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Reisereporter Der Weg zur Demut
Reisereporter Der Weg zur Demut
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10:00 16.04.2011
Von Bernd Haase
Pilger wandern auf dem Olavsweg über verschlungene Pfade und über Hochebenen. Quelle: Terje Rakke/Nordic Life AS/Innovation Norway
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Der erste Gast, der in einem der Häuser auf dem Hof von Stig Grytting übernachtete, war eine 26-jährige Spanierin. Was der Norweger zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Die junge Frau wollte zum Nordkap und sich dort von den Klippen in den Tod stürzen. Danach kam ein Theologe, der barfuß auf dem Olavsweg durch Norwegen pilgerte, kein Geld besaß und deshalb vorhatte, Beherbergung und Verköstigung abzuarbeiten. „Nach einer Stunde Unkrautjäten gab er auf“, erinnert sich Grytting. Die Anfänge als Hotelier und Gastronom auf einem mittelalterlichen Hof im Gudbrandstal waren für den früheren Ölbohringenieur schwierig. So, wie es überhaupt nicht ganz einfach ist, den Olavsweg, die uralte, knapp 600 Kilometer lange Pilgerroute von Oslo nach Trondheim, wieder ins Bewusstsein der Menschen zu rücken.

Olav Haraldsson hatte Anfang des 11. Jahrhunderts die Nordmänner mit den üblichen rüden Methoden auf den Weg des wahren Glaubens geführt und gleichzeitig Norwegens Königtum begründet. Nachdem Olav, wie sich das für einen Missionar des frühen Mittelalters gehört, den Schlachtentod gestorben war, wurde sein Leichnam in Nidaros beerdigt, dem heutigen Trondheim. Sofort sollen sich Wunder ereignet haben, sollen beim Anblick des Grabes Blinde sehend und Lahme gehend geworden sein. 1031, nur ein Jahr nach seinem Tod, sprach ihn seine Kirche heilig.

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Der Dom von Nidaros wurde neben Jerusalem im Osten, Rom im Süden und Santiago im Westen zu einem der vier wichtigen Pilgerziele des Mittelalters. „Alle anderen Orte sind immer katholisch geblieben, aber Norwegen wurde 1537 reformiert. Ein halbes Jahrhundert war Pilgern bei uns verboten“, sagt Olger Rönningen. Er gehört zu den Tourismusmanagern der Region, die den Olavsweg wiederbeleben wollen. Dabei haben die Norweger, das geben sie freimütig zu, nicht nur diejenigen im Sinn, die spirituellen Halt suchen, sondern auch den Fremdenverkehr.

Der Olavsweg ist fast überall noch ein Pfad. Auf dem Weg von Oslo zum Mjösa, dem größten See Norwegens, passiert man Granavollen, wo eines von sechs Pilgerzentren entstanden ist. Außerdem hat der kleine Ort gleich zwei Kirchen, die nur 50 Meter voneinander entfernt stehen und beide aus dem 12. Jahrhundert stammen. Der Legende nach haben zwei reiche Schwestern sie erbaut, die sich nicht leiden konnten und deshalb nicht in dieselbe Kirche gehen mochten. Als wir hinter Granavollen durch die südnorwegische Wiesen- und Felderlandschaft gehen, erzählt uns Kari, die uns an diesem Tag führt, die Geschichte vom Laststein. „Wir glauben, dass ein Stein, den man aufhebt und mit sich trägt, die Lasten symbolisiert, die einem das Leben aufbürdet. Wenn man ihn an einem besonderen Ort wegwirft, wird man auch seine Lasten los.“ Wir denken an Zipperlein, Stress und Steuer und packen uns jeder einen kleinen Feldstein in den Rucksack.

Schon die mittelalterlichen Pilger werden mit Holzbooten den Mjösa überquert haben. Wir nehmen dazu den Skibladner, einen Dampfer, dem man das Baujahr 1856 nicht ansieht und der deshalb immer noch als Linienschiff Dienst tut. Früher muss den Menschen der Dom von Hamar schon weithin als Landmarke erschienen sein, aber den haben die Schweden in Schutt gelegt. Die Domruinen sind mit einer Glaskonstruktion überbaut worden. So ist ein großer Konzertraum von einzigartiger Ausstrahlung entstanden. Ab und an singt hier während der Führungen die Sopranistin Kristine Lundbakken mittelalterliche Balladen. Dann fällt es nicht mehr schwer, die Gedanken in vergangene Jahrhunderte schweifen zu lassen.

Am Nordende des Mjösa beginnt das Gulbrandstal, das für Norwegens bäuerliche Kultur steht und in dem die Einsamkeit den Wanderer endgültig umfängt. Von Hof zu Hof und in einem stetigen Auf und Ab führt am Hang der Weg, der, so hat es der König Magnus Håkonsson einst verfügt, so breit sein muss wie ein Speer lang ist. Menschen kommen einem hier selten unter, die Natur okkupiert die Sinne. Fürs Auge bietet sie alle vorstellbaren Variationen von Grün, je nachdem, wie intensiv die Sonne auf die Bäume, Gräser, Moose und Flechten scheint. Die Nase riecht manchmal Moder, manchmal Waldduft und manchmal Schafskot, das Ohr hört das Schmatzen der Schritte auf dem feuchten Waldboden, das Bimmeln der Schafsglocken und das Gluckern von Wasser.

Die Kirche von Ringebu, die wir auf dem Weg durch das Tal passieren, gehört zu den Sensationen, die Abwechslung bieten. Sie ist eine der letzten von mehr als 1000 hölzernen Stabkirchen Norwegens, die noch übrig geblieben sind.

Weiter im Norden wird es dann endgültig karg: Auf dem Weg nach Trondheim muss der Wanderer über die Hochebene Dovrefjell, auf der der mit 1200 Metern höchste Punkt des Olavsweges liegt. Bäume gibt es hier nicht mehr, nur noch Moose für die Rentiere und Gras für die Schafe. Die Demut, die manchen Pilger beim Erblicken des Doms zu Nidaros überkam, dürfte auch damit zusammenhängen, dass das Dovrefjell etwas Düsteres an sich hat.

Auf Stig Gryttings Hof kann man in einem Haus aus dem 14. Jahrhundert übernachten, in dem nachts nichts als das leichte Ächzen des Holzes ans Ohr dringt. Grytting glaubt fest an das Inspirierende des Olavsweges und nimmt die Geschichte der 26-jährigen Spanierin als Beweis. Die kam ein Jahr nach dem ersten Besuch mit ihrer Familie wieder. Sie erzählte die Geschichte von ihrer Depression und wie der Weg durch Norwegen sie heilte. Vielleicht hat sie einen Laststein weggeworfen, so, wie wir das gemacht haben hinter dem alten Haus auf Stig Gryttings Hof. Für eine Zeit fühlten wir uns tatsächlich aller Sorgen ledig, was aber auch mit dem Schlummertrunk zu tun habe könnte, den der Hausherr servierte.