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Herrenhausen So entstanden die Herrenhäuser Gärten
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08:00 09.01.2010
Von Simon Benne
Ordnung inmitten wilder Natur: Dieser kolorierter Kupferstich, um 1714, zeigt den Großen Garten in Herrenhausen. Quelle: Historisches Museum
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Hannover

Die Szene fällt ins Reich der Anekdoten, doch wenn sie nicht wahr sein sollte, ist sie zumindest gut erfunden: Ausgerechnet im Großen Garten soll Kurfürst Georg Ludwig gewesen sein, als man ihm 1714 offiziell die englische Krone antrug. Höchstselbst kümmerte er sich dort um die Blumen, da „hörete er etliche Posthörner und alsobald naheten sich ihm etliche vornehme Engländer und grüßeten auf den Knien ihn als neuen König“, heißt es in einer alten Chronik. Im Entstehen des Großen Gartens hatte sich über Jahrzehnte der Aufstieg der Welfen gespiegelt – er wäre eine würdige Kulisse für den Beginn der Personalunion gewesen. Man würde es dem Garten geradezu gönnen, als eine Art Krönungsort noch einmal im Zentrum der Weltgeschichte gestanden zu haben – zumal Hannovers Herrscher danach nach London gingen und er in einen langen Dornröschenschlaf fallen sollte.

Herzog Johann Friedrich hatte einen Wirtschaftshof 1666 zu einem kleinen Sommersitz ausbauen lassen – ein eher bescheiden anmutender Ort für fürstliche Lustbarkeiten. Er beauftragte den Gärtner Michael Große, passend zum Lusthaus (das später etwas großtuerisch als „Schloss“ firmieren sollte) einen Garten anzulegen. Der Herzog ließ Bauernhäuser abreißen und anderswo wieder aufbauen; Knechte fanden später Arbeit als Maulwurfsjäger oder Schwanenbewacher – Strukturwandel in Zeiten des Absolutismus. Dem Herzog schwebte etwas Venezianisches vor, und so kreierte er im schon leicht angestaubten Renaissancestil ein Ensemble aus 16 Gartenquadraten, garniert mit kleinen Hecken und Obstbäumchen, mit Kaskade, Grotte und Fontänen.

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Als Johann Friedrich 1679 starb, trat sein Bruder Ernst August seine Nachfolge an. Dessen Frau Sophie liebte Gärten: Auf Reisen hatte sie in Florenz und Rom herrliche Giardini bewundert, und in Versailles hatte Ludwig XIV. ihr zu Ehren extra die Wasserkunst anwerfen lassen – ein aufwendiges Unterfangen, zumal die Fontänen keineswegs immer so sprudelten, wie sie sollten. Über Versailles lästerte Sophie, dort habe „das Geld größere Wunder getan als die Natur“ – sie selbst hegte immer auch eine Vorliebe für kombinierte Zier- und Nutzgärten, wie es sie in den Niederlanden gab, wo sie aufgewachsen war. In Osnabrück, wo Ernst August als Bischof amtiert hatte, ließ Sophie einen Residenzgarten anlegen. Beim Umzug nach Hannover muss sie diesen im engen Leineschloss vermisst haben. Doch dann fand Sophie Herrenhausen, und Herrenhausen fand Sophie. Hier schuf sie den Garten ihres Lebens.

Sie holte den französischen Gärtner Martin Charbonnier hierher, der schon in Osnabrück für sie gearbeitet hatte. Immer wieder ließ sie in Hamburg oder Holland seltene Pflanzen ankaufen. Aus Osnabrück ließ sie ganze Wagenladungen mit Orangenbäumchen herankarren. Bildhauer wie Jean Villers schufen Statuen, Dutzende Tagelöhner waren mit Umgraben und Heckeschneiden beschäftigt – ihr Garten war auch ein Wirtschaftsfaktor.

Nach holländischem Vorbild entstand die Graft: Soldaten schachteten den zwei Kilometer langen Wassergraben aus, und eine Kapelle spielte ihnen dabei zum Ansporn mit flotter Militärmusik auf. Im neuen Gartentheater inszenierte Leibniz persönlich Laienspiele. Das Galeriegebäude, eigentlich als Winterquartier für Südfrüchte gedacht, ließ Sophie zum sommerlichen Festraum umplanen. Denn immer im Mai, wenn der Hof mitsamt Garderobe, Küchengeräten und Geschirr von Hannover nach Herrenhausen zog, wurde der Garten für ein halbes Jahr zur Kulisse höfischer Pracht.

Die Welfen feierten rauschende Feste mit Gondelfahrten auf dem Wasser, es gab venezianische Nächte, pompöse Karnevalsfeiern – und als Ernst August 1692 zum Kurfürsten aufstieg, wuchs der Repräsentationsdrang noch einmal. In Sophies Ära entstand im Garten das „Parterre“, acht rechteckige Beete, je 63 Meter lang. Dieser prächtigste Gartenteil lag selbstredend direkt vorm Schloss. Blumenarabesken gab es dort kaum – erst im 20. Jahrhundert kreierte man hier Formen, die barocker waren als im Barock. Im Süden erweiterte Sophie den Garten um den „Nouveau Jardin“, den Neuen Garten mit Großer Fontäne. „Alle Lustbarkeit, die man hier hat, ist der abendliche Spaziergang im Garten“, schrieb sie 1710 ihrer Enkelin. Und drei Jahre später schwärmte sie: „Nur mit dem Herrenhäuser Garten können wir prunken, der in der Tat schön und wohl gehalten ist.“

Die alten Quadrate wichen neuen Rechtecken, mit denen sich Zentralachsen kreieren ließen, die klar auf einen Punkt zulaufen – auf die Schlosstür, in welcher der Herrscher morgens zu erscheinen geruhte. In symmetrischer Ordnung traten ihm Bäume und Büsche entgegen – ein Garten als Sinnbild zentralistischer Macht. Und „unentwegt klapperten die Heckenscheren das Hohelied des Barocks, das da Akkuratesse und Haltung heißt“, schrieb der Historiker Karl H. Meyer.

Tatsächlich ist in Herrenhausen das Lebensgefühl einer Epoche Landschaft geworden: Die Natur hatte sich in barocken Gärten dem Herrscher zu beugen. Das Lineal zählte zum Handwerkszeug des Gartenmeisters, Gärten waren Demonstrationen der Überlegenheit rationalen Willens. Wildwuchs gehörte gezähmt. Auch der Große Garten war geprägt von penibel geschnittenen Bäumen, geschorenen Hecken, erstarrten Skulpturen. Und über allem schwebten die Gesetzmäßigkeiten mathematischer Ordnung. Jedenfalls fast.

„Besuchern fällt meist gar nicht auf, dass es im Großen Garten keinen exakten rechten Winkel gibt“, sagt der Biologe und Buchautor Joachim Knoll („Der Große Garten Herrenhausen“, NGH, 152 Seiten, 24,80 Euro). „Alle rechten Winkel der Beete sind um 2,8 Grad vergrößert oder verkleinert.“ Die Planabweichungen sind so planvoll, dass banale Schludrigkeit wohl ausgeschlossen ist: Wollten Charbonnier, Leibniz & Co. die Schönheit durch einen Hauch des Unperfekten perfektionieren? Wollten sie gar heimlich an den starren Ordnungsprinzipien ihrer Zeit rütteln? „Man kann darüber nur spekulieren“, sagt Knoll. „Und warum soll so ein Garten keine Geheimnisse wahren?“

Dass der Große Garten dieses Geheimnis bis heute bewahren konnte, liegt auch daran, dass er aus dem Blickfeld der Mächtigen geriet. Er war halbwegs fertig, als der Hof 1714 fortzog. In Europa waren nach italienischen und französischen bald englische Gärten en vogue. Diese sollten wirken, als hätte Mutter Natur sie im Alleingang angelegt. Nieder mit der Symmetrie! Persönliche Freiheit statt absolutistischer Zwänge! Wörlitz statt Versailles! Tausende Barockgärten fielen dem Freiheitsdrang zum Opfer: „Solche schroffen grünen Wände / Ließen sie nicht länger stehn / Konnt man doch von einem Ende / Gleich bis an das andre sehn“, dichtete Goethe. Herrenhausen indes verwilderte etwas, doch im Ganzen blieb der Große Garten, was er gewesen war: die monumentale Kulisse jenes großen Schauspiels, das der Barock hier einst inszeniert hatte.

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