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00:21 30.10.2015
Von Marina Kormbaki
Total fleischfrei: Eine vegane Curry-Wurst. Quelle: Andreas Gebert/dpa
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Berlin

Es war wirklich nicht zu erwarten, dass irgendwann einmal der Tag kommen würde, an dem ein traditionsreicher Wurstfabrikant mit ganz und gar fleischlosen Produkten für sich werben würde. Noch unwahrscheinlicher war eigentlich nur, dass der vegetarische Wurstfabrikant damit auch noch Erfolg haben würde.

Das Böse in der Bregenwurst: Einen Kommentar zu diesem Thema finden Sie hier.

Knapp ein Jahr ist vergangen, seit die Rügenwalder Mühle, Wursthersteller aus dem niedersächsischen Bad Zwischenahn, diese verwegene Strategie beschritten hat. Schon heute muss man sagen: mit bemerkenswertem Erfolg. Produktionsstätten müssen erweitert und neue Mitarbeiter eingestellt werden. Das ursprüngliche Ziel, bis 2020 ein Drittel des Umsatzes mit fleischlosen Produkten zu erzielen, wird das Unternehmen wohl schon in diesem Jahr erreichen. Das Sortiment wurde jetzt um den vegetarischen "Schinken Spicker Bunter Pfeffer" erweitert.

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Fleisch unter Verdacht

Die wundersame Wandlung des Wurstherstellers zeugt von zweierlei: von bemerkenswertem Marketinggeschick – und davon, dass die Deutschen in Sachen Ernährung fundamental umdenken.

Nach den vielen grausamen Bildern aus Mastställen und zahlreichen Skandalen um BSE-Rinder, Antibiotikahähnchen und verkeimte Puten mit orthopädischen Problemen wird das Fleisch vielen Menschen allmählich fremd. Oder zumindest verdächtig. Die jetzt ausgesprochene Warnung der Weltgesundheitsorganisation vor den Gesundheitsgefahren bearbeiteten und roten Fleisches ist bestens angetan, diesen Verdacht zu nähren.

Gegenseite macht mobil

"Wer ohnehin sensibel ist für gesundheitliche, ethische und klimatische Folgen von Fleischkonsum, findet in der WHO-Studie weitere, seine Auffassung stützende Argumente", sagt Daniel Kofahl vom Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur in Hessen.

Aber auch die Gegenseite macht mobil: "Gleich nach Bekanntwerden der Studie wurde die Verteidigungshaltung vieler Fleischesser in Online-Foren spürbar, etwa im Aufkommen zahlreicher, Differenzierung einfordernder kritischer Fragen." Wenn es um die Wurst geht, teilt sich die Republik in zwei Lager.

Wurst als Statussymbol

Fleisch, ganz besonders Wurst, hatte einst einen festen Platz an jedem Frühstücks- und Abendbrottisch. Als die Zeit des Mangels endlich vorüber war, galten Teewurst, Leberwurst und Mettwurst als fleischgewordener Beleg für einen festen, sicheren Platz in der Gesellschaft. Arbeiter meinten, Kraft aus Krakauern schöpfen zu können, Wohlhabende tischten Mailänder Edelsalami auf und damit Statusbewusstein.

"Sag mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist", hat der französischer Schriftsteller und Gastronom Jean Anthelme Brillat-Savarin mal geschrieben. Er meinte Fleisch, denn alles andere ist Beilage und als solche nicht allzu aussagekräftig. Doch die gesellschaftliche Deutungsmacht des Fleischkonsums schwindet. Die Frage ist nicht mehr, welche Art von Fleisch einer gern isst. Die Frage ist, ob er überhaupt noch Fleisch isst.

Druck auf Fleischesser

Nach Erhebungen des Vegetarierbundes ernähren sich rund 7,8 Millionen Bundesbürger vegetarisch, knapp 10 Prozent der Bevölkerung. Wobei die Selbstauskünfte bei entsprechenden Umfragen doch eher mit Vorsicht interpretiert werden sollten. "Es gibt durchaus einen gesellschaftlichen Druck, sich ethisch korrekt zu verhalten. Aus dieser Bürde resultieren in Umfragen zu Ernährungsgewohnheiten oft Antworten, die der Alltagspraxis widersprechen", sagt der Ernähungssoziologe Daniel Kofahl.

Ausdruck davon ist aller Wahrscheinlichkeit nach der erhebliche Anteil von selbst ernannten Flexitariern in der Bevölkerung – 56 Prozent geben an, selten und nur ganz bewusst Fleisch zu essen. "Viele Menschen geben vor, Flexitarier zu sein, und glauben dies auch wirklich, bloß weil sie nicht jeden Tag nur Fleisch essen. Das allerdings war im Laufe der Menschheitsgeschichte nie der Fall", sagt Daniel Kofahl.

Widerspruch im Buchregal

Dem postulierten Veggie-Trend widersprechen auch die 60 Kilo Fleisch, die der deutsche Durchschnittsmann pro Jahr verzehrt, und die nach wie vor starke Tendenz zum Billigfleisch. Kofahl hat festgestellt, dass die Deutschen immer noch gern Fleisch essen, aber mit zunehmend schlechtem Gewissen.

"Die Einstellung zum Fleischkonsum ist paradox, es gibt zwei Fraktionen: Auf der einen Seite jene, denen Fleischkonsum schlechtes Gewissen bereitet, und auf der anderen Seite diejenigen, die lustvoll ins Steak schneiden." Wer sich diesen Widerspruch bildlich vor Augen führen möchte, dem empfiehlt Kofahl einen Besuch im Buchladen, in der Kochbuchabteilung. "Vegane Rezeptsammlungen und Grillbibeln wechseln sich in den Bestsellerlisten ständig ab."

Ein bisschen Besserwisserei

Der moralisch aufgeladene Essdiskurs ist jetzt auch prima in den Online-Netzwerken zu beobachten, unter dem Stichwort "Wurstgate". Die einen wollen sich ihre Wurst partout nicht vom Brot nehmen lassen und schwören, dieses fortan doppelt zu belegen. Die anderen sehen sich in ihrer moralischen Überlegenheit durch die angeblich dräuende Krebsgefahr für Fleischesser bestätigt.

Zwischen diese Fronten ist Grünen-Politikerin Renate Künast einst selbst geraten, mit dem Grünen-Vorschlag zum Veggie-Day. Heute rät Künast zur Abrüstung: "Es geht um unsere Gesundheit und die unserer Kinder. Wir müssen uns also frei machen von Wahlkampfreden und Ideologien." Der WHO-Bericht müsse ernsthaft gelesen werden. Und wie zum Beleg dafür, dass diese Debatte doch nicht ohne ein bisschen Besserwisserei auskommt, sagt Künast: "Genießer wissen es schon lange: Eine fleischärmere Ernährung hat viele Vorteile."

Thorsten Fuchs 27.10.2015
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