Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Wissen Wach auf dem OP-Tisch: Aufklärung und Kopfhörer sollen helfen
Nachrichten Wissen Wach auf dem OP-Tisch: Aufklärung und Kopfhörer sollen helfen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:21 20.01.2011
Oft sind es OP- Geräusche, Worte, Satzfetzen, die die Patienten bewusst oder unbewusst wahrnehmen. Quelle: dpa (Symbolbild)

Allein der Gedanke daran, während einer Operation plötzlich zu Bewusstsein zu kommen, ist für die meisten Menschen haarsträubend. Das Fatale: Im Ernstfall würde sich dann wohl kein einziges Haar sträuben, denn sämtliche Körperreaktionen sind durch die Narkose gedimmt. Auf dem OP-Tisch zu liegen und seine Wachheit nicht mitteilen zu können - dieses Phänomen, genannt „Awareness“, ist seit längerem bekannt. Eine Übersichtsarbeit von Forscherinnen aus Berlin und Bochum zeigt jetzt: Absolute Sicherheit davor gibt es nicht, aber ein Bündel von Maßnahmen, das vor dem unerwünschten Erwachen schützen kann. Denn in einer bis zwei von 1000 Narkosen kommt es dazu - das sind bundesweit 8000 bis 16.000 Fälle pro Jahr.

Besonders gefährdet sind der Arbeit von Prof. Petra Bischoff (Uniklinikum Bochum) und ihrer Berliner Fachkollegin Ingrid Rundshagen (Charité) zufolge bestimmte Risikogruppen: Menschen, die oft Schmerz- und Betäubungsmittel nehmen, oder die bereits Herz- Kreislauf-Erkrankungen haben. Um deren Herz-Kreislauf-System zu schonen, werde die Narkose manchmal zu leicht gewählt, folgern die Fachärztinnen. Kinder sind sogar weitaus häufiger betroffen: Ihr Risiko für eine unerwünschte Wachphase liegt acht bis zehn Mal höher, denn ihr kleiner Körper verarbeitet die Narkotika vergleichsweise schnell. Aber auch bei Not-Kaiserschnitten, Notfall-OPs oder während Nachteinsätzen ist das Awareness-Risiko erhöht.

Das Beispiel einer britischen Patientin, die die Kaiserschnitt- Entbindung ihres Kindes intubiert, aber bei vollem Bewusstsein erlebte, ist eines der heftigeren Art. Oft sind es aber auch OP- Geräusche, Worte, Satzfetzen, die die Patienten bewusst oder unbewusst wahrnehmen. „Schmerzen sind nicht der Hauptrisikofaktor für traumatische Spätfolgen eines Awareness-Erlebnisses“, ergänzt Prof. Gerhard Schneider. Der Direktor des Zentrums für Anästhesie, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Helios Klinikum Wuppertal forscht seit 20 Jahren über das Phänomen. „Viel schwieriger ist es, das Erlebnis zu verarbeiten, ausgeliefert zu sein, nicht zu wissen, was passiert, und möglicherweise Todesängste zu haben.“

Für ihn steht deshalb weniger eine generelle, detaillierte Aufklärung der Patienten vor der OP im Mittelpunkt - „das kann in manchen Fällen auch zusätzliche Ängste wecken“ - als vielmehr die aufmerksame Begleitung während des Eingriffs. Denn über die Frage, wie Ärzte erkennen können, dass der Patient zu Bewusstsein kommt, wird kontrovers diskutiert.
So können zwar bestimmte Wirkplasmaspiegel des Narkosemittels bestimmt werden, aber die sind nicht für jeden Menschen gleich aussagekräftig. Körperliche Stressreaktionen wie beschleunigter Puls, Schweißbildung oder Muskelanspannung sind medikamentös unterdrückt. Vor einigen Jahren versprach die Hirnstrommessung (EEG) eine Lösung. Allerdings stellte sich heraus, dass auch sie kein absolut verlässlicher Indikator für die Narkosetiefe war. „Wir können ein EEG ergänzend einsetzen, es kann uns Zusatzinfos liefern, aber es wäre falsch, damit die Patienten in Sicherheit zu wiegen“, sagt Schneider.

Auch Petra Bischoff betont: „Ein EEG darf nicht eingesetzt werden, um die Narkose flach zu halten und möglicherweise Narkosemittel zu sparen.“ Die Anästhesistin ist überzeugt: „Es werden immer Grauzonen zwischen tiefer Narkose und Wachsein bleiben. Denn bei allen Fortschritten in der Anästhesie ist letztlich immer noch unklar, was während einer Narkose im Gehirn passiert. Es ist eine Blackbox.“

Die Ärztinnen empfehlen: Gute Personalschulung, vorbereitende Gespräche, während des Eingriffes ein Verzicht auf laute, negative Sprache („zwecklos, inoperabel“) und gegebenenfalls positive Worte oder Musik via Kopfhörer. Außerdem die Nachbetreuung der Operierten. Schon im Aufwachraum solle erstmals mittels eines Fragebogens nachgehakt werden.

Aber auch noch Wochen später können Erinnerungen hochkommen. Schneider berichtet von einer Patientin, die jüngst in Wuppertal fast an einer ordinären Blinddarmentzündung starb. „Sie hatte Wacherlebnisse einer lange zurückliegenden OP verdrängt, schwere Angststörungen entwickelt und war kaum wieder in ein Krankenhaus zu bekommen.“ Erst als Lebensgefahr drohte, willigte sie einer OP ein.

„Jetzt macht sie eine Psychotherapie, um das Erlebte zu verarbeiten und zur Seite legen zu können“, ergänzt Schneider. Dies sei für alle Betroffenen auch noch Jahre nach dem traumatischen Erlebnis möglich. Am besten, so betonen auch die Studienautorinnen, sei es jedoch, wenn das Problem möglichst bald behandelt werde, damit sich erst gar kein chronisches Trauma entwickelt.

dpa

Mehr zum Thema

Die deutsche Medizin hat einen neuen Fälschungsskandal: Ein Professor aus Ludwigshafen hat mindestens eine wissenschaftliche Studie manipuliert. Nun kommt seine restliche Forschung auf den Prüfstand.

29.11.2010

Weltpremiere am Berliner Universitätsklinikum Charité: Einem Team aus Geburtsmedizinern und Radiologen ist es erstmals gelungen, die Geburt eines Kindes mit dem Kernspintomographen (MRT) komplett aufzuzeichnen.

07.12.2010

TV-Ärzte reagieren bei epileptischen Anfällen oft falsch: Einer Studie zufolge werden in Serien wie "Grey's Anatomie" oder "Dr. House" epileptische Anfälle in 46 Prozent der Fälle falsch behandelt. Dadurch werde ein breites Publikum falsch aufgeklärt.

16.02.2010

Durch den Klimawandel werden Lebensmittel knapper - zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht der Welt-Ökologie-Stiftung. Weizen, Reis und Mais werden demzufolge in zehn Jahren den Bedarf der Menschen nicht länger decken können.

19.01.2011

Im Jahr 2031 wird fast jeder dritte Niedersachse älter als 65 Jahre alt sein - das ergab eine Studie des Landesbetriebes für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen. Von der alternden Bevölkerung wird die Region Braunschweig voraussichtlich am stärksten betroffen sein.

18.01.2011

Entgegen der verbreiteten Annahme schützt ein reichhaltiges Frühstück nicht vor einer erhöhten Kalorienaufnahme am Tag. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie von Volker Schusdziarra. Der Ernährungsmediziner rät allerdings davon ab, das Frühstück ganz auszulassen.

18.01.2011