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Teutoburger Wald „Knochenkrimi“ um Widukind
Reisereporter Ausflüge Teutoburger Wald „Knochenkrimi“ um Widukind
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08:00 19.02.2008
In Fundamenten der von ihm gegründeten Stiftskirche Enger gefunden: Die mutmaßlichen Gebeine des Sachsenherzogs Widukind, die eine Anthropologin hier untersucht. Quelle: Bernd Althammer
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Immer noch wird er lautstark besungen; aber man weiß nur wenig über den Sachsenherzog, der gegen Ende des 8. Jahrhunderts den Frankenkönig Karl den Großen bekämpfte. Doch seine Gebeine haben sich erhalten: Sie liegen im ostwestfälischen Enger – zumindest ist das wahrscheinlich.

Das in einem alten Fachwerkhaus in unmittelbarer Nähe zur Stiftskirche nagelneu konzipierte Museum widmet sich jetzt intensiv dem Feldherrn Widukind, seiner Zeit und seinen möglichen Taten. Das war nicht einfach für die Experten, weil nur wenige Fakten gesichert sind. Das neue Museum von Enger, geöffnet dienstags bis sonnabends von 15 bis 18 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr, wurde behindertengerecht ausgebaut.

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Eigentlich müsste man mit dem Besuch der Stiftskirche beginnen. Denn hinter dem Altar werden in einem Schrein Knochen und Schädel aufbewahrt, die seit dem 13. Jahrhundert als sterbliche Überreste Widukinds verehrt wurden. Aber offenbar hat niemand so genau hingeguckt: Erst 1970 wurde bei näherer Untersuchung festgestellt, dass es sich um Knochen einer Frau handelte. Fast zeitgleich aber entdeckten Archäologen bei der Renovierung des Gotteshauses Fundamente eines kleinen Vorgängerbaus aus der Zeit um 800. In diesem fanden sich drei Gräber.

Nun begann etwas, was die Engeraner inzwischen „Knochenkrimi“ nennen. Denn die Gebeine wurden an der Göttinger Universität aufwendig untersucht. Dann stand fest: Der mittlere der drei bestatteten Männer war etwa 60 Jahre alt, hoch gewachsen, muskelbepackt und dürfte angesichts O-Bein-Stellung und abgenutzter Bandscheiben ein Leben im Pferdesattel verbracht haben. Die beiden anderen Personen waren mit ihm verwandt.

Die Ausgrabungssituation ist zentraler Punkt im Museum. Der Besucher steht auf einer Plattform und wird durch Bild und Ton auf die Szenerie eingestimmt. Überhaupt bedient sich das neue Widukind-Museum modernster Technik. Schon beim Eintritt gibt es einen Audio-Führer. Hinzu kommen großflächige Monitore und visuelle Szenen, die über Beamer auf Wandflächen projiziert werden. So wirkt das Museum lebendig – und mitunter auch etwas gruselig. Denn schon im ersten Raum ist Schlachtengetümmel zu hören. Unter einer gläsernen Bodenplatte liegen blutbespritzte Speere und fleckige Gewänder. Das eiserne Schwert, der Sax, steht im Mittelpunkt zwischen den beiden Widersachern Widukind und Karl.

Nicht minder eindrucksvoll werden die weiteren Aspekte aus dem Leben des Feldherrn behandelt: sein Weg zum Christentum, die Gründung des Stifts durch die aus Quedlinburg stammende Nachfahrin Mathilde, schließlich die Widukind-Verehrung im Lauf der Jahrhunderte: Bis heute werden Widukind zu Ehren brötchenähnliche „Timpken“ am Dreikönigstag verteilt.

Natürlich werden die historischen Ereignisse auf geeignete Weise auch kleinen Museumsbesuchern nahe gebracht. Für Gruppen und Kindergeburtstage gibt es komplett buchbare Programme.

Wer nicht so lange warten will, kann das kleine Enger auf eigene Faust erkunden. Die Stadtverwaltung hilft unter Telefon (052 24) 98 00 11 oder unter www.enger.de mit nützlichen Prospekten. Es ist jeweils nicht weit zu einem der Sattelmeierhöfe, zur restaurierten Liesberg-Windmühle und zu einem in seiner Art einmaligen Gerbereimuseum. Allerdings ist die Stätte einst mächtig stinkender Handarbeit nur sonnabends von 15 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Wenn es noch ein bisschen wärmer wird, kann man Enger auf der ehemaligen Kleinbahntrasse auch per Fahrrad durchqueren. Im einstigen Bahnhof eröffnet demnächst ein Kleinbahnmuseum.

von Bernd Althammer

öffentliche Verkehrsmittel

mit der Bahn über Herford, weiter mit dem Bus 466 nach Enger

mit dem Auto

über die A 2 bis Herford-Bad Salzuflen, weiter über die B 239, in Herford nach Enger abbiegen, (oder über die A 30 bis Ausfahrt Hiddenhausen), Parkplätze direkt in Museumsnähe