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Bedeutende Exponate Kurt Schwitters und die Abstrakten
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13:52 14.01.2010
Von Johanna Di Blasi
Das „Kabinett der Abstrakten“ von El Lissitzky Quelle: Sprengel Museum

Paris, Wien, Zürich, Madrid, Mexiko-Stadt ... Kurt SchwittersMerzbau“ kommt viel in der Welt herum. Es existieren zwei Versionen, eine dauerhafte Nachbildung im Sprengel Museum Hannover und eine Reisefassung. Derzeit ist das begehbare Gesamtkunstwerk des hannoverschen Dada-Künstlers und Avantgardeliteraten in Oslo zu bestaunen – nebst rund 100 weiteren Schwitters-Werken ist es im Henie Onstad Kunstsenter ausgestellt. Bis Mitte Januar 2010 ist dort die Schau „Schwitters in Norwegen“ zu sehen. Sogar die norwegische Königin Sonja kam zur Eröffnung.

Als Schwitters in den zwanziger Jahren damit begann, sein Zimmer in der elterlichen Wohnung in der hannoverschen Waldhausenstraße zu einem System aus engen Grotten, Kabuffen und Hochsitzen auszubauen, war nicht abzusehen, dass sich einmal die Welt dafür interessieren würde. Vielmehr zerrte reger Besucherverkehr im Zimmeratelier des exzentrischen Künstlers an den Nerven der Eltern. Die geduldige Mutter unterstützte ihren Jungen dennoch. Sie beglich beispielsweise die Rechnungen für Gipssäcke – Gips war Schwitters' wichtigster Baustoff.

Eine „Goethegrotte“, eine „Lustmordgrotte“, eine „Bibliothek“ und ein winziges „Studiolo“ gab es in dem Bau. Den zentralen Teil taufte Schwitters – vielsagend – „Kathedrale des erotischen Elends“. Den Zugang zum Balkon hatte der Künstler verbarrikadiert. Er wollte keine neugierigen Blicke von Nachbarn. Dafür guckte er selbst von einem winzigen Studierzimmer aus mithilfe eines Spiegels, wer aus der Eilenriede kam. Zum Grundwasser hinunter nahm der Künstler eine Bohrung vor, um den Bau gleichsam zu erden. Im Keller und am Dachboden wucherte das Raumungetüm mit kleinen Höhlen, Grotten und Souvenirs von Freunden weiter. Auf dem Dach muss es einen Ausgang und eine Art Sonnenterrasse gegeben haben.

Dieses Original wurde 1943 bei einem Bombenangriff zerstört. Der Künstler lebte zu diesem Zeitpunkt im englischen Exil. Die Nationalsozialisten hatten ihn als Bolschewisten eingestuft und sogar einmal die Gestapo vorbeigeschickt. Die Idee, den legendären „Merzbau“ zu rekonstruieren, hatte Harald Szeemann, der große Schweizer Kurator und Leiter der documenta 5 von 1972. Die beiden Rekonstruktionen des „Merzbaus“ im Sprengel Museum stammen aus den achtziger Jahren, als sie der Schweizer Bühnenbildner Peter Bissegger auf der Grundlage von Schwarz-Weiß-Fotografien schuf. Sie geben nur eine ungefähre Ahnung des Originalwerks.

Hereinspaziert! Die Bilder zeigen Bilder aus abstrakten Kunstausstellungen des Sprengelmuseums.

Doch nicht nur mit der Schwitterskathedrale hat Hannover Kunstgeschichte geschrieben, sondern auch mit dem 1927 geschaffenen „Kabinett der Abstrakten“ des russischen Konstruktivisten El Lissitzky. Es war ein Werk, das zugleich als Ausstellungsrahmen diente – für die allerneueste Kunst. Im damaligen Provinzialmuseum, heute Niedersächsisches Landesmuseum, dessen Leiter zu jener Zeit Alexander Dorner war, bildete Lissitzkys Raum den Abschluss eines Parcours durch mehrere Jahrhunderte Kunstgeschichte.

Das „Kabinett der Abstrakten“ war der erste moderne Künstlerraum in einem öffentlichen Museum. Alfred Barr, der Gründungsdirektor des New Yorker Museum of Modern Art, reiste eigens nach Hannover, um Dorners innovatives Museumskonzept aus eigener Anschauung kennenzulernen. Er nannte das „Abstrakte Kabinett“ später einmal den „vermutlich weltweit bedeutendsten Einzelraum der Kunst des 20. Jahrhunderts“. Auch den „Merzbau“ schaute sich Barr in Hannover an – und war begeistert.

Den Nationalsozialisten aber galt ab-strakte als entartete Kunst. Das „Kabinett der Abstrakten“ überstand die Nazizeit nicht. Einen Nachbau des konstruktivistischen Raums mit beweglichen Elementen, der in den sechziger Jahren geschaffen wurde, befindet sich allerdings heute im Sprengel Museum unweit des „Merzbaus“. Zu sehen ist daran, wie deutlich Lissitzky mit seinem Raum Industriemessenarchitektur jener Zeit aufgriff – und den modernistischen Look ins Extrem trieb.

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