Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Wissen Merkels Zitteranfall: Ist es eine seltene neurologische Krankheit?
Nachrichten Wissen

Orthostatischer Tremor: Merkels Zitteranfall: Ist eine seltene neurologische Krankheit Auslöser?

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:42 13.07.2019
Bundeskanzlerin Angela Merkel musste beim Empfang des Ministerpräsidenten von Finnland erneut unkontrolliert zittern. Quelle: imago images / Metodi Popow
Hannover

Der dritte Anfall in wenigen Wochen: Beim Empfang des finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne am Mittwoch hat Kanzlerin Angela Merkel erneut einen Zitteranfall erlitten. Mitte Juni hatte Merkel bei der Begrüßung des neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj erstmals heftig gezittert. Nur neun Tage später erlitt sie einen erneuten Anfall. Der erste Vorfall beim Empfang Selenskyjs wurde von Merkel mit der großen Hitze und Wassermangel erklärt. Doch am Mittwoch war es nicht heiß – wodurch die Frage nach dem Gesundheitszustand der Kanzlerin erneut in den Fokus rückt.

Kurz nach dem Anfall auf der Pressekonferenz mit Antti Rinne meldete sich Merkel selbst zu Wort: „Ich möchte gleich zu Beginn sagen, mir geht es gut“, so Merkel. Auch an ihrer Leistungsfähigkeit zweifelt sie nicht: „Ansonsten bin ich ganz fest davon überzeugt, dass ich gut leistungsfähig bin.“

Im Video: So äußert sich Merkel zu ihren Zitteranfällen

Seltene neurologischer Erkrankung als Grund?

Doch was kann ein solches Zittern ausgelöst haben? Dr. Uwe Jahnke ist Chefarzt der Klinik für Neurologie/Klinische Neurophysiologie und der Parkinson-Fachklinik an der Schön Klinik Neustadt in Schleswig-Holstein. Der Experte hält eine Ursache für wahrscheinlich: „Nachdem ich die Videos gesehen habe, ist es meiner Meinung nach gut möglich, dass sich um einen orthostatischen Tremor handelt. Dies ist eine äußerst seltene, aber harmlose neurologische Erkrankung, bei der das Zittern in der Regel nur im Stehen auftritt.“ Sobald man in Bewegung sei, lasse das Zittern weitestgehend nach – wie es bei Merkel im Video der Fall war.

Da das Zittern gerade im Stehen auftritt, kann es das Gefühl einer eingeschränkten Balance hervorrufen. „Die Erkrankten werden unsicher und können in seltenen Fällen sogar stürzen“, sagt Jahnke. Durch Stress werde das Zittern wie bei vielen anderen neurologischen Erkrankungen manchmal verstärkt: „Wie bei jeder neurologischen Erkrankung kann Stress die Symptome verschlimmern.“

Gute Behandlungsmöglichkeiten

Laut Jahnke ist zur Zeit noch kein Auslöser für die Krankheit bekannt. Eine familiäre Häufung fällt auf, auch wird als verstärkender Faktor ein möglicher Vitamin-B12-Mangel diskutiert. Die Erkrankung beginnt oftmals plötzlich, ist ungefährlich und lässt sich in der Regel mit Medikamenten gut behandeln. Die Medikamente können manchmal allerdings Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Schwindel zeigen. Daher kann das Austesten der richtigen Medikation längere Zeit in Anspruch

„Man kann mit der Krankheit sehr gut leben, zumal mit der richtigen Medikation,“ so Jahnke. Die Erkrankung führt zu keiner geistigen oder deutlichen körperlichen Beeinträchtigung. Nur das ruhige Stehen könne etwas beeinträchtigt sein, das Zittern lässt sich aber auch oft gut durch Treten auf der Stelle unterdrücken. So die Einschätzung des Neurologen.

Andere Kliniken und Ärzte wollten sich zu dem erneuten Zitteranfall der Kanzlerin nicht äußern. Parkinson, Epilepsie oder psychische Probleme wurden Merkel bereits ferndiagnostiziert. Für Jahnke sprechen die Videos aber für sich: „Das ist kein Parkinson, keine Epilepsie.“

Andere Ursachen für Zittern

Gründe, warum Menschen zittern gibt es viele, erklärt Prof. Martin Scherer, Direktor des Instituts und der Poliklinik für Allgemeinmedizin am Hamburger Uniklinikum Eppendorf der Deutschen Presse Agentur. „Der Konsum von zu viel Koffein, Drogen oder auch Medikamenten verursacht mitunter Zittern. Auch wenn der Blutzuckerspiegel zu niedrig ist, zittert man. Es gibt einige Erkrankungen – wie Parkinson – die damit einhergehen.“

Auch Stress löst Zittern aus, denn dann wird Adrenalin im Körper ausgeschüttet: „Adrenalin gibt dem Nervensystem Sympathikus Bescheid, das den Körper auf Kampf oder Flucht einstellt. Dafür wird Muskelkraft gebraucht und eine ganze Menge Muskeln werden im Körper aktiviert.“ Wenn sich ungezählte Muskeln blitzschnell anspannen und wieder entspannen, kommt es zum Zittern. Handlungsbedarf bestehe aber nur, wenn das Zittern nicht mehr verschwindet.

Krankheit im Druck der Öffentlichkeit

Stress und großen Druck hätten Politiker laut Prof. Dr. Thomas Kliche, Politikpsychologe von der Hochschule Magdeburg Stendal,genug – und das unter Dauerbeobachtung in der Öffentlichkeit. „Politiker müssen großen Handlungsdruck aushalten, denn wir erwarten viel von ihnen – dass sie bis vier Uhr nachts Koalitionsverhandlungen führen zum Beispiel.“ Auch hätten politische Angriffe in den letzten Jahren stark zugenommen, Politiker müssten stressresistent sein – sind es aber nicht immer. Er beobachtet einen „schleichenden Verschleiß“.

Schon nach dem zweiten Zitteranfall der Kanzlerin wurden viele Stimmen laut, die Kanzlerin müsse ihren Gesundheitszustand öffentlich darlegen. Auch internationale Medien hatten den Vorfall aufgegriffen. CNN schrieb damals: „Ihr Unwohlsein könnte zu keinem schlimmeren Zeitpunkt kommen. Wenn sie tatsächlich krank ist, sehen sich Deutschland und das restliche Europa einer Krise zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt gegenüber.“

Auch auf Twitter bleibt der dritte Zitteranfall nicht unkommentiert: Die meisten Nutzer zeigen sich fürsorglich. Und Angela Merkel? „Ich muss jetzt eine Weile damit leben. Aber mir geht es sehr gut. Und man muss sich dann halt ausruhen“, beantwortete sie die letzte Frage zu ihrer Gesundheit am Mittwoch bei einer Pressekonferenz.

Lesen Sie auch:
Ist Angela Merkel noch die stärkste Frau der Welt?

Von RND/Alice Mecke

Eigentlich wollten die PTScientists schon 2021 zum Mond fliegen. Doch nun musste das Berliner Start-up Insolvenz anmelden. Kann man mit dem Mond doch kein Geld verdienen?

15.07.2019

Mehr Luftverschmutzung, mehr Lungenschäden – das ist das Ergebnis einer neue Studie. Doch die Schäden, die die Luftverschmutzung anrichtet, sind nicht bei allen Menschen gleich.

13.07.2019

Politische Einstellungen in der Arbeit – ein heikles Thema. Denn wenn verschiedene politische Meinungen aufeinandertreffen, kann der Betriebsfrieden gestört werden. Ab wann drohen Arbeitnehmern wegen ihrer politischen Ansichten Konsequenzen?

12.07.2019