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Neue Studie: Psychopilze machen Zikaden zu Transportern des Todes

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09:00 28.06.2019
Zikaden und der Befall durch den Massopora-Pilz. Quelle: Greg R. Boyce/Fungal Ecology
Morgantown

Es gleicht einer abgelehnten Drehbuchidee für ein B-Movie: Ein teuflischer Pilz befällt die Protagonisten, deren Lebensuhr schon fast abgelaufen ist und schickt sie auf einen letzten Höllentrip. Obwohl physisch schon gänzlich hinfällig, werden sie von einem unbändigen Paarungstrieb ergriffen. Als Sex-Zombies irren sie durch ihr restliches Leben, obwohl ihre Fortpflanzungsorgane längst verdorrt und abgefallen sind.

Nein, das ist kein schlechtes Horrorfilm-Skript, das ist Biologie. Und die Opfer sind keine Menschen, sondern Zikaden. Was mit den „singenden“ Insekten passiert und warum die Studentin Angie Macias die Halluzinations geplagten Tiere als „Fliegende Salzstreuer des Todes“ bezeichnet, beantwortet eine Studie, die in der Fachzeitschrift „Fungal Ecology“ veröffentlicht wurde.

Viele Zikaden, so ergab die Studie, werden während der 13 bis 17 Jahre ihres Lebens, die sie im Erdboden verbringen, mit einer Pilzspore infiziert. Diese Spore lässt sie die letzten rund anderthalb Monate ihres Lebens als Sex-Zombies herumirren. Während die meisten Sporen während ihrer Ausbreitung ihre Wirtstiere oder -Pflanzen sterben lassen, zehren diejenigen der Pilzart Massopora cicadina ihre Opfer zusehends aus. Den Zikaden wächst durch den Pilzbefall ein auffälliger Pfropfen am Körperende. Nach und nach werden die Zikaden von dem Pilz konsumiert, bis sie schließlich sterben. Bis dahin allerdings sind ihre noch lebendigen Körper in einem endlosen Sexrausch.

Eine gesunde Zikade. Quelle: Matt Kasson/West Virginia University

Wenn aus Zikaden Zombies werden

Matt Kasson, Forscher mit dem Schwerpunkt Wald-Pathologie an der West Virgina University in Morgantown und Co-Autor der Studie, nutzt auch einen Gruselfilm-Vergleich, um das Phänomen zu beschreiben: „Sie kennen sicherlich den Film ,The Walking Dead’ – nun, wir haben „The Flying Dead’ entdeckt. Die Zikaden sind buchstäblich Zombies, denn der Pilz hat die volle Kontrolle über die Tiere übernommen.“ Der Pilz namens Massopora cicadina enthält chemische Stoffe, die dieselbe halluzinogene Wirkung haben wie die sogenannten Magic Mushrooms, Pilze, die bei Menschen mit Hang zu halluzinogenen Pflanzen sehr beliebt sind. Kasson warnt Magic-Mushrooms-Nutzer denn auch ausdrücklich davor, diesen Pilz zu verwenden.

„Die psychoaktiven Verbindungen waren nur zwei von knapp 1000 Stoffen, die wir in den Zikaden gefunden haben. Ja, sie sind sehr wirkungsstark, aber es kann gut sein, dass andere Stoffe dieser Pilze dabei für den Menschen schädlich sein könnten. Ich würde das Risiko nicht eingehen.“

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Pilz imitiert Flügelschlag von Weibchen

Warum es einzelne Zikaden aus deren Großfamilie von 350 000 Arten trifft, ist noch unklar. Auch nicht geklärt ist das Verhältnis zwischen im Boden und auf der Oberfläche aufgenommenen Sporen. Aber sobald diese sich im Körper der Zikaden oder Zikadenlarven angesiedelt haben, ist die zweite Stufe der Infektion unausweichlich: Sobald der Pilz in ihrem Körper wuchert, werden die Zikaden zu tierischen Sprühflugzeugen des Todes. Denn um die Chance zu vergrößern, andere Zikaden anzustecken, verfügt der Pilz über ein Repertoire an Tricks. Einer bringt männliche Tiere dazu, ihre Flügel in „weiblicher“ Manier zu bewegen, was dazu führt, dass andere Männchen zu den vermeintlichen Weibchen führen, um Körperkontakt aufzunehmen. Dann fliegt das neu infizierte Männchen weiter, um sich zu paaren – und dient so als Multiplikator für die Infektion.

Obwohl die Körper der Zikaden durch den Pilzbefall buchstäblich verschimmeln und Teile des Verdauungstrakts sowie die Genitalien abfallen, machen sie in ihrem tödlichen Paarungsdrang immer weiter, bis sie schließlich sterben. Und die schlichte Berührung eines Artgenossen genügt bereits, die Sporen weiterzugeben.

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Neue Erkenntnisse für Pharmakologen?

Für den Menschen hat all das womöglich sogar etwas Gutes: Denn die Art und Weise, mit der die pathogenen Pilzarten ihre Moleküle produzieren, könnte den Weg zu neuen Medikamenten weisen. Und auch die Inhaltsstoffe in den Pilzen wie das Halluzinogen Psilocybin oder Cathinon, ein Amphetamin, könnten der pharmazeutischen Forschung weiterhelfen. Denn, so heißt es in der Studie: Es sei offenbar das erste Mal, dass die Produktion von Cathinon in einem nichtpflanzlichen Lebewesen nachgewiesen werden konnte.

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Von Daniel Killy/RND

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