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Reisereporter Unter Palmen
Reisereporter Unter Palmen
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18:25 22.04.2014
Von Stephan Fuhrer
Dicht an dicht stehen die Grünkohlpflanzen – in der Region liebevoll Oldenburger Palme genannt. Quelle: Jörg Hemmen
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Oldenburg

Die Könige sind da. Ständig und überall. Wer durch die schmalen Sträßchen der Oldenburger Innenstadt schlendert, kommt kaum an ihnen vorbei. Schließlich wurde hier nahezu jeder Bewohner schon einmal gekrönt – im Gasthaus, wohlbemerkt, nicht im edlen Thronsaal des Oldenburger Schlosses.

Auch Bernd Mundeloh ist König. Deshalb darf er auch sagen, wo es langgeht. Der Oldenburger hebt die Hand zum Stopp. Es wird bald dunkel an diesem Novembernachmittag. Langsam kriecht der Nebel über die Felder heran. „Zeit, uns etwas Wärme zu verschaffen“, ruft der 66-Jährige der Gruppe zu, läuft zum Bollerwagen und kramt ungekochte Spaghetti- und Makkaroninudeln hervor. Diese müssen nun in Zweierteams spielerisch mit dem Mund ineinander- geschoben werden. Zur Belohnung gibt es den ersten Korn des Tages. Endlich ein bisschen Wärme.

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„Die Tradition lebt weiter“

Dass es in der Gegend rund um die 160.000-Einwohner-Stadt so viele Majestäten gibt, hängt mit einem Gemüse zusammen: dem Grünkohl. Gerade jetzt, in den kalten Monaten, nimmt er für die Menschen der Region einen besonderen Platz ein. Wenn es draußen frostig und kalt wird, ziehen sie dick eingemummelt mit einem mit Schnaps und allerlei Spielkram gefüllten Bollerwagen hinaus aufs Land. Es geht auf Kohltour. Ihr Ziel: ein deftiges Grünkohlessen mit Kartoffeln und Pinkel, einer geräucherten Grützwurst, die in Oldenburg keinesfalls fehlen darf. Der trinkfreudige Abend in einem Landgasthaus nimmt einen krönenden Abschluss: Das Grünkohlkönigspaar wird auserkoren. Ihm wird die Aufgabe zuteil, die nächste Kohlfahrt zu organisieren und zu führen. Die Tradition lebt weiter.

Kohltourhauptstadt Oldenburg

Die Kohltour als solche, bei der häufig auch der traditionelle Kugelsport Boßeln zum festen Programm gehört, gibt es nicht nur in Oldenburg. Etwa auch im benachbarten Ostfriesland und im nahen Bremen werden in der kalten Jahreszeit gemeinschaftliche Ausflüge unternommen. Doch die Hunte-Stadt hat in den vergangenen Jahren aus ihrem Kohlkult ein Image kreiert, das auch jenseits des Grünkohläquators für Aufmerksamkeit sorgt. Oldenburg nennt sich „Kohltourhauptstadt“ – eine Marketingidee, die funktioniert. Immer mehr Touristen kommen in die Stadt, um die Angebote rund um die Oldenburger Palme, wie das Gewächs in der Region auch genannt wird, zu nutzen. „Grünkohl ist einfach ein Thema, das in dieser Stadt gelebt wird“, sagt Oldenburgs Tourismusverantwortliche Silke Fennemann.

Die Oldenburger Kaufleute ziehen mit. In den Geschäften der Innenstadt werden allerlei Kohlartikel angeboten – von Rezeptbüchern über Bekleidung bis hin zu den würzig-süßen Grünkohlpralinen, die Chocolatier Christian Klinge kreiert hat. Auf der Internetseite der Grünkohl-Akademie können Einheimische und Auswärtige einen Expertenstatus erlangen. Im Oldenburger Schloss beschäftigen sich in der Ausstellung „GreenArt2 – Die Kunst, den Grünkohl zu sehen“ die Kulturschaffenden der Region mit dem Gemüse. Im Botanischen Garten können Gäste etwas über die alten Grünkohlsorten lernen, die der ostfriesische Bauer Reinhard Lühring auf seinen Erkundungsfahrten zusammengetragen hat. Kochkurse und Fachseminare runden das Angebot ab.

„Deftig Ollnborger Gröönkohläten“ in Berlin

Die Kohloffensive ist für Oldenburg ein Glücksfall. Sie bringt der Stadt, die nicht nur auf der Landkarte schon immer ein wenig im Abseits lag, einen Wiedererkennungswert. Und das nicht nur im Tourismus: Seit vielen Jahrzehnten setzt Oldenburg den Grünkohl auch in der politischen Lobbyarbeit ein und lädt Jahr für Jahr Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur zum „Deftig Ollnborger Gröönkohläten“. 150 Kilogramm Kohl, 500 Pinkel- und fast ebenso viele Mettwürste werden dann nach Berlin gekarrt. Natürlich gibt es auch hier, in der deutschen Hauptstadt, einen Grünkohlkönig zu ehren – Helmut Schmidt trug den Titel, Joschka Fischer, Gerhard Schröder und Angela Merkel ebenso. Amtierender Monarch ist Bundesumweltminister Peter Altmaier. Zu den königlichen Pflichten gehört es, Oldenburg mindestens einen Besuch abzustatten. Die Politiker sind bei ihren Auftritten vor Ort zumeist voll des Lobes. Die Stadt macht es ihnen leicht, denn mit ihrem unaufgeregten Lebensrhythmus dürfte es für die Großkopferten aus dem hektischen Berlin ein Stück weit Erholung sein, hier ihren hoheitlichen Aufgaben nachzukommen.

Unaufgeregtes Oldenburg

Das geht auch anderen Besuchern so. Der Autoverkehr ist beim Bummel durch die Oldenburger Innenstadt – Deutschlands ältester zusammenhängender Fußgängerzone – weit weg. Genauso wie die großen Kaufhausketten, die sich noch nicht entscheidend gegen den Einzelhandel durchsetzen konnten. Zu den kulturellen Aushängeschildern zählen das Oldenburgische Staatstheater, das Horst-Janssen-Museum sowie das großherzogliche Schloss mit seinen Sammlungen zur Kunst- und Kulturgeschichte. Die Universität sorgt mit ihren Studenten für Kreativität im Stadtbild und eine vielseitige Kneipenlandschaft. Die Wege sind kurz. Mit dem Fahrrad, das zu Oldenburg gehört, sowieso.

Der majestetische Höhepunkt einer Kohltour

Zwei Spiele und drei Korn weiter ist das Ziel der Kohltour erreicht. Bernd Mundeloh führt die durchgefrorene Gruppe in den mollig warmen Speisesaal des Bümmersteder Krugs. „Moin.“ Wirt Erwin Abel wartet bereits. Es dauert nicht lange, bis reichlich Pils, Grünkohl, Kartoffeln, Pinkel und Fleisch auf den Tisch kommen. Abel versteht sein Handwerk. Seit 25 Jahren ist er es, der die Politprominenz im fernen Berlin bekocht. Das Lokal am Stadtrand ist wie so oft gut gefüllt. Ein süßlich-würziger Duft zieht durch das verschachtelte Gemäuer des alten Landhauses.

Schließlich ist es so weit. Die Kohltour kommt zu ihrem majestätischen Höhepunkt. Die Königskür ist ein Brauch ohne feste Regeln. Manchmal wird derjenige ausgewählt, der den meisten Grünkohl gegessen hat – ein oftmals streitbares Prozedere. Bei Abel geht das anders. „Schauen Sie bitte mal unter Ihre Teller“, sagt der Wirt. Wer einen kleinen Aufkleber findet, ist auserkoren. So einfach ist das.

Die Auserwählten arrangieren sich schnell mit ihrem Los. Oldenburg hat wieder ein Königspaar mehr. Nach einem Loblied des Fußvolks lassen die Regenten gnädig eine weitere Runde Korn ausschenken. Ein Glück: Denn nach dem üppigen Kohlgenuss ist dieser auch bitter nötig.

Grüne Warenkunde

Der Grünkohl, lateinisch Brassica oleracea var. sabellica L., wird auch Braun-, Winter- oder Krauskohl genannt und kommt vermutlich aus dem mediterranen Raum.

In Oldenburg wählt man zudem die Bezeichnung Oldenburger Palme, in Ostfriesland ostfriesische Palme. Der Unterschied zwischen Braun- und Grünkohl habe mit der Sorte zu tun, erklärt Prof. Dirk C. Albach, Direktor des Botanischen Gartens Oldenburg. „Gattungen, deren Blätter farblich eher ins Rötliche gehen, werden beim Kochen bräunlich.“ Daher habe sich wohl der Name, je nach Sorte, in den Regionen anders festgesetzt.

Dass man Grünkohl nicht vor dem ersten Frost ernten darf, ist ein Mythos. Tatsächlich kommt es auf niedrige Temperaturen an: „Dann wird Stärke in Zucker umgewandelt und der Geschmack angenehmer“, erklärt Albach. Der Grünkohl sei dann nicht nur schmackhaft, sondern auch gesund: „Neben Vitaminen und Mineralstoffen enthält der Kohl mehrere Substanzen, die helfen können, Krebserkrankungen vorzubeugen.“ Deshalb experimentiert der Wissenschaftler auch mit alten Kohlsorten, die heute kaum noch angebaut werden.

Gesammelt werden die verschiedenen Arten, die von süßlich bis herb-würzig viele Geschmacksrichtungen bedienen, von Reinhard Lühring. Der Landwirt und Saatgutgärtner hat es zu seiner Aufgabe gemacht, alte Sorten in norddeutschen Gärten aufzuspüren und zu erhalten. Die verschiedenen Pflanzen sind als Saatgut im Versandhandel des Vereins Dreschflegel erhältlich (www.dreschflegel-saatgut.de).

Michael Pohl 25.11.2013
Michael Pohl 18.11.2013
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