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Reisereporter Völlig losgelöst
Reisereporter Völlig losgelöst
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09:00 21.10.2013
Mit gut 20 Kilometern pro Stunde gleitet der Heißluftballon über die Sonora-Wüste. Quelle: Michael Zehender
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Scottsdale

Zugegeben: Die Vorstellung, dass nur ein paar Quadratmeter Polyester, ein paar Seile und ein Korb die Menschen in dieser Höhe halten, ist gewöhnungsbedürftig. Ein anderer Ballon ist schon gestartet, Pilot Patrick Stevens wartet. Vielleicht doch am Boden bleiben? Aber dann hätte der Wecker um 4.30 Uhr umsonst geklingelt.

Also rein in den Korb, zu den 15 weiteren Passagieren, die sich an diesem Morgen ein paar Meilen außerhalb von Scottsdale in Arizona am Highway getroffen haben. Lautlos hebt sich der Heißluftballon, kein Luftzug ist zu spüren. Nur die Hitze macht sich bemerkbar. Zur Hitze der Sonne, die im Wüstensommer auch schon morgens um 6 Uhr ordentlich Kraft hat und die Luft auf 35 Grad Celsius erhitzt, kommt die Hitze des Brenners. In regelmäßigen Abständen zieht Pilot Patrick am Hebel – eine riesige Flamme zischt in die Luft im Inneren des Ballons, der immer weiter steigt. „1.000 Fuß, 2.000, 4.000, 7.000, 8.000“, gibt Pilot Patrick die Daten des Höhenmessers weiter.

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Mit 20 Kilometern pro Stunde durch die Wüste

Der Ausblick wird immer spektakulärer. Zu Beginn sind noch einzelne Wüstentiere zu erkennen und natürlich die unzähligen Saguaro-Kakteen der Sonora-Wüste, die von Mexiko bis in den Süden Arizonas reicht. Später geht der Blick bis nach Phoenix, über den Lake Pleasant und die Berge. Mit gut 20 Kilometern pro Stunde gleitet der Ballon dahin – nur angetrieben vom Wind. „Wo immer uns der Wind hinweht, fahren wir hin“, sagt Patrick. Im zweiten Ballon, der an diesem Morgen gestartet ist, hat gerade ein Passagier seiner Begleiterin einen Heiratsantrag gemacht, erfährt Patrick per Funk. Die frohe Kunde über das „Ja“ der Angebeteten gibt er an seine Gäste weiter – Liebe völlig losgelöst. „Wir haben relativ oft Heiratsanträge“, erzählt er. Nur einmal habe er erlebt, wie einer abgelehnt wurde.

„Höhenangst ist nicht so gut hier oben“

Statt Schmetterlingen im Bauch gibt es im Ballon aber auch immer wieder Beklemmung. „Höhenangst ist nicht so gut hier oben“, hatte Patrick noch vor dem Start geflachst. Doch auch an diesem Morgen ist zwei Mitfahrerinnen etwas flau im Magen. Dagegen hilft nur: den Blick in die Ferne schweifen lassen, einfach den Ausblick genießen. Direkt über dem Ballon fliegen – scheinbar zum Greifen nahe – Flugzeuge, die den Airport in Phoenix ansteuern. Einige Hundert Meter tiefer kleine Privatmaschinen, die von hier oben wie Spielzeug aussehen. Genauso schnell und geräuschlos, wie es nach oben ging, geht es auch wieder nach unten. Die anderthalb Stunden sind schnell vergangen.

Als Landeplatz hat sich Patrick den Gehweg in einem Wohngebiet ausgesucht. Staunend kommt eine Mutter mit ihrem Sohn herbeigelaufen, ein Autofahrer parkt seinen Wagen und steigt aus. Auch wenn Heißluftballonfahrten rund um Scottsdale eine beliebte Freizeitbeschäftigung sind, ist es doch etwas Besonderes, einen direkt vor der Haustür landen zu sehen. Kurz nach der Landung trifft die Bodenmannschaft ein. Per Funk hat Patrick den Kontakt zu ihr gehalten. In Windeseile ist der riesige Ballon verpackt, der Korb auf einen Pick-up geladen, sind Tische und Stühle aufgestellt, und es wird Frühstück serviert. Dazu gibt es die obligatorische Urkunde für Ballonneulinge und Champagner.

Auf vier Beinen durch die Sonora-Wüste

Wer die Sonora-Wüste lieber erkundet, ohne abzuheben, für den bietet Scottsdale eine Reihe anderer Möglichkeiten. Eine hat vier Beine und hört auf den Namen Joker. Neben ihm steht Troy – rotes Hemd, Jeans, Cowboyhut. Früh am Morgen hat er Joker, das Pferd, schon gesattelt. Er bietet Besuchern das ganze Jahr über Ausritte in die Wüste an, die hier anders ist als zum Beispiel in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder die Sahara. Statt feinem Sand dominieren Steine und Geröll das Bild. Kakteen prägen die Landschaft – allen voran die Saguaro-Kakteen. „Wenn man sie in einem Western sieht, weiß man, dass er hier gedreht wurde, auch wenn die Filmemacher vorgaukeln wollen, er spiele in Texas“, sagt Troy. „Saguaro-Kakteen gibt es nämlich nur bei uns.“

Umgesattelt auf einen Geländewagen

Bei der Geländewagentour später am Morgen befördern uns Dutzende Pferdestärken statt einer. Und doch hat Fahrer Steve Mühe, den Wagen vorwärtszubewegen. Die Schräglage ist bedenklich. Die Fahrt mit Steve ist eine Mischung aus Achterbahn und Naturkundevorlesung. Während er den gelben Wagen mit den Hörnern auf der Motorhaube durch Sanddünen und Felsbrocken manövriert, erzählt er in Seelenruhe, was am Straßenrand zu sehen ist. Nicht nur aus der Luft, vom Pferd oder im Geländewagen lässt sich die Gegend also erkunden.

Mit dem Kajak auf dem Verde River

Die vierte Möglichkeit, die Wüste zu erkunden ist eine Kajaktour auf dem Verde River. Vor allem die Tierwelt findet Kajakguide Jon spannend. Wie bestellt tauchen Wildpferde auf. Einige Hundert gebe es hier noch, erklärt Jon. Anmutig stehen sie am Ufer, treten jedoch die Flucht an, als sich die Kajaks nähern. „Adler“, ruft Jon plötzlich. Tatsächlich: Über dem Fluss kreist ein Pärchen. Die Tiere sehen die Wüste genauso wie die Menschen im Heißluftballon.

Michael Zehender

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