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Nachrichten Wissen Das sollten Sie über den Ohrwurm wissen
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06:00 15.11.2018
Wer einen Ohrwurm hat, wird ihn meist so schnell nicht wieder los. Quelle: dpa
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Hannover

Irgendwo im Ohr muss ein böses kleines Männchen sitzen. „Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“, schmettert es ungefragt drauflos. Und ein Zwergenchor brüllt hinterher: „Hölle Hölle Hölle“. Wieder geht es los. „Das ist Wahnsinn, du spielst mit meinen Gefühlen.“ Hölle, Wahnsinn, Wahnsinn, Hölle. Alles dreht sich im Kreis, immer wieder. Es ist zum Verrücktwerden, einfach Hölle! Warum nur dieses Lied?

Manche Songs scheinen wie gemacht dafür, sich als Ohrwurm in die Gehörgänge zu graben. Dazu gehört unbestritten Wolfgang Petrys Hit mit dem passenden Titel „Wahnsinn“. Wer den Schlager zwei-, dreimal gehört hat, der wird ihn so schnell nicht mehr los.

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Alles kann zum Ohrwurm werden

Etwa 90 Prozent aller Menschen, sagt der Musikwissenschaftler Jan Hemming von der Universität Kassel, haben gelegentlich einen Ohrwurm: Ihnen gehen kurze Melodiefetzen für eine Weile nicht aus dem Kopf. Dabei kann sich so ziemlich alles, was unser Gehör aufnimmt, zum Wurm entwickeln: Vielleicht ist es Beethovens „Für Elise“, das jemand im Nachbarhaus holprig klimpert, vielleicht ein nervtötender Werbeslogan. Vielleicht ist es auch einer jener musikalischen Monsterwürmer, denen es gelungen ist, sich tief in das Gedächtnis ganzer Generationen zu bohren: Weihnachtslieder wie „Jingle Bells“ oder „Weihnachtsbäckerei“, Partyhits wie „Live Is Life“, „We Are the Champions“ oder „YMCA“.

Seit vielen Jahren versuchen Forscher, dem Geheimnis der Ohrwurm-Formel auf die Spur zu kommen. Besonderen Ehrgeiz entwickelte ein Team um die britische Musikwissenschaftlerin Kelly Jakubowski, das in einer groß angelegten Studie 3000 Personen zu ihren Ohrwürmern befragte. „Lieder, die im Gedächtnis hängen bleiben, haben offenbar ein schnelles Tempo, eine gängige Melodie sowie ungewöhnliche Intervalle oder Wiederholungen – so, wie wir sie am Anfang von ‚Smoke on the Water‘ oder im Refrain von ‚Bad Romance‘ hören können“, erklärt Jakubowski. Aus anderen Studien wusste sie bereits: Lieder, die gerade oft im Radio laufen, entwickeln sich häufiger zu Ohrwürmern. In der britischen Studie landete denn auch Lady Gagas „Bad Romance“ auf Platz eins der meistgenannten „sticky melodies“ – der Song von 2009 war im Zeitraum der Befragung gerade aktuell.

Assoziationen als Auslöser für den Ohrwurm

Dadurch ist der Mechanismus magischer Melodien aber noch lange nicht entschlüsselt. Leichter tut sich die Wissenschaft damit, das Phänomen zu beschreiben. Ohrwürmer sind nämlich „unerwünschtes musikalisches Gedächtnis“, sagt Eckart Altenmüller, Leiter des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Musikhochschule Hannover. Versatzstücke von Melodien poppen plötzlich aus dem Gedächtnis auf. „Auslöser kann eine Assoziation sein, vielleicht ein Geruch oder ein Klang“, erklärt der Neurologe. Vielleicht hat jemand also sofort „Last Christmas“ im Ohr, sobald er Glühweinduft wittert. „Das Hirnareal, das Melodien speichert, aktiviert dann auch den Bereich, der für das Singen zuständig ist. Das führt dazu, dass man innerlich mitsingt und sich selbst zuhört. Das löst wieder den Impuls aus mitzusingen. Man singt sich also ständig etwas vor und gerät dadurch in eine Endlosschleife.“

Besonders anfällig für Ohrwürmer sind wir dann, wenn das Gehirn im Leerlauf ist – etwa beim Joggen, Zwiebelschneiden oder Staubsaugen. Dann nämlich setzt das sogenannte „Mind-wandering“ ein. Wenn man die Gedanken schweifen lässt, werden musikalische Inhalte häufiger abgerufen. „Das Gleiche passiert auch dann, wenn wir überfordert sind“, sagt der Musikwissenschaftler Hemming. Offenbar dient das „Mind-wandering“ dem Gehirn also dazu, seine Aktivität auf ein angenehmes mittleres Niveau – irgendwo zwischen Unter- und Überforderung – zu bringen. Um Ohrwürmer zu vertreiben, empfiehlt Hemming, sich auf etwas anderes zu konzentrieren: auf die Steuererklärung etwa.

Kaugummikauen hilft gegen Ohrwürmer

Es gibt angenehmere Methoden, um die Endlosschleife zu unterbrechen. Man kann auch versuchen, eine Melodie mit einer anderen zu vertreiben – am besten mit einem Lied, das einem eher gleichgültig ist, rät Eckart Altenmüller: vielleicht mit emotional nicht so überfrachteten Kinderliedern. Manchmal verstummen die inneren Quälgeister aber auch, wenn man ein Stück komplett hört: Unvollständiges bleibt nämlich besonders lange im Gedächtnis. Hat man – wie meistens – nur den Ausschnitt einer Melodie im Kopf, so erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass man sich lange an diese Tonfolge erinnert: Psychologen haben herausgefunden, dass man sich grundsätzlich besser an unterbrochene Handlungen erinnert als an abgeschlossene. „Ansonsten hilft auch Kaugummikauen“, meint Altenmüller. Dadurch wird nämlich die Muskulatur, die für das Singen zuständig ist, beschäftigt und somit die Endlosschleife gestoppt: Das böse kleine Männchen im Ohr wird sozusagen geknebelt.

Allerdings tut man den singenden Zwergen oft unrecht. Bei Umfragen hat sich ergeben, dass ihr Treiben weit weniger Anstoß erregt als angenommen. „Zwei Drittel der Ohrwürmer hat man ohnehin von Musik, die man mag“, sagt Hemming. Dabei können sogar ausgesprochen dämliche Ohrwürmer für gute Laune sorgen, wenn man nur die richtige Einstellung hat. Bei der Sängerin Almut Cech aus München zum Beispiel dreht sich tagtäglich alles um klassische Musik. Wären da nicht diese kleinen Streiche, die ihr das Gedächtnis manchmal spielt. „Seit über 20 Jahren habe ich einen Ohrwurm, der mir alle paar Wochen in den Sinn kommt“, erzählt sie: Stéphanie von Monaco mit „Irresistible“ aus den 1980er-Jahren. Die Sopranistin fängt an zu lachen: „Was für eine profane Melodie! Was für ein banaler Text!“ Statt sich darüber zu ärgern, singt sie das Lied mit und amüsiert sich über sich selbst.

Ohrwurm nur in sehr seltenen Fällen krankhaft

Geschichten wie diese könnten Psychoanalytiker beflügeln. Sie glauben nämlich, dass die kleinen Männchen im Ohr im Auftrag des Unbewussten arbeiten. Die Endlosmelodien stehen demnach für verdrängte Wünsche. Werden diese erfüllt, herrscht Ruhe im Kopf. Der Heidelberger Psychiater Cornelius Eckert beschrieb in einem wissenschaftlichen Aufsatz vor Jahren einen typischen Fall: Ein 28-jähriger Mann fuhr erstmals ohne seine Eltern in den Urlaub. Dort wurde er so stark von einem Ohrwurm gequält, dass er sich genötigt sah, zurückzufahren. Und zwar hatte er ständig den Schlager „Ach wärst du doch in Düsseldorf geblieben“ im Kopf. Das Lied stand angeblich für das starke Heimweh des Mannes. Wenn Eckerts These aber stimmt, was wollen uns dann Zeilen wie „Ich und mein Holz/Holzi – Holzi – Holz“ sagen? Dass ein Baumarktbesuch ansteht?

Tröstlich ist immerhin, dass Ohrwürmer eine normale Alltagserscheinung sind. „Nur in sehr seltenen Fällen ist das krankhaft“, sagt Altenmüller. So kann es bei Menschen, die ertaubt sind, vorkommen, dass das Gehirn selbst neue Melodien produziert, was sehr quälend sein kann. „Daneben gibt es auch akustische Halluzinationen“, berichtet der Neurologe – etwa bei Demenz oder Schizophrenie. Berühmtestes Beispiel für solche „pathologischen Ohrwürmer“ ist Robert Schumann, der angeblich nachts von Geistern Musik eingeflüstert bekam.

Menschen, die viel Musik hören und bei denen sie starke Gefühle auslöst, haben öfter Melodien im Kopf als andere. „Auch Leute, die nah am Wasser gebaut sind und eine niedrige Reizschwelle haben, neigen besonders dazu“, sagt Altenmüller. Daher ist für ihn klar, dass wir uns Lieder, die uns aufwühlen, besonders gut einprägen. Das gilt auch gerade für negative Emotionen. Verhasste Lieder sitzen manchmal so tief im Gedächtnis, dass die Erinnerung an sie in den seltsamsten Momenten wach wird: Im Film „Sturz ins Leere“ erzählt der britische Bergsteiger Joe Simpson, wie er sich schwer verwundet zum Basislager zurückkämpfte und halluzinierte. Ausgerechnet ein Schlager von Boney M, den er hasste, dröhnte ihm immerzu im Kopf: „Brown girl in the ring tra la la la la“ Das weckte seine Lebensgeister: Zu Boney M wollte er nicht sterben. Vielleicht hat ihm sein Zwergenchor am Ende das Leben gerettet.

Von Angela Stoll/RND