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Reisereporter Deutsche Auswanderer auf La Palma
Reisereporter Deutsche Auswanderer auf La Palma
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13:04 06.07.2012
La Palma gilt für viele als die abwechslungsreichste der Kanarischen Inseln. Quelle: iStockphoto/Orietta Gaspari
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La Palma

Bei diesem Wanderer darf der Stock ruhig mal etwas größer sein: Wenn Mike Keim auf der Kanareninsel La Palma durch die Berge streift, hat er eine dreieinhalb Meter lange hölzerne Lanze dabei. Ihr vorderes Ende ist mit einer furchterregenden Eisenspitze versehen. Doch keine Angst - mit dem langen Ungetüm soll niemand eingeschüchtert und auch kein Tier erlegt werden.

Was der aus Tübingen stammende Wanderführer mitführt, ist ein uraltes Hilfsmittel bei halsbrecherischen Klettertouren. Erfunden wurde es der Legende nach von zwei Ziegenhirten namens Mayatingo und Mazo. Die beiden haben sich die Zeit mit allerlei Unsinn vertrieben und ihre Kräfte schließlich beim Speerwerfen gemessen. Doch dann merkten sie, dass sie ihre Lanzen auch als Hilfe bei gefährlichen Abstiegen nutzen konnten. „Schon bald wurden sie von Hirten überall auf den Kanaren genutzt“, sagt Keim.

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Er selbst hat längst Feuer gefangen. Die Kunst des Lanzenspringens ließ er sich von Einheimischen beibringen. Wer sie einmal beherrscht, für den sind extreme Abstiege kein Problem mehr. Die Technik ist eigentlich simpel: Keim stellt sich kurz vor den mehr oder weniger tiefen Abgrund, rammt die Lanze nach unten, bis diese auf dem nächsten Felsvorsprung halbwegs Halt findet. Wie an einer Kletterstange lässt er sich dann nach unten gleiten. Auf diese Weise lassen sich im Handumdrehen Abstiege bewältigen, die sonst nur wirkliche Bergsteiger wagen.

Längst wird die uralte Kunst des Hirtensprungs von engagierten Insulanern gepflegt, und Mike Keim verblüfft damit immer wieder die Gäste seiner Wandertouren. Denn wenn er plötzlich einen Abgrund hinunterspringt, stockt den entsetzten Augenzeugen schon mal der Atem. Nachmachen ist (noch) nicht vorgesehen - doch vielleicht entwickelt sich ja das Lanzenspringen auf La Palma noch zu einem ganz besonderen Extremsport für wagemutige Touristen, denen das reine Wandern zu unspektakulär erscheint. Diese Nische hat derzeit noch kein Tourismusunternehmen für sich entdeckt.

Ihren Platz auf La Palma längst gefunden haben jedoch viele deutsche Auswanderer. Während sich Keim mit seinen geführten Wanderungen einen Namen gemacht hat, setzen andere auf kulinarische Genüsse. So zum Beispiel Karl Heinz Molik. Der Niedersachse machte in den neunziger Jahren regelmäßig Urlaub auf La Palma. Nachdem er in Deutschland seine Arbeit verloren hatte, entschloss er sich kurzerhand, auf der Kanareninsel sein Glück zu versuchen. Eine Marktlücke hatte er schnell ausgemacht - geräucherter Fisch war Mangelware. Mit etlichen alten Rezepten in der Hand und vielen Jahren Erfahrung als Hobbyräucherer machte er sich an das Wagnis, eine Räucherei auf die Beine zu stellen. „Die ersten fünf Jahre waren knüppelhart“, erinnert er sich. Schnell musste er seine ursprüngliche Idee begraben, die Fische quasi auf der Straße zu verkaufen. Da blieb ihm nur die Direktvermarktung. „So gingen wir in jedes Restaurant und verteilten unsere Proben.“

Die Mühe machte sich schließlich bezahlt. „Mittlerweile brauchen wir keine Reklame mehr“, sagt Molik, der sich nicht als klassischer Auswanderer sieht. Jahrelang war er beruflich in Afrika und Arabien unterwegs gewesen. „Dort habe ich gelernt, mit Problemen anders umzugehen.“ Längst verkauft er seine Produkte auch an die Einheimischen, und er gilt als echter „Palmero“. „Wir wollten nicht unter lauter Deutschen wohnen“, meint er mit Blick auf seine Nachbarschaft.

Auf Reklame verzichtet auch Karl-Albert Lang konsequent. Sein Lokal in Tirimaga, einem Ortsteil von Villa de Mazo, finden nur Eingeweihte. Denn eigentlich ist es gar kein „richtiges“ Restaurant. Offiziell firmiert es als „Essensclub“, für den eigens ein Verein gegründet wurde. Seine Türen öffnen sich nur am Wochenende, für alle anderen Tage muss telefonisch unter (0034) 922428561 ein Termin vereinbart werden. Denn das Restaurant ist Langs Leidenschaft und soll keinesfalls zum „Stressobjekt“ werden.

Einst kochte er im Haardter Schloss in Neustadt an der Weinstraße. „Doch das hatte ungeahnte Ausmaße angenommen“, erinnert sich Lang. Dort hatte er bis zu 15Leute unter seinen Fittichen, schließlich sah er sich nur noch als großer Organisator, Antreiber und Kontrolleur. Vor 17 Jahren hatte er genug davon und siedelte nach La Palma um. Schritt für Schritt baute der in Merseburg (Sachsen-Anhalt) geborene Koch dort ein wunderbar verschachteltes Haus, das noch immer erweitert wird. „Es ist kein Ende abzusehen. Früher arbeitete ich in einem Schloss, nun in einem Chaotenhaus“, sagt er lächelnd. Inmitten allerlei skurrilen Inventars zaubert der 68-Jährige kulinarische Köstlichkeiten. Zur Hand geht ihm dabei nur Heiko Bartsch. Der ist auf La Palma bekannt wie ein bunter Hund. Als Landschaftsgärtner „Chico de los balcones“ ist er für die Gestaltung der beliebten Balkonkästen verantwortlich - keine Frage, dass es auch rund um Karls Lokal grünt und blüht.

Während Karl-Albert Lang aufs Schlagen der Werbetrommel verzichten kann, sieht das bei Uschi Westphal und ihrem Mann Herbert ganz anders aus. Vor einem halben Jahr gründeten sie „Sal Océano“ und produzieren seitdem 16 Sorten Gewürzsalz. Vorerst allein, doch eine Erweiterung ihrer Manufaktur haben sie schon im Blick. „Wir sind die einzige Firma auf den Kanaren, die Gewürzsalze herstellt“, so die 47-jährige Firmenchefin, die mit ihrem Mann vor rund sechs Jahren aus Altdorf bei Nürnberg nach La Palma zog. In Deutschland entwickelten sie gemeinsam Software, ihre Firma haben sie verkauft. „Jetzt kümmern wir uns nur noch um Hardware“, sagt Ursula Westphal mit Blick auf ihr salziges Sortiment.

Bert Endruszeit

Hannah Suppa 23.06.2012
Bernd Haase 23.06.2012
Sonja Fröhlich 14.06.2012