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Mit Werbung gegen Fachkräftemangel im Öffentlichen Sektor

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05:00 05.06.2019
Experten zufolge wird der Fach­kräftemangel im öffent­lichen Sektor am deutlichsten ausfallen. Quelle: iStockphoto
Hannover

Es gibt Momente, da empfindet Achim Höcherl bei seiner Arbeit das pure Glück. Das geschieht zum Beispiel regelmäßig dann, wenn er in der Kläranlage Bonn-Duisdorf an der „Belebung“ steht – Becken mit einer braunen, sprudelnden Brühe darin. Wenn er dann weitergeht zum Ablauf, dorthin, wo das gereinigte Wasser in die Gewässer geleitet wird, „dann kriege ich eine Gänsehaut“, sagt Höcherl. Die „Belebung“, das ist jener zentrale Teil einer Kläranlage, in der Bakterien und Kleinstlebewesen Schmutz- und Schadstoffe aus der braunen Brühe knabbern. Achim Höcherl, 48, seit 32 Jahren Abwassertechniker bei den Bonner Klärwerken, hat sich die Begeisterung für diese wundersamen Abläufe bewahrt. Ein Gefühl dafür, dass das alles hochgradig sinnvoll ist, was er und seine mehr als 100 Mitarbeiter jeden Tag steuern. Und dass manches, was man im Alltag leicht für selbstverständlich nimmt, dies in Wirklichkeit gar nicht ist.

Abwassertechniker ist einer von vielen vielfältigen Berufen

Um dem Fachkräftemangel im Bereich der Abwassertechnik entgegenzuwirken, werden mithilfe einer Plakat-Kampagne Mitarbeiter gesucht. Abwassertechniker Achim Höcherl hat der Werbung sein Gesicht geliehen. Quelle: Stadt Bonn

„Über klares Wasser“, sagt Höcherl, „kann ich mich wirklich freuen.“ Mit diesem Enthusiasmus für seinen Job ist Achim Höcherl zu einem der Köpfe einer Kampagne geworden, die helfen soll, ein großes Problem zu lösen. Auf den Plakaten surft er auf einem Brett durch einen Brunnen, „KlarSpüler“, steht daneben, und ganz unten: „Abwassertechniker. Einer von über 40 vielfältigen Berufen voll spannender Herausforderungen und guter Perspektiven“. Die Kampagne soll helfen, ein weithin unterschätztes Berufsfeld attraktiver erscheinen zu lassen: den öffentlichen Dienst. Zugleich könnte sie ein Modell sein, um jenem Problem zu begegnen, das die Städte und Gemeinden in den kommenden Jahren heftig plagen könnte: dem Mangel an Mitarbeitern. Mag die Wirtschaft auch laut stöhnen, ihr fehlten die Fachkräfte – die Kommunen haben aller Voraussicht nach noch weit mehr Grund dazu: „Der Fachkräftemangel im öffentlichen Sektor wird bis 2030 mit über 800 000 fehlenden Fachkräften im Vergleich zu anderen Sektoren am deutlichsten ausfallen“, schreibt die Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers in einer Studie über den Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst. Allein 194 000 Mitarbeiter werden laut der Prognose in lehrenden Berufen und 151 000 bei den Verwaltungskräften fehlen also in Kernbereichen des öffentlichen Dienstes“, wie PwC feststellt.

Mitarbeiter: Die besten Botschafterinnen und Botschafter ihrer Berufe

Neben der Kampagne „KlarSpüler“ wirbt eine Sozialarbeiterin als „SchutzEngel“ für ihren Berufszweig. Quelle: Stadt Bonn

Der Befund ist düster – doch immerhin sind sich Ratgeber aller Art weitgehend einig, was die öffentlichen Arbeitgeber, von Kommunen bis zum Bund, tun müssten: besser zahlen, flexibler werden – und ihre Stellen und Berufe vom falschen Ruf der Biederkeit und Langeweile befreien. Gerade auf diesen Punkt setzen einige Kommunen inzwischen offenbar erfolgreich. Die Stadt Bonn stellt dabei seit vergangenem Herbst echte eigene Mitarbeiter in den Mittelpunkt. „Sie sind für uns die besten Botschafterinnen und Botschafter“, sagt Oberbürgermeister Ashok Sridharan. Neben „KlarSpüler“ Achim Höcherl wirbt eine Mitarbeiterin als „SchutzEngel“ für den Job als Sozialarbeiterin, jemand anderes posiert mit Fuchs und Eule als „WaldMeister“ für eine Tätigkeit als Forstwirt. Auf Plakaten und Postkarten sind die Motive in der Stadt präsent, dazu kommen die „DatenTrägerin“ (Verwaltungswirt) und der „StraßenKünstler“ (Bauingenieur). Als Konkurrenz im Kampf um die Köpfe sieht Bonn nicht nur die Wirtschaft, sondern auch andere Kommunen ringsum und andere Behörden in Bonn selbst – sie alle buhlen um die jungen Menschen.

Als Achim Höcherl 1987 mit der Ausbildung zur Fachkraft für Ver- und Entsorgung begann, war die Situation noch genau umgekehrt. „Ich war heilfroh und stolz“, sagt er heute – darauf, dass er die Lehrstelle überhaupt bekommen hatte. In den Jahren darauf lernte er die Vorzüge des öffentlichen Dienstes schätzen: ein sicherer Job, dazu Aufstiegsmöglichkeiten. Höcherl qualifizierte sich zum Abwassermeister, mit 27 Jahren leitete er das erste Klärwerk, inzwischen ist er Chef aller vier Bonner Kläranlagen, „obwohl ich kein Studium habe“, wie er stolz sagt, „eine Besonderheit“. Auch im öffentlichen Dienst zählt Kompetenz manchmal mehr als eine formale Qualifikation.

Auszubildende wechseln in die Privatwirtschaft

Nur überzeugen solche Aussichten zuletzt immer weniger junge Leute. Auf die zwei Ausbildungsplätze zum Abwassertechniker haben sich zuletzt nur drei Kandidaten beworben. Und wenn seine Absolventen ihren Abschluss haben, dann kommen sie manchmal zu ihm und erklären, sie hätten ein Angebot aus der Wirtschaft und würden dort mehr verdienen – und gehen. Dazu kommen jene Mitarbeiter aus der Babyboomer-Generation, die in den kommenden Jahren in Rente gehen – in Höcherls Belegschaft ist es fast ein Drittel. „Das sind über 1000 Berufsjahre, die gehen, ein Riesenverlust“, klagt Höcherl.

Was hilft, um dem zu begegnen? „Die Bezahlung muss angepasst werden“, fordert Höcherl deshalb im Einklang mit den Gewerkschaften. Angesichts eher sinkender Steuereinnahmen gilt eine bessere Bezahlung als schwierig – und dürfte allein auch nicht die Lösung sein. Als mindestens ebenso großes Problem gilt das biedere Image des öffentlichen Dienstes. Dabei könnte genau diese Solidität auch ein Vorteil sein: In neueren Umfragen erklären die Jüngeren jedenfalls, dass ihnen Sinn und Sicherheit wichtiger seien als das Geld. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, plädiert auch deshalb dafür, die Vorteile des öffentlichen Dienstes noch stärker herauszustellen: „Notwendig ist eine nachhaltige Marketing- und Imagekampagne“, fordert er.

Imagekampagnen sollen helfen

Neben Bonn hat auch Halle an der Saale eine solche Werbeaktion gestartet. Bei der Aktion „Mach was! Aus dir. Aus Halle.“ berichtet der angehende Brandoberinspektor Christoph aus seinem Alltag auf der Feuerwache, der künftige Elektroniker Pascal erzählt vom Sozialpraktikum in der Behindertenwerkstatt, und Emily, bald Kauffrau für Büromanagement, schildert die Vorzüge der Jugendauszubildendenvertretung. Echte junge Menschen, die aus ihrem ganz realen Alltag erzählen, und echte Mitarbeiter, die für ihre Berufe werben: Solche Authentizität kommt an.

Um die beiden Ausbildungsplätze bei den Bonner Klärwerken haben sich in diesem Jahr jedenfalls nicht mehr nur drei junge Menschen beworben – sondern 26. Es ist eine Zahl, die Achim Höcherl stolz macht. „Wir machen hier etwas wirklich Wichtiges“, sagt er – und etwas, das ihm, auch davon erzählen die KlarSpüler-Bilder, genau deshalb großen Spaß macht.

Dem Öffentlichen Dienst steht, Experten zufolge, ein Fachkräftemangel bevor. Quelle: RND

Von RND / Thorsten Fuchs

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