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00:16 29.07.2013
Foto: Friedrich Krögler begründete 1951 ein neues Berufsbild: Er war der erste Wettermoderator im deutschen Fernsehen.
Friedrich Krögler begründete 1951 ein neues Berufsbild: Er war der erste Wettermoderator im deutschen Fernsehen. Quelle: NDR
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Offenbach

Warnen, das ist der Beruf von Helmut Malewski. Er ist einer der Meteorologen, die entscheiden, ob der Deutsche Wetterdienst eine Unwetterwarnung heraus gibt – ob sich also Menschen vor einem Orkan in Sicherheit bringen sollten oder ob es so heiß wird, dass Menschen krank werden könnten.

Malewski sitzt an seinem Schreibtisch im Vorhersagezentrum in Offenbach. Auf sechs Monitoren kann er sehen, dass es an der Westküste Nordkoreas regnet oder dass es im irakischen Basra 52 Grad heiß ist. Neben Malewski steht ein roter, brusthoher Metallaufsteller, der seinen Arbeitsplatz von den anderen abtrennt. Daran hängen Wetterkarten, ein Regenschirm – und ein Zeitungsartikel. Das Thema: Schlägt der Wetterdienst zu oft Alarm, um sich wichtig zu machen? Der Artikel solle eine Erinnerung sein, sagt Malewski. Es ist eine Unwetterwarnung für die Behörde.

Der Deutsche Wetterdienst ist eine deutsche Institution. 1952 gegründet, arbeiten heute 2500 Menschen für die Behörde, 900 davon am Hauptsitz in Offenbach. Der Wetterdienst verfügt über einen Etat von fast 300 Millionen Euro und sammelt gewaltige Datenmengen über das Wetter. Der Superrechner in der Zentrale ist so groß, dass man mit der warmen Abluft das riesige Gebäude heizen kann – samt Tiefgarage. Und all das nur, um am Ende sagen zu können: Scheint wohl morgen die Sonne?

Vor vier Jahren ist der Wetterdienst in den Neubau an der Frankfurter Straße in Offenbach gezogen. Zwei sechsstöckige Trakte, dazwischen ein Mittelbau mit Empfang. Die meisten Büros haben keine Klimaanlage. Im Sommer soll das Gebäude nachts auskühlen, haben die Architekten errechnet.

So ganz klappt das aber nicht. In diesen Tagen kommen die Kollegen deshalb öfter bei Helmut Malewski im Vorhersagezentrum vorbei – es ist einer der wenigen Räume mit Klimaanlage.
12.45 Uhr, Schichtwechsel. Die Lage ist stabil. Nur ein paar Wolken, Cumulus congestus, am Alpenrand. Kein Regen, keine Unwetter. Eigentlich könnten sie die Vorhersage von gestern rausschicken, sagt einer. „Wir müssen nur das Datum ändern.“ Gelächter. Malewski, kurzärmliges Hemd, schwarze Stoffhose, spricht in seinem hessischen Tonfall über seinen Einsatz als Bordmeteorologe mit dem Forschungsschiff „Polarstern“, von seinem 11er Deutz, einem Trecker Baujahr 57, den er bald flottmachen will. Malewski hätte von seinem Arbeitsplatz einen schönen Ausblick, könnte von der linken Fensterfront über Offenbach blicken. Doch die Außenjalousien sind heruntergelassen. „Man schaut heute selten aus dem Fenster“, sagt Malewski.

Man braucht uns!

1847 war das noch anders. Damals forderte Alexander von Humboldt den Aufbau eines Preußischen Meteorologischen Instituts. Der erste Vorgänger des Deutschen Wetterdienstes entstand. Mehr als 160 Jahre später steht Andreas Friedrich im 500 Quadratmeter großen Rechnerraum in Offenbach. Hier ist es zehn Grad kühler als in seinem Büro, dafür ist der Lärm der Lüftungsanlage kaum erträglich. Friedrich kennst sich mit Luftströmen aus, er ist der Tornadobeauftragte des DWD. Als im Mai ein Tornado den Ort Moore in den USA zerstörte, gab Friedrich Dutzende Interviews. Ja, der neue Rechner sei schon sehr teuer. Fast 40 Millionen Euro hat der SX9 gekostet. Aber jeder investierte Euro für die Wetterforschung bringe der Volkswirtschaft zehn Euro ein, sagt Friedrich. Das ist auch ein Ausruf: Man braucht uns!

Das Selbstverständnis beim früheren Monopolisten hat sich gewandelt. Als in den Neunzigern private Anbieter aufkamen – die „Kachelmänner“, wie man sie in Offenbach nennt – gab man sich gelassen. Noch 2002 nannte ein Pressesprecher die Privaten nur eine „Quasi-Konkurrenz“. Da hatte Kachelmanns Meteomedia gerade die Wettervorhersage am Ende der Tagesthemen übernommen – vom Deutschen Wetterdienst.

Die Wettervorhersage wurde zu einem umkämpften, wachsenden Markt. Kachelmann klagte lange über unlauteren Wettbewerb. Die Behörde verkaufe fertige Produkte unter Wert, während die Privaten auf die teuren Rohdaten des DWD angewiesen seien. Und sie klagten, der DWD arbeite ungenau, hätte vor den Orkanen „Lothar“ 1999 und „Anna“ 2002 nicht ausreichend gewarnt – anders als Kachelmann es für sich beansprucht. Seit Anfang 2004 liefert der DWD keine fertigen Beiträge oder Grafiken mehr an Sender und Zeitungen. „Politischer Wille“ sei der Rückzug gewesen, sagt Friedrich. Es klingt trotzig.

Heute kümmern sich die Meteorologen um die Sicherheit von Schifffahrt und Flugverkehr, geben Warnungen heraus und sind weiterhin auch Dienstleister. Baufirmen rufen in Offenbach an, wenn sie Betonarbeiten planen, Festival-Veranstalter wollen wissen, ob ihre Freiluftkonzerte unwetterfrei bleiben. Sie messen fast alles, was zwischen Himmel und Erde gemessen werden kann – und tragen so pro Jahr mehr als 300 Millionen Daten für die Forschung zusammen. Die Bibliothek ist die größte Spezialbibliothek für Meteorologie in Deutschland und eine der größten Europas. Niemand in Deutschland weiß so viel über das Wetter. Und doch: Wer „Wetter“ bei einer Suchmaschine eintippt, findet den Dienst nicht auf der ersten Seite. Andere haben sich vorgedrängelt auf der Wetterbühne.

Helmut Malewski stand auf der Bühne, als er zum Wetter fand. Er ist Statist an der Frankfurter Oper, spielt bei der „Fledermaus“ neben Heinz Rühmann, da schwärmt ein Kollege vom Meteorologie-Studium. Malewski hat bald den Virus, wie er das nennt. Ein paar Jahre später ist er beim DWD, schreibt die Wettertexte für die „Tagesthemen“ und ist Wettermoderator bei einem Radiosender. Ein Traum für den „Medienmenschen“, wie sich Malewski nennt. Freunde fragen ihn, welche Kleidung sie mit in den Urlaub nehmen sollen. „Wir schauen in die Zukunft“, sagt er. „Das ist ein Ereignis.“

Das Wetter von morgen ist ein Menschheitstraum. Der Brite Lewis Fry Richardson hatte in den 1920er Jahren eine Vision: Man müsse 64 000 Menschen in einem theaterähnlichen Bau mit aktuellen Wetterdaten rechnen lassen. Jeder Rang stünde für eine Höhenebene der Atmosphäre, und im Parkett säßen die Meteorologen. So wäre eine rechnerische Voraussage möglich, dachte Richardson.

In einigen Tagen werden in Offenbach erste Teile des neuen Rechners Cray XC30 installiert. In drei Jahren hat das System dann eine Rechenleistung von einem Petaflop. Das sind eine Billiarde Rechenoperationen – pro Sekunde. Sind die Meteorologen bald verzichtbar?
Malewski sieht das entspannt. Man werde immer Menschen brauchen, um die Daten einzuordnen. Als Malewski beim DWD anfing, 1980, war die Vorhersage für den dritten Tag „Kaffeesatzleserei“. Heute gelten die Dreitagesvorschauen als gut. Bei der Temperatur liegt die Genauigkeit für einen Ort bei rund 80 Prozent. Aber eine perfekte Vorhersage für einen Ort zu einer Minute? „Man soll nie nie sagen“, sagt Malewski. Aber da müsse schon jemand ein heute undenkbares Modell entwickeln.

„Die Menschen stehen am Fenster – aber sie schauen auf ihre Wetter-App“

Konzertveranstalter, Versicherungen, Baufirmen – für sie alle sind Vorhersagen Geld wert. Immer weniger Menschen arbeiten im Freien, dennoch wird das Wetter immer wichtiger. „Die Menschen haben ein hohes Freizeitbedürfnis“, sagt Malewski. Da soll alles passen – und bei vielen ersetzt der Wetterbericht die eigene Wahrnehmung. „Die Menschen stehen am Fenster, draußen ist es schwarz – aber sie schauen auf ihre Wetter-App.“

Die Zeichen der Natur faszinieren Andreas Friedrich schon als Kind. Einmal liegt er mit Freunden im Waldschwimmbad Rüsselsheim. Die Sonne scheint, die Freunde wollen Musik hören. Doch das Mittelwellenradio knackt immer lauter. Der kleine Andreas sagt: „Wir müssen los!“ Denn Blitze in der Nähe machen sich durch Knacken bemerkbar. Die Gruppe kommt gerade so trocken Zuhause an.

Heute hat Friedrich andere Mittel. Mit den gesammelten Daten des Wetterdienstes drehen die Metereologen jeden Tag ein Wettervideo. Im aktuellen Video blickt Friedrich auf das kommende, heiße Wochenende. Ein großes Warnzeichen prangt auf der Karte neben ihm. Dieses Video darf der DWD auch bei YouTube ins Internet stellen. Es ist eine Unwetterwarnung. Hier muss der Deutsche Wetterdienst informieren. Es ist dann ein bisschen wie früher, als es die „Kachelmänner“ noch nicht gab.

von Gerd Schild

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