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Reisereporter Das Kap am Ende der Welt
Reisereporter Das Kap am Ende der Welt
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12:49 08.04.2013
Von Stefan Stosch
Foto: Vom Wind durchgepustet und glücklich: An der Küste der Algarve finden Urlauber auch außerhalb der Sommermonate Erholung – und eine grandiose Aussicht.
Vom Wind durchgepustet und glücklich: An der Küste der Algarve finden Urlauber auch außerhalb der Sommermonate Erholung – und eine grandiose Aussicht. Quelle: Wikinger Reisen
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Sagres

Ob Heinrich der Seefahrer jemals auf diesem Felsen, 60 Meter über dem tosenden Atlantik, unruhig hin- und hergepilgert ist? Ob er hier, am südwestlichsten Zipfel Europas, sehnsüchtig nach den Männern Ausschau hielt, die er entsandt hatte - etwa nach Diogo de Silves, der dann die Azoren für Portugal entdeckte, oder nach Alvise Cadamosto, der es in einer besseren Nussschale bis zu den Kapverden schaffte? Ob Heinrich insgeheim fürchtete, so wie die meisten seiner Zeitgenossen, dass da draußen Ungeheuer lauern, die Meere kochen und Strudel Schiffe in den Abgrund reißen?

Wer auf dem Kap São Vicente steht und auf den Atlantik hinausblickt, macht sich so seine Gedanken. Dieses portugiesische Kap galt einst als das Ende der Welt, bis Heinrich der Seefahrer im 15. Jahrhundert die Grenzen jener Welt erweiterte und das europäische Expansionsstreben schürte. Die von ihm ausgerüsteten Entdecker waren es, die Portugal den Weg zur Weltmacht eröffneten.

Denkmäler ehren Heinrich den Seefahrer

Im ganzen Land wird Infante Dom Henrique (1394-1460), wie Heinrich in Portugal heißt, heute gewürdigt, ganz besonders aber an der Algarve. König Johann I. hatte seinen viertgeborenen Sohn Heinrich zum Gouverneur der Provinz befördert. Denkmäler ehren Heinrich in den von ihm zu Dienstsitzen erkorenen Städtchen Sagres und Lagos, wo sich die Reste seiner Festungen bestaunen lassen. Die Autobahn ist nach dem Prinzen benannt, Hotels und Restaurants heißen „Infante“ oder auch „Navigator“, und selbstverständlich steht auch auf dem Kap São Vicente eine Büste im kleinen Museum, in dem die Navigationskunst und die Kartografie der Portugiesen gerühmt werden. Mathematiker und Astronomen lud Heinrich an die Algarve ein, um von ihnen zu lernen.

Dass Heinrich auch den Handel mit afrikanischen Sklaven zum lukrativen Geschäft ausbaute, wird in dem Museum am Kap nicht erörtert. Hoch zu Ross soll er auf dem Sklavenmarkt in Lagos zugeschaut haben, wie die menschliche Ware verkauft wurde, an der auch er verdiente. Ein kleines Museum in Lagos erinnert daran. Eines war Heinrich allerdings wichtig: dass die Schwarzen sich taufen lassen.

„Letzte Bratwurst vor Amerika“

Heute muss sich der Seefahrer, der selbst gar nicht zur See fuhr, die Aufmerksamkeit der Touristen mit anderen Attraktionen teilen: Ein paar Meter vor Europas wohl lichtstärkstem Leuchtturm am Kap São Vicente steht ein Imbisswagen. Auf dem Dach prangt eine riesige Wurst, darunter steht geschrieben: „Letzte Bratwurst vor Amerika“. Auf Wunsch werden auch „3 im Weggla“, original Nürnberger Rostbratwürste, serviert, direkt aus Franken importiert.

Das Ehepaar Petra und Wolfgang Bald aus Nürnberg hatte vor 17 Jahren diese appetitanregende Geschäftsidee. Erst einmal mussten die beiden den Einheimischen jedoch erklären, dass man auch Dinge essen kann, die weder Gräten noch Schwanz haben. Anfangs habe er sich so ähnlich gefühlt wie der erste türkische Döner-Verkäufer in Deutschland, sagt Wolfgang Bald.

Bei Gästen aus Deutschland weckt der Stand so fern der Heimat offenbar auch nostalgische Gefühle: Ein älterer Herr steht vor der fahrenden Imbissstube. „34 Jahre war ich im Nürnberger Stadtrat“, sagt der Mann und beißt in seine Wurst. Seine Worte verwehen im Wind. Denn der Wind pustet am Kap immer, ganz besonders nördlich davon, an der Costa Vicentina. Spektakuläre Ausblicke gibt es im Überfluss, die Gegend steht unter Schutz. Wind und Wellen haben bizarre Formen in den Stein gegraben, Gischtfontänen schießen empor. Störche nisten ungerührt von der überwältigenden Natur in den Klippen hoch über dem Wasser. Ab und zu führen Pfade hinab zu großzügigen Sandstränden, die bei Flut allerdings verschwunden sind. Surfer lauern auf die nächste große Welle.

Im Frühjahr blühen wilde Orchideen, Lack-Zistrosen und Strandnelken

Oben am Rand des Kliffs stehen Angler und lassen ihre Leinen in die Tiefe. Vielerorts sind an den steil herabfallenden Felsen auch Seile befestigt. „Die gehören den alpinen Anglern“, sagt Sebastião, der den Besuchern seine Wahlheimat als Guide, Fotograf, Skipper und Biologe näherbringt. Mit den Alpinisten meint Sebastião die Sammler von Entenmuscheln. Bis zur Wasserlinie klettern die Wagemutigen hinab, um die kulinarische Spezialität von den Felsen abzukratzen. Auf der Speisekarte ist sie als „Perceves“ zu finden. 30 Euro kostet ein Kilogramm leicht.

Auf der Hochebene kann man auf schmalen Angler- und Ziegenpfaden den ganzen Tag wandern - und sich darüber wundern, wie üppig die Natur sich in dieser windgepeitschten Ecke eingerichtet hat: Im Frühjahr blühen wilde Orchideen, Lack-Zistrosen und Strandnelken, es duftet nach Schopf-Lavendel, Thymian und Ginster.

Dreht man von der Küste ab und begibt sich ein paar Kilometer ins Landesinnere, verliert die Natur alles Schroffe: Unter Korkeichen, Pinien und Kiefern wandert man, entlang an grünen Wiesen und plätschernden Bächen. In kleinen Dörfern wärmen sich alte Männer in der Sonne und nicken den Fremden freundlich zu. In manchen Vorgärten stapeln sich rote Tonkrüge, wie sie seit Jahrhunderten zum Oktopusfang verwendet werden. Orangen als Wegzehrung kann man sich mit etwas Glück direkt vom Baum am Wegesrand pflücken.

So kommt man denn am Abend gut durchlüftet in seinem Quartier in Sagres an. Nachts schaut man über die Klippen und sieht den Leuchtturm vom Kap São Vicente in der Ferne blinken. Alle fünf Sekunden erhellt er das Ende der Welt.

Fisch für alle – außer für Touristen

Am Himmel kreisen hungrige Möwen, im Wasser paddeln Kormorane: Alle wollen ihren Teil vom Fang der Fischer von Sagres. Täglich findet in der kleinen Halle im Hafen eine Fischauktion statt. Ihre Beute liefern die Fischer direkt aus ihren Booten an. Es gibt nur ein Problem: Touristen bekommen keinen ab. Allein professionelle Händler sind zugelassen. Zumindest kann man die Profis durch die Glasscheiben des kleinen Cafés im ersten Stock beobachten – dort, wo auch die müden Fischer in Gummistiefeln nach getaner Arbeit müde zwischen barbusigen Nixenfiguren sitzen und sich ein Schnäpschen genehmigen. In der Halle beginnt die Show: Wie auf einer Sporttribüne hocken die Händler aufgereiht. Oktopus, Rochen, Seezungen, Doraden, Hummer werden am laufenden Band in bunten Plastikwannen

vorbeigefahren. Der Auktionator im weißen Kittel schickt ein Höchstgebot auf die digitale Anzeige – dann rattern die Ziffern ab-, nicht aufwärts. Die Händler entscheiden, was ihnen der Fisch wert ist, und drücken sekundenschnell auf ihre Fernbedienungen. Noch verdienen viele der 2000 Einwohner von Sagres ihr Geld mit Fisch, und doch: „Früher wurde viel mehr gefangen“, sagt Cafébetreiberin Lesley. Und wie kommt der Tourist an seinen Fisch, der nicht wie wohl jeder Einheimische einen Fischer seines Vertrauens kennt? „Im Zweifelsfall im Supermarkt“, sagt Lesley und zuckt entschuldigend die Schultern. Gerecht ist das nicht.

Anreise

Nach Faro fliegen etwa TUIfly, Lufthansa oder Air Berlin von verschiedenen deutschen Flughäfen. Von Faro sind es noch eineinhalb Autostunden bis Sagres.

Klima

Kälter als 10 Grad wird es im Winter selten, im Sommer erreicht das Thermometer kaum einmal 30 Grad.

Wikinger Reisen bietet im Frühjahr und Herbst Wanderurlaube an die Westalgarve. Eine Woche ab 998 Euro, die 15-tägige Variante ab 1350 Euro.

Telefon (02331) 9046

E-Mail: mail@wikinger.de

www.wikinger-reisen.de

Heike Schmidt 04.04.2013
Sonja Fröhlich 28.03.2013