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Reisereporter Auf dem unbekannten Donauradweg
Reisereporter Auf dem unbekannten Donauradweg
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17:10 27.07.2012
Die meisten kennen vom Donauradweg nur die Route von Passau nach Wien – doch auch die Tour von Budapest nach Belgrad und weiter bis zum Eisernen Tor lohnt sich. Quelle: Donau Touristik
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Budapest

Schnell raus aus Budapest. Pester Ufer bei Nacht war gestern, Fischerbastei in Buda auch. Nach dem Frühstück wollen Radler erst einmal auf den Sattel und nichts vom ungarischen Trauma wissen, dem Sieg der Türken bei Mohács im Jahr 1541. Vier Tage später, beim Abendessen in Mohács, einem verschlafenen Provinzstädtchen etwa 250 Kilometer südlich von Budapest, hören die Geschichtsinteressierten unserer siebenköpfigen Truppe umso genauer hin.

Doch jetzt erst einmal raus aus der geschäftigen Kapitale Ungarns – mit dem Bus. Wir eingeschworenen Freizeitradler, die sich zu dieser geleiteten Radreise gefunden haben, mögen keine langweiligen Industrielandschaften, stattdessen Natur in geruhsamen Variationen. Und die bekommen wir ab Halásztelek satt geboten.

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Die still dahinfließende Donau, geschätzte 400 Meter breit, ein Streifen Schilf mit schnatternden Enten, und dann liegt da schon der EV 6 vor uns, der von der EU geförderte Europaradweg. Von den rund 800 Kilometern von Budapest bis zum Eisernen Tor sind etwa 40 Prozent fertiggestellt. Die restlichen 60 Prozent brauchen uns nicht zu stören. Denn wir meistern diese Etappe der Region mittlere Donau zum einen per Wadenkraft und zum anderen mit einem Begleitbus, mit dem unser Gepäck und die (Ersatz)Räder befördert werden – und streckenweise auch einige von uns, je nach sportlichem Ehrgeiz und Wetterlage.

Dabei dürfen wir uns guten Gewissens als Pioniere fühlen. Denn den Donauradweg will zwar jeder kennen, zumindest nicken die meisten passionierten Radurlauber wissend, wenn sein Name fällt. Doch wird dabei meist an die klassische Route von Passau nach Wien gedacht. Den Streckenverlauf hinter Budapest, der schwirrt bisher höchstens als Sehnsuchtsort durch die Synapsen eingeschworener Radurlauber: als Terra incognita weit hinten im Balkan. Mit dem Klischee muss Schluss sein, sagten sich radbegeisterte Teilnehmer und folgten dem Ruf von Manfred Traunmüller, seines Zeichens „Erfinder“ des Donauradweges und Geschäftsführer der DonauTouristik.

Gewählt werden konnte – je nach persönlicher Fitness – zwischen üblichem oder E-Rad. Ich saß erstmals auf Letzterem und gestehe: Äußerst gemütlich und verführerisch ist es, je nach körperlicher Befindlichkeit und manchmal auch Faulheit vier elektronische Gänge zuschalten zu können: Damit strampeln bis zu vier „Heinzelmännchen“ mit. Die heimlichen Helfer sitzen in einem kleinen Akku; sein Gewicht: rund zweieinhalb Kilo.

Nicht dass es die Treidelpfade entlang Europas zweitlängstem Strom (Gesamtlänge 2857 Kilometer) teilweise schon seit Jahrhunderten gibt. Tatsächlich aber hatte erst Manfred Traunmüller gemeinsam mit Walter Steiner, dem Bürgermeister von Ottensheim, einer Gemeinde im oberösterreichischen Mühlviertel, die Idee, die Strecke von seiner Heimatstadt nach Wien als Donauradweg zu bewerben.

Zum Glück laufen unsere Tage rund

Es gibt keinen Platten, und wenn es einen gegeben hätte, wäre Igor, der den Begleitbus fuhr, umgehend zur Stelle gewesen, um uns ein Ersatzrad vorbeizubringen. Igor ist unser hilfreicher Mann mit dem unermesslichen Bizeps in den Armen: Er hievt die recht schweren E-Räder immer auf den und vom Anhänger des Busses. Höchst hilfreich sind seine Dienste jedoch auch als Übersetzer, als Beate in einer Apotheke in Osijek nach einem Medikament fragt. Die Region um Osijek, Kroatiens viertgrößte Stadt, war vor dem Balkankrieg ein Mekka für Vogelbeobachter.

Stressloses Radeln entlang dem Ufer bedeutet häufig links Paprikafelder, oftmals so weit das Auge reicht, und rechts der viel besungene Wasserweg – verdeckt von undurchdringlichem Buschwerk. Es bedeutet aber auch Schafherden mit Hirte und Hund an der Uferböschung oder ein Dorf mit acht Bauernhöfen, vier davon mit bewohnten Storchennestern auf dem Dach. Und Kühe und hier und da mal der Ruf eines Kuckucks. Unterbrochen wird das Idyll eigentlich von nichts, außer wir möchten unterbrochen werden: beispielsweise vom erzbischöflichen Palais in strahlendem Schönbrunnergelb in Kalocsa, dessen prachtvolle barocke Bibliothek wir besichtigen.

Für die Paprikamassage, die unser Hotel in Kalocsa in seinem Wellnessbereich anbietet, findet sich indes kein Freiwilliger. Attraktive Kameramotive zur landesgeschichtlichen Kultur liefert auch Novi Sad mit seiner bombastischen Festung Petrovaradin. Oder Lepinski Vir, eine jungsteinzeitliche Fundstätte, deren erste Spuren 7000 Jahre alt sein dürften.

Zwölf Tage dauert die geführte Radreise von Budapest über Belgrad bis zum Eisernen Tor, der engsten Stelle des Donaudurchbruchs und dem Nationalpark gleichen Namens. Von den knapp 800 Kilometern legen wir etwa 500 Kilometer per Rad zurück; Tagesetappen zwischen 50 und 70 Kilometer sind die Regel. Empfohlen sei die Tour neugierigen Radlern, die Reisen als inspirierende Bewegung und Begegnung begreifen und sich gern einer Ecke Europas aussetzen mögen, die vorrangigere Probleme zu meistern hat, als Radwege zu asphaltieren. In der aber immer noch habsburgischer Palatschinken meisterlich zubereitet wird.

Von Alexandra Glanz

Anreise
Anfang und Ende der hier beschriebenen Tour ist Budapest. Teilnehmer entscheiden selbst, ob sie mit dem Flugzeug oder der Bahn in die ungarische Hauptstadt reisen. Zurück nach Budapest geht es mit dem Bus. Direktflüge nach Budapest gibt es ab Berlin, Hamburg, Frankfurt und Dortmund. Ab Hannover bestehen Umsteigeverbindungen zum Beispiel via Wien, Frankfurt und Zürich (Swiss, Lufthansa, Germanwings).

 Veranstalter
Donau Touristik bietet diese Etappe des Donauradwegs erstmals an (zwölf Tage ab 1240 Euro). In diesem Jahr gibt es diese Tour noch zweimal: vom 8. bis 19. September und vom 19. bis 30. September.

Weitere Informationen
www.donaureisen.at