzeichnisse“, schreibt das Forscherteam um Mark John Costello von der neuseeländischen Universität Auckland in „PLoS One“. Dadurch sei die tatsächliche Artenzahl noch immer unsicher. Jetzt drängen die Forscher zur Eile: „Viele der Meeresbewohner könnten aussterben, bevor man sie überhaupt kennt.“

Ihre Sorge ist nicht unbegründet, wie die Zensusergebnisse zeigen. Überall identifizierten die Wissenschaftler Überfischung und Umweltverschmutzung als Hauptgefahren für die Artenvielfalt im Meer. Gleich danach kommen fremde Arten, die häufig die einheimischen Tiere verdrängen, weil sie in ihrem neuen Verbreitungsgebiet keine natürlichen Feinde haben. Aber auch veränderte Temperaturen, Versauerung und Sauerstoffmangel bedrohen die Meeresbewohner. Die regionalen Teilprojekte zeigen, dass die Verteilung von Tieren und Tierarten in den verschiedenen Ozeanen sehr unterschiedlich ist. Während in Australien und Japan mehr als 32.000 Tierarten gezählt wurden, haben Alaska, die Arktis, die Antarktis und Patagonien zehnmal weniger Bewohner. Die Hälfte davon stellen Krebse, Muscheln und Fische – das ist in allen Regionen ähnlich. Allerdings variiert die Zahl der einheimischen Arten stark. Australien und Neuseeland können mit 9000 und 6500 heimischen Tierarten glänzen. Im Mittelmeer, das über den Suezkanal Verbindung zu Rotem Meer und über die Meerenge von Gibraltar zum Atlantik hat, gibt es dagegen viele Einwanderer und nur 2000 heimische Arten.

Die Forscher des Zensusnetzwerkes wollen ihre Arbeit künftig in nationalen Untersuchungen weiterführen. Besonderen Forschungsbedarf gibt es laut Boetius noch immer in der Tiefsee. Dort sind noch längst nicht alle Regionen zugänglich. Die AWI-Forscherin plant 2014 mit US-Kollegen die erste Untereisexpedition in der Arktis. Das Projekt „Aurora“ wird vom Bundesforschungsministerium unterstützt und soll 4000 Meter unter dem Eisschild des Gakkel-Rückens mit Tauchrobotern die Lebensgemeinschaften an Unterwasservulkanen erforschen. „Da gibt es bisher noch kein Bildmaterial und keine Proben“, sagt Boetius.