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09:18 18.09.2010
Blick in eine ungewisse Zukunft: Weltweit gibt es heute nur noch weniger als 3500 wild lebende Tiger.
Blick in eine ungewisse Zukunft: Weltweit gibt es heute nur noch weniger als 3500 wild lebende Tiger. Quelle: dpa
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Einer Studie internationaler Wissenschaftler und Organisationen zufolge ist nicht einmal jedes dritte Tier ein gebärfähiges Weibchen. „Wilde Tiger sind in einem historischen Tief“, schreiben die Forscher um die amerikanische Wildlife Conservation Society in der aktuellen Ausgabe des Online-Journals „PLoS Biology“.
Dabei zeichnen die Forscher um die amerikanische Wildlife Conservation Society ein düsteres Bild von der Zukunft der Raubkatzen, die nur noch in wenigen Ländern zu finden sind. „Die derzeitigen Schutzanstrengungen verlangsamen nicht die Abnahme der Zahlen des Tigers“, erklären sie. Vor allem Wilderer und der Verlust natürlicher Lebensräume gefährdeten ihre Existenz. Es gebe aber noch eine „letzte Hoffnung“ für die Tiger, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Zusammenfassung.

Das sollen 42 grün markierte Flecken auf der Weltkarte sein. Nur an diesen Orten, die rund um Asien verstreut liegen, können sich nach Ansicht der Forscher Tiger wirksam vermehren. Diese „Source Sites“ (Herkunftsorte) seien die letzten Tiger-Hochburgen – 70 Prozent aller wilden Tiger sollen heute dort leben. Und es gibt dort ausreichend gebärfähige Weibchen. Die Orte liegen in und um Schutzgebiete, ihre Fläche erstreckt sich insgesamt über 100 000 Quadratkilometer. Die meisten befinden sich in Indien (18).

Source Sites zeichnen sich dadurch aus, dass dort genug Weibchen leben und auch die Fläche ausreichend groß ist, damit Tiger sie neu bevölkern können. Aber selbst in diesen Gebieten seien die meisten Populationen heute zu klein. Ihre Erholung – allein in den Source Sites – würde zur Folge haben, dass die Zahl der Tiger weltweit um 70 Prozent anstiege, sagen die Forscher. „Die Source Sites zu schützen bietet also die pragmatischste und effizienteste Möglichkeit, das Gros der weltweit verbliebenen wilden Tiger zu schützen“, heißt es in der Studie.

Die bisherigen Anstrengungen zum Tigerschutz haben die in sie gesetzten Erwartungen dagegen nicht erfüllt. Obwohl schon in den siebziger Jahren Reservate gegründet wurden, ist die Zahl der Tiere kontinuierlich gesunken. Ihr Lebensraum erstreckt sich heute über eine Fläche, die nur noch sechs Prozent ihres ursprünglichen Lebensraums entspricht. Die Populationen sind verteilt und zerstückelt. In einigen der 13 Tigerstaaten finden Forscher heute keine fortpflanzungsfähigen Gruppen mehr, etwa in China, Vietnam und Nordkorea. Vermutlich auch in Bhutan und Birma. Der Bedarf an Tigerknochen, die die Potenz fördern sollen, steigt in Asien seit Jahren – und damit auch die Gewalt der Wilderer.

Die Kosten für den besseren Schutz der Tiger seien erschwinglich, schreiben die Forscher in „PLoS Biology“: Im Durchschnitt würden Schutz und Überwachung in allen 42 Source Sites rund 82 Millionen US-Dollar pro Jahr kosten. Mehr als die Hälfte dieser Summe werde bereits von Tigerstaaten und Umweltschützern investiert. Ein Großteil entfalle auf Indien. Die Tierschützer fordern, dass der Schutz von Tigern sich in Zukunft auf genau definierte Gebiete konzentriert, dass dort Gesetze eingehalten werden und sich die wissenschaftliche Beobachtung verbessert. Viele der Reservate wurden nach Ansicht der Forscher zuletzt nicht gut geführt.

Frank Mörschel, Leiter des Tigerschutzprojektes in der russischen Amurregion beim Umweltschutzverband WWF, warnt davor, den Fokus zu stark auf kleine und mittelgroße Source Sites zu legen. „Wir müssen den Tiger dort schützen, wo er jetzt vorkommt“, sagt er. Die bis zu drei Meter großen Großkatzen bräuchten weitläufige Schutzgebiete mit ausreichendem Waldbestand. Der WWF setzt daher im russischen „Tigerland“ auf möglichst große Gebiete, die entweder geschützt oder nachhaltig bewirtschaftet werden. „Oft ist das Problem, dass mehr abgeholzt wird als nachwächst“, sagt Mörschel. Dabei werden vor allem die wertvollsten Bäume gefällt. Doch das sind oft die, die mit ihren Samen und Nüssen das Futter für die Beutetiere des Tigers liefern: Schwarzwild, Rotwild oder auch Gazellen.

Im „Tigerland“ verfolgen die Naturschützer drei unterschiedliche Strategien. „Erst einmal versuchen wir, gemeinsam mit der Regierung neue Schutzgebiete ausweisen zu lassen und unterstützen diese dann mit Geld und praktischer Hilfe“, erklärt Mörschel. Seit 2008 pachtet der WWF aber auch in großem Umfang Waldflächen. Bisher konnten so 600 000 Hektar geschützt werden. Der dritte Ansatz ist die Werbung bei Unternehmen für nachhaltige Forstwirtschaft nach dem FSC-Standard.

Große Hoffnung setzten die Tigerschützer auf die nächste internationale Tigerkonferenz. Im November treffen sich Vertreter der 13 Tigerstaaten unter Leitung von Regierungschef Wladimir Putin in Russland. „Dort geht es dann um einen weltweiten Rettungsplan“, so Mörschel. „Ziel ist es, die Zahl der Tiger bis 2022 wieder zu verdoppeln.“

Denise Donnenbaum und Nicola Zellmer