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Reisereporter Andalusiens Historienschinken
Reisereporter Andalusiens Historienschinken
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00:25 21.05.2011
Córdoba steckt voller Geschichte. Quelle: iStockphoto
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In Andalusien hängt der Himmel voller Schinken. Na gut, nicht direkt der Himmel: An den Decken in Granadas Tavernen baumeln mächtige luftgetrocknete Schweinekeulen an Haken, hier und da beobachtet von einem ausgestopften Stierkopf. Über eine geradezu himmlische Anziehungskraft scheinen die Lokale auch zu verfügen. So viele Menschen drängeln sich hier, dass ein unerfahrener, hungriger Besucher erst einmal rätselt, wie er in diesem Gewühl überhaupt seine Bestellung aufgeben soll.

Irgendwie wird er dann doch zum Tresen durchgeschoben, ordert ein paar Scheiben Chorizo, die leicht scharfe Paprika-Schweinswurst, und dazu ein Gläschen Rioja. Wie durch ein Wunder tauchen die Leckereien auf der Theke auf. Und dann muss man aufpassen, jedenfalls als Stammgast mit größerem Bekanntenkreis: Plötzlich nähern sich Gabeln von links und rechts – und schon muss eine neue Lieferung her.

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Die Andalusier sind gesellige Esser. Gesellig sind sie auch außerhalb der Tavernen: Sobald die Sonne wärmt, flanieren sie über Plätze und Straßen. Ein Lieblingsort in Granada ist der Vorplatz vor der Kirche San Nicolas im arabischen Viertel Albaicín. Hier versammelt sich am Abend viel junges Volk zu den Flamenco-Klängen der mitgebrachten Gitarren.

Der von außerhalb angereiste Besucher erklimmt den Hügel von San Nicolas, weil auf dem Stadtberg gegenüber die Alhambra in voller Schönheit erstrahlt, gesäumt vor den Schneekuppen der Sierra Nevada im Hintergrund. 800 Jahre waren auf dieser gewaltigen Burganlage die Mauren zu Hause, die letzten 250 Jahre bis 1492 das Königsgeschlecht der Nasriden.

Heute schlendert man durch die Paläste mit ihren ausgetüftelten Wasserspielen und kühlenden Gärten und ist beeindruckt: Wie sehr muss sich das Leben hier von dem im dunklen Mittelalter gefangenen Europa unterschieden haben. In Granada erblühten Wissenschaft, Wirtschaft und Handel. Moslems, Juden und Christen kamen vergleichsweise gut miteinander aus. Die Fundamentalisten – das waren damals nicht die Anhänger des Islams.

Überall in Andalusien gründeten die christlichen Herrscher ihre Prunkbauten auf maurischen Mauern. Besonders frevelhaft ging man im 150 Kilometer entfernten Córdoba zu Werk: Mitten in der großen Moschee erbaute die katholische Kirche Anfang des 16. Jahrhunderts eine Kathedrale. Wer heute ins Halbdunkel des einstigen muslimischen Gebäudes eintaucht, ist erst fasziniert von den knapp tausend schwebend-leichten Säulen – und dann befremdet über den protzigen Fremdkörper in deren Mitte. Sogar Kaiser Karl ging das so: „Ihr habt gebaut, was überall hätte gebaut werden können, und zerstört, was einmalig war“, soll er gesagt haben.

Baustelle Flusspromenade

Die Bewohner der Stadt am Rio Guadalquivir sind aber schon viel weiter als die christlichen Propagandisten. Hunderte von feiernden Menschen in blauen T-Shirts ziehen zu Werbezwecken durch Córdoba: Die Stadt hat sich als europäische Kulturhauptstadt 2016 beworben. Die Sanierungsarbeiten für kommende europäische Aufgaben sind in vollem Gang.

Die gesamte Flusspromenade Córdobas hat sich in eine Baustelle verwandelt. Die römische Brücke ist bereits fertig, weit leuchten die hellen Steinquader. Gegenüber, auf der anderen Flussseite, kann man am Abend auf einer Bank Platz nehmen und auf die sanft angestrahlte Kathedrale schauen, die immer noch Moschee genannt wird.

Nebenbei haben die christlichen (Rück-)Eroberer mit ihren Kirchenbauten aber auch dafür gesorgt, dass die maurische Vergangenheit erhalten blieb: Auch die mächtige Kathedrale in der andalusischen Regionshauptstadt Sevilla gründet auf einer Moschee – der Glockenturm La Giralda, das Wahrzeichen der 700.000-Einwohner-Metropole, diente einst als Minarett. Die stufenlose Rampe im Turm ritt früher der Muezzin auf dem Esel hinauf, heute pilgern Touristentrupps nach oben. Der Ausblick über die Stadt ist phänomenal.

Wer wieder unten angekommen ist, sollte auf jeden Fall am wuchtigen Sarkophag von Christoph Kolumbus in der Kathedrale vorbeischauen, der hier einen Ehrenplatz gefunden hat. Immerhin 150 Gramm von Kolumbus’ Knochen liegen tatsächlich an diesem Ort, wie Wissenschaftler per DNA-Test vor ein paar Jahren überprüft haben.

Bei so viel Historie vor Augen kann man seinen wachsenden Hunger eine Zeit lang glatt vergessen. Aber keine Angst: Himmlische Schinken hängen auch in Sevillas Tapas-Bars von den Decken.

Von Stefan Stosch

Weitere Informationen
www.spain.info/de

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