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Gottfried Wilhelm Leibniz hinterließ Spuren in der Herrenhäuser Gärten
Reisereporter Ausflüge Herrenhausen Gottfried Wilhelm Leibniz hinterließ Spuren in der Herrenhäuser Gärten
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08:00 09.01.2010
Von Andreas Schinkel
Die feine Gesellschaft um Sophie und Leibniz im Barockgarten
Die feine Gesellschaft um Sophie und Leibniz im Barockgarten Quelle: Herrenhäuser Gärten
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Herrin des Wassers wollte sie sein, dem Element befehlen, entgegen der Schwerkraft zu fließen und hoch hinauf in den Himmel zu schießen. Selbstverständlich vertraute Hannovers Kurfürstin Sophie nicht auf magischen Hokuspokus, dafür war sie zu sehr Rationalistin. Gottfried Wilhelm Leibniz, der Hofgelehrte, Bibliothekar, Erfinder und ihr liebster Gesprächspartner – er wäre der Richtige, um das Unmögliche möglich zu machen und die große Fontäne im Barockgarten in ungeahnte Höhen zu treiben. So bekam Leibniz 1696 den Auftrag von Sophie, dem Wasserspiel auf die Sprünge zu helfen, und er machte sich eifrig an die Arbeit.

Wie so oft eilte sein scharfer Verstand den technischen Möglichkeiten seiner Zeit voraus. In damals sagenhafte 35 Meter wurde das Wasser in die Höhe gespien, aber erst nach Leibniz’ Tod. Denn die Umsetzung seiner Pläne, die beinahe einzigen Zeugnisse seiner unmittelbaren Einflussnahme auf die Gestalt der Herrenhäuser Gärten, hat das Universalgenie nicht mehr erlebt. Englische Ingenieure folgten seinen Ideen und bauten ein Maschinenwerk mit 40 Pumpen.

Dennoch hat Leibniz Spuren in den Gärten hinterlassen, und damit ist weder der Leibniztempel gemeint, der erst Ende des 18. Jahrhunderts am Waterlooplatz erbaut und 1935 in den Georgengarten versetzt wurde, noch die berühmte Leibnizbüste, die aus der gleichen Zeit stammt und im Technologie-Centrum-Hannover aufbewahrt wird. Die Zusammenhänge zwischen den Gärten und dem Gelehrten sind vielmehr geistiger Natur. Nirgendwo waren die philosophischen Gespräche mit seiner Gönnerin Sophie so lebendig und tiefschürfend wie auf den ausgedehnten Spaziergängen zwischen den Beeten des Großen Gartens. Die „Theodizee“, Leibniz’ Hauptwerk über die Existenz Gottes in einer von Leid und Schmerz erfüllten Welt, wäre nie entstanden, hätte es die Gespräche nicht gegeben, sagt die hannoversche Historikerin Annette von Boetticher.

Überliefert und in einem historischen Stich festgehalten, ist ein Spaziergang der höfischen Gesellschaft – mit Kurfürstin und Leibniz an der Spitze –, bei dem der Gelehrte einmal mehr die Grundideen seiner Philosophie veranschaulichen soll. Niemals könne es zwei Dinge geben, die sich in all ihren Eigenschaften gleichen, sagt Leibniz. Aber die Blätter eines Baums, so wendet ein Höfling ein, die seien doch praktisch identisch. Leibniz, trotz aller Gelehrsamkeit ein praktischer Mensch, macht die Probe aufs Exempel und bitte die feine Gesellschaft, doch einmal zwei völlig identische Blätter zu finden. Nach erfolglosem Suchen müssen die Spaziergänger einsehen, dass Leibniz Recht hat. Jede Monade, jede Einheit, so sagt der Philosoph, ist einzigartig, und zugleich spiegelt diese Einheit die Vielheit des Universums wider. Weitergedacht bedeutet das, dass an jedem einzelnen Blatt der Zustand des Baumes ablesbar sein muss, der Zustand des Gartens, ja der gesamten Natur.

Solche ungewöhnlichen Gedankengänge liebt Kurfürstin Sophie. Im März 1696 lädt sie den eigenwilligen niederländischen Denker Frans Mercurius van Helmont nach Herrenhausen ein. Der zu diesem Zeitpunkt 82-Jährige ist ein Verfechter der Seelenwanderung, eine Ansicht, die Leibniz nicht teilt. Sophie bittet die Gelehrten zum Gespräch ins Schloss. Rückblickend schreibt Leibniz, dass die kabbalistischen Ideen des Niederländers ihm „oft wunderlich“ anmuteten, „doch stecken einige gute Gedanken darunter.“

So angetan ist die Kurfürstin von ihren gelehrten Gästen, dass sie van Helmont im August erneut zu sich bittet. Leibniz weiß, dass der rege Greis sich auch für technische Fragen begeistert. Und da gibt es ja noch Sophies Auftrag, die Fontäne zu vergrößern: Gemeinsam besichtigen van Helmont und Leibniz die rissigen Holz- und Bleirohre, die die Fontäne versorgen. Einen Stichkanal, so erklärt Leibniz, müsse man abzweigend von der Leine bauen. Daneben ein zweistöckiges Pumpwerk errichten, dessen Maschinen von einem Wasserrad mit zehn Metern Durchmesser angetrieben werden. Die Pumpen heben das Wasser in ein Becken im Turm des Werks. Dort soll das Wasser, so führt Leibniz aus, in einem Kessel komprimiert werden, sodass es in der 350 Meter entfernten Fontäne 35 Meter in die Luft geschleudert wird.

Wie van Helmont auf die Pläne reagierte, ist nicht überliefert. Aber zehn Jahre später ist der Große Garten um eine Attraktion reicher.

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