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Warum sich Andrea in der Schwangerschaft rundum unwohl fühlte

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08:30 15.09.2019
Von wegen strahlende Aura: Für Andrea fühlte sich ihre Schwangerschaft eher wie eine schlimme Krankheit an.
Hannover

Als ich etwa in der Mitte meiner Schwangerschaft die Frauenarztpraxis betrat, schwebte mir eine dieser Schwangeren entgegen, die von innen strahlen. Sie hatte ein rotes Kleid an, das sich wie eine seidige Welle um ihren kugeligen Bauch legte und sie hatte diesen Glow, den nur Schwangere haben – tolle Haut, volle Haare, glänzende Augen. Eine Mischung aus Stolz, Vorfreude und diesem Quäntchen Wunder. Es gibt sie, diese Frauen! Aber ich war eben leider keine von ihnen.

Für mich war immer klar, dass ich Kinder haben wollte

Für mich war immer klar, dass ich Kinder haben wollte. Ich fand – oh Glück – sogar den passenden Mann, doch da war mein Job im Marketing noch so neu. Er und ich, das war perfekt, aber wir wollten beide noch ein bisschen warten mit dem Kinderkriegen. Als wir dann loslegten, klappte es nicht. Zwei Jahre lang wurde ich nicht schwanger und irgendwann dachte ich: Was soll`s, dann leg ich meinen Kinderwunsch halt noch ein bisschen zur Seite.

Als wir Monate später einen zweiten Versuch starteten, war ich fast überrumpelt, als ich dieses Ziehen im Bauch bemerkte. Als könne ich spüren, dass sich da gerade etwas einnistet. Und tatsächlich blinkte uns ein paar Tage später das Wörtchen „schwanger“ vom Digital-Test entgegen. Überglücklich fielen wir uns in die Arme – mit Freudentränen. Und dann begannen die sieben schönsten Tage meiner Schwangerschaft. In der ersten Woche schwamm ich auf einer Euphoriewelle. Ich! Schwanger! Ich schaute die Menschen an und dachte: Wenn ihr wüsstet, was in mir los ist! Ein Wunder!

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Nach zwei Wochen: Nur noch Schwindel und Müdigkeit

Doch dann saß da plötzlich auch ein kleiner Skeptiker auf meiner Schulter. Andrea, sagte der, deine Probezeit ist doch grad erst rum, wie willst du das denn jetzt deinem Chef verklickern?! Doch das bisschen Angstschweiß war nichts gegen das, was dann noch kam. Denn ab der zweiten Woche nach dem Test wurde mir schwindelig. Richtig schwindelig. Ich hatte so schlimmen Brechreiz, dass ich mir kaum die Zähne putzen konnte. Und ich war so müde! In der sechsten Woche fuhr ich auf Geschäftsreise nach Madrid und hangelte mich nur von Mittagsschlaf zu Mittagsschlaf.

Als hätte man meine Festplatte gelöscht, so fühlte ich mich. Wie ein weißes, zerknülltes Blatt.

Liegend, die Augen geschlossen – nur so war es so gerade eben aushaltbar. Ich, die auf Reisen sonst immer als letzte heim kam. Ich, die Leistungsfähige – plötzlich so schwach. Es gibt ein Foto von dieser Reise, auf dem ich in der linken Ecke vor einer Sehenswürdigkeit stehe und von ganzem Herzen gähne. Das sagt eigentlich alles. Als hätte man meine Festplatte gelöscht, so fühlte ich mich. Wie ein weißes, zerknülltes Blatt. Und genauso weiß blieb auch mein Schwangerschaftskalender. Was hätte ich da reinschreiben sollen? Müde, müde, müde? Keine einzige Seite habe ich darin ausgefüllt. Ich will ja auch nicht, dass mein Kind das irgendwann liest!

Wo ist diese Schwangere aus den Prospekten?

Wenn ich an mich als Schwangere gedacht hatte, hatte ich mich immer mit dieser wundersamen Aura gesehen, wie sie die Dame in dem roten Kleid gehabt hatte. Ich dachte an die Prospekte mit den strahlenden Schwangeren, die mir der Frauenarzt in die Hand gedrückt hatte. An das allgemein gängige Bild einer Schwangeren, die immer glücklich ist. Verflucht, wurde das alles so romantisiert oder war ich wirklich die einzige, der es so ging? Machte ich etwas falsch?

Nicht einmal aus meinem Umfeld fiel mir auch nur eine einzige Frau ein, die mal gesagt hatte, dass sie die Schwangerschaft furchtbar fand. Ich dachte an meine Freundin, die mir beim letzten Treffen mit ihrem süßen zweijährigen Sohn erzählt hatte, dass sie sich nie so sexy gefühlt habe, wie in der Schwangerschaft. Ich war so neidisch!

Eine Schwangerschaft ist doch keine Krankheit

Eine Schwangerschaft ist doch keine Krankheit. Wie ich diesen Satz hasste. Es fühlte sich nämlich bei mir original wie eine Krankheit an! Wie eine schlimme noch dazu! Denn auch, als ich zurück war von der Dienstreise, ging es mir schlecht. Ich hatte Angst, unserem Baby könne etwas passieren. Ich las so viele Ratgeber, dass ich Panik bekam, alles falsch zu machen.

Eine Schwangerschaft ist doch keine Krankheit. Wie ich diesen Satz hasste.

Doch neben den seelischen Aspekten belasteten mich auch immer mehr körperliche. Bereits in der 9. Woche hatte ich einen so großen Bauch, dass ich meine Arbeitgeber informieren musste. Zunächst reagierten sie gelassen, doch plötzlich wurden Vormittagsmeetings in den Nachmittag verlegt und ich nahm das persönlich.

Ich sah furchtbar aus. Wirklich. Das lässt sich zwar kaum noch belegen, weil es nur vier Fotos von mir mit Bauch gibt, aber ich habe das abgespeichert und werde das nicht vergessen. Ich hatte solche Schmerzen in der Symphyse, dass ich mein Bein beim Gehen nachziehen musste. Ich nahm 20 Kilo zu, was bei einer Größe von 1,65 Meter nicht wenig ist. In der 21. Woche hatte mein Bauch bereits einen Umfang von 113 Zentimeter.

Ich sah furchtbar aus. Wirklich.

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Etwas Gutes: Wenigstens ein Sitzplatz in der Bahn

Immerhin wurde mir deswegen von Anfang an ein Platz in der Bahn angeboten. Fühlt man sich so mit 90? Ich hatte ständig Hunger. Plötzlich trug ich Doppelkinn. Und ich hatte Pickel. Im Gesicht, am Rücken, im Dekolleté. Richtige Akne. Ich war müde, weil ich Tag und Nacht alle zehn Minuten auf die Toilette musste. Meine Haare waren fettig, die konnte ich waschen und nach zwei Stunden sahen sie wieder aus, als wären sie seit Jahren nicht mit Wasser in Berührung gekommen. Bei unserem Urlaub auf Mallorca, wo wir wandern gehen wollten, legte mich mein Mann morgens nur am Strand ab, um dann allein in die Berge zu gehen.

Geht es schlimmer? Akupunktur-Pech und Diabetes

Lustig, im Nachhinein, aber als ich da lag wie ein Walfisch, hätte ich heulen können über das verpasste Schwangerschaftsglück. Ach, ich hatte doch wie alle anderen von einem Babybauch-Shooting geträumt, der Bauch und ich, ich und der Bauch. Von Schaufenstern, in denen ich mich spiegeln und mich selbst freudig und voller Selbstbewusstsein anlächeln würde. Pustekuchen. Und Pech hatte ich auch noch. Bei einer Akupunktur zur Geburtsvorbereitung wurde schließlich ein Nerv getroffen und ich konnte drei Tage lang nicht laufen.

Als ich da lag wie ein Walfisch, hätte ich heulen können über das verpasste Schwangerschaftsglück.

Ab Mitte der Schwangerschaft kam eine Schwangerschaftsdiabetes hinzu, ich musste mir Insulin spritzen. Den Kopf davon zu überzeugen, in den Bauch zu pieksen, in dem dein Kind liegt, hat mir diverse graue Haare beschert. Außerdem war es schwer, auf mein geliebtes Obst zu verzichten, auf das ich so Heißhunger hatte. Stattdessen sollte ich jeden Morgen Vollkornbrot mit Quark essen. Ich hasse Quark. Und muss ich jetzt noch erwähnen, dass mir am Tag vor der Geburt der Bauch riss und mir ein Meer von senkrechten Schwangerschaftsstreifen auf dem Bauch bescherte? Am allerletzten Tag der Schwangerschaft!

Ein Geschenk: Das beste Kind der Welt

Im Film würde der Drehbuchautor mir nun vermutlich eine ganz wundervolle Geburt zur Versöhnung ins Skript schreiben. Nun, leider konnte die Realität auch damit nicht dienen. Dafür – und das ist wirklich der Wahnsinn – wurde uns aber das beste Kind der Welt geschenkt. Ein so feiner Kerl, dass ich glatt über ein zweites Kind nachdenke. Nur schade, dass das Konzept der Leihmutterschaft in Deutschland noch nicht etablierter ist. Denn nochmal schwanger sein? Ich weiß nicht...

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RND/aufgezeichnet von Lisa Harmann

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