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Wissen Mit teurer Technik gegen Tumoren
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01:16 03.11.2009
Von Nicola Zellmer
Im Kampf gegen den Krebs setzt die Universitätsklinik Heidelberg künftig eine europaweit einzigartige Anlage ein.
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Die Universität Heidelberg als Träger und Kooperationspartner Siemens, der den Prototypen gebaut hat, erklärten die Verzögerungen mit Problemen bei den Softwaresystemen.

Mit aufwendiger Technik soll die 116 Millionen Euro teure Forschungseinrichtung am Universitätsklinikum künftig Krebskranke gezielt und hochwirksam mit Partikeln bestrahlen. Fünf bis zehn Prozent der Patienten, bei denen das Tumorwachstum nicht mit herkömmlicher Strahlentherapie gestoppt werden kann, könnten davon profitieren, schätzt das Zentrum. Pro Jahr erhoffen sich die Heidelberger 1300 Patienten.

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Darunter wird vermutlich auch der eine oder andere Kranke aus der Region Hannover sein. Denn die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) hat mit den Heidelbergern eine Kooperationsvereinbarung getroffen. Allzu viele Patienten werde das allerdings nicht betreffen, meint Professor Johann Hinrich Karstens, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und spezielle Onkologie an der MHH. „Sinnvoll ist die Partikeltherapie bei seltenen Krebsarten wie bestimmten Augentumoren, langsam wachsenden Tumoren der Wirbelsäule und Knochentumoren an der Schädelbasis“, erklärt der Strahlenmediziner, der die neue Methode als Regionalbeauftragter der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (Degro) seit Jahren beobachtet und auch die Degro-Stellungnahme dazu vertritt. Bei dem auch als Protonentherapie bezeichneten Verfahren produziert eine Ionenquelle positiv geladene Ionen aus Wasserstoff-, Helium- oder Sauerstoffatomen. Bei der technisch aufwendigeren Schwerionentherapie werden dagegen vor allem Kohlenstoffatome verwendet. In einem Teilchenbeschleuniger werden die Partikel dann auf bis zu 75 Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, mithilfe zweiter Magneten fokussiert und dann in den Tumor gelenkt. Ziel ist eine exakte Bestrahlung der Krebszellen – möglichst ohne umliegendes Gewebe zu verletzen.

Diese Eigenschaften der Partikelstrahlen machen die Methode laut Karstens auch für weitere Anwendungen interessant, etwa Tumoren bei Kindern, die bei konventioneller Strahlentherapie ein höheres Risiko für einen durch die Therapie ausgelösten Krebs haben. „Die Protonen haben Argumente für sich“, erklärt der Strahlenmediziner. „Aber man kann nicht einfach behaupten, dass man mit Partikelstrahlen die Dosis im Tumor erhöhen kann. Dafür ist noch viel wissenschaftliche Erprobung nötig.“

Gerade bei häufigen Karzinomen wie Brust- oder Prostatakrebs sehen Karstens und die Degro keine Vorteile durch die neue Methode. „Die konventionelle Strahlentherapie wurde ebenfalls deutlich weiterentwickelt, und vergleichende Studien zwischen beiden Methoden fehlen noch“, sagt er. Zudem habe es sich bewährt, nach dem Muster des „schrumpfenden Feldes“ zu bestrahlen. Das bedeutet, dass der Tumor und seine Umgebung zunächst einer geringeren Strahlendosis ausgesetzt werden. Später wird das Bestrahlungsfeld kleiner und die Dosis höher. So wollen die Mediziner auch Krebszellen, die abseits des Tumorzentrums liegen, erwischen. „Der scharfe Abfall des Strahls ist dagegen bei sehr begrenzten Strukturen wie dem Sehnerv von Vorteil“, sagt Karstens.

Hinzu kommt, dass das neue Verfahren aufgrund der aufwendigen Technik um ein Vielfaches teurer ist als eine konventionelle Strahlenbehandlung. Die Krankenkassen hätten die Erstattung der bis zu 19 500 Euro teuren Einzeltherapie daher stark eingeschränkt und bezahlten beispielsweise keine Behandlung bei Brustkrebs, sagt Karstens. Weil die Partikeltherapie in Amerika allerdings bereits für fast alle Krebsarten eingesetzt wird, machen sich private Anbieter wie das im März dieses Jahres in Betrieb gegangene Rinecker-Protonen-Therapiezentrum in Haar bei München Hoffnungen auf immer mehr Patienten.

„Prinzipiell können aufgrund der physikalischen und biologischen Eigenschaften der Protonen alle Tumore, die bisher mit Röntgenstrahlen therapiert werden, mit Protonen bestrahlt werden“, heißt es unter anderem in der Broschüre des 150 Millionen Euro teuren Zentrums mit fünf Behandlungsplätzen. „Die Heilungschancen werden erhöht. Die Nebenwirkungen werden verringert. Die Behandlungsmöglichkeiten wachsen.“ Und wer wäre nicht bereit, für die Rettung eines krebskranken Angehörigen einige Tausend Euro hinzublättern?

Karstens hält die vollmundigen Behauptungen zur Therapie allerdings für nicht belegbar. „Den Patienten werden unrealistische Hoffnungen gemacht mit einem Verfahren, über das es derzeit noch zu wenig Daten gibt“, sagt er. Für ihn ist klar: Die neue Technik muss man im Blick behalten, aber derzeit ist sie nur für wenige Patienten wirklich sinnvoll.

Stromverbrauch wie eine Stadt
Das Heidelberger Ionentherapie-Zentrum (HIT) kann mit beeindruckenden Zahlen aufwarten: Es hat 116 Millionen Euro gekostet, die je zur Hälfte vom Universitätsklinikum Heidelberg und vom Bund getragen werden. Der Neubau bietet mit 5027 Quadratmetern auf drei Etagen fast so viel Platz wie ein Fußballfeld. Zwei der drei Etagen wurden unterirdisch gebaut. Dort befindet sich der Bestrahlungsbereich.

Neben zwei Ionentherapieplätzen, an denen der Patient mit einem Roboter in die richtige Position für die Bestrahlung gebracht wird, gibt es die sogenannte Gantry. Diese 670 Tonnen wiegende Schwerionen-Bestrahlungsquelle mit 13 Metern Durchmesser ist in einem Raum untergebracht, der sich über alle drei Etagen erstreckt. Mit der Gantry (Bild) kann die Strahlungsquelle um den Patienten herum bewegt werden. Kosten und Energieverbrauch sind gigantisch: Der Preis für das Gerät liegt bei 119 Millionen Euro, der Stromverbrauch entspricht einer Stadt mit 10 000 Einwohnern. Im HIT sind rund 70 Ärzte, Pfleger, Physiker und Techniker beschäftigt. Die Anlage läuft im Schichtbetrieb an sieben Tagen pro Woche rund um die Uhr. Weitere Ionenstrahlanlagen werden zurzeit in Marburg-Gießen und Kiel gebaut.