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Reisereporter Die „köstliche Insel“
Reisereporter Die „köstliche Insel“
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16:53 23.11.2010
Von Stefan Stosch
Aus Lava geformt: Alexander von Humboldt war vom 3718 Meter hohen Pico del Teide fasziniert. Quelle: fotolia

Immer wieder war die Bergspitze damals hinter Wolken verborgen – das kennen Touristen heute, die sich abmühen, ein Foto des majestätischen Vulkankegels auf Teneriffa zu schießen. Doch ließ sich der Gipfelstürmer davon anno 1799 genauso wenig schrecken wie von den Strapazen: Begeistert quälte sich Alexander von Humboldt durch die scharfkantigen Lavafelder, „einen ungeheuren Haufen verbrannten Gesteins“. Auf dem letzten Stück, den steil aufragenden Vulkanschornstein hinauf, klammerte er sich mit den Händen an die Schlackefelsen. Die Schuhe verbrannten dem Universalgenie beinahe auf dem heißen Untergrund, sein Gesicht war im eisigen Wind wie erstarrt.

Überwältigender Blick vom Teide

Die Führer waren, wie sich herausstellte, noch nie hier oben gewesen. Klammheimlich warfen sie unterwegs die kostbaren Proben von Bimsstein und Obsidian wieder weg, und sie tranken den leckeren Malvasier-Wein. Alles in allem waren sie in etwa so pampig wie heute mancher Taxifahrer auf Teneriffa.

Die Plackerei 1799 war von Erfolg gekrönt, der Ausblick vom 3718 Meter hohen Teide überwältigend: „Man erblickt auf seiner Spitze nicht allein einen ungeheuren Meereshorizont, der ьber die höchsten Berge der benachbarten Inseln hinaufreicht, man sieht auch die Wälder von Teneriffa und die bewohnten Küstenstriche so nahe, dass noch Umrisse und Farben in den schönsten Kontrasten hervortreten … Der Hafen von Orotava, die darin ankernden Schiffe, die Gärten und Weinberge …“

So beschrieb der Weltreisende den Aufstieg auf den Pico del Teide, Teneriffas höchsten Berg, der auch der höchste ganz Spaniens ist. Für Humboldt war der einwöchige Abstecher auf die größte Kanareninsel eine Art Lockerungsübung. Er war unterwegs nach Südamerika und sollte auf seiner fünfjährigen Reise auch noch – im Gehrock – den mehr als 6000 Meter hohen Chimborazo erklimmen (jedenfalls beinahe).

An der „Pforte der Tropen“

Doch hatte es ihm Teneriffa angetan, diese „köstliche Insel“ an der „Pforte der Tropen und doch nur wenige Tagesreisen von Spanien“. Sein ausführlicher Bericht liest sich wie eine Reiseanleitung für heutige Teneriffa-Urlauber.

Der Aufstieg auf den Teide-Gipfel gestaltet sich inzwischen bequemer: Mit dem Auto kann man an die Seilbahnstation auf gut 2500 Höhenmeter heranfahren, um sich sodann bis knapp unter die Spitze gondeln zu lassen. Wer wie Humboldt noch die letzten 200 Meter hinauf zum Kraterrand will, braucht eine Genehmigung der Nationalparkleitung. Doch schon oben an der Bergstation kann einem die Atemluft knapp werden. Auch von hier lässt sich die rötlich-schwarz gemusterte Mondlandschaft tief drunten beschauen.

Bei der Fahrt zum und vom Teide kann man Humboldts Erkenntnisse ьber die „Pflanzenzonen“ einem Praxistest unterziehen. Je nach Höhenlage lassen sich auf Teneriffa die Klimazonen wie auf einem eigenen Kontinent bestaunen – wasserspeichernde Sukkulenten knapp über dem Meeresspiegel, darьber Dattelbäume, Lorbeer, Heidebäume und die kanarischen Kiefern, die mit ihren Nadeln die Feuchtigkeit aus den Passatwolken „melken“, ganz oben Moose und Flechten und auch das violette Teide-Veilchen. „Der Boden“, so Humboldt, zeige „alle Klimate, von afrikanischer Hitze bis zum Frost der Hochalpen.“

Für die damalige Inselhauptstadt La Laguna hatte Humboldt weniger übrig: „Die Häuser sind solide gebaut, aber sehr alt und die Straßen öde.“ Damals beherrschten „Kuttenträger“ das Bild. Es gab Zeiten, da lebten in La Laguna mehr als 400 Mönche. Heute sind noch 23 Nonnen aktiv.

Heute Weltkulturerbe: La Laguna

Die Stadt aber hat sich prächtig entwickelt: La Laguna ist Unesco-Weltkulturerbe und Universitätszentrum. In den spanischen Kolonien in Südamerika nahm man diese einladende Stadt, ganz ohne Mauer erbaut, als architektonisches Vorbild. Es lohnt sich, in der Altstadt in einen der raumgreifenden Innenhöfe zu treten, die sich hinter Respekt heischenden Fassaden verstecken: Im Haus der Generalkapitäne (Casa de Los Capitanes) etwa, wo heute die Stadtverwaltung untergebracht ist, erfreuen Vulkanstein, Holzbalkone und Palmengrün das Auge.

Womit bewiesen wäre: Auch das Universalgenie Humboldt konnte nicht in die Zukunft blicken. Ebenso wenig wusste er von der Zersiedelung der Insel, gerade an der stark bebauten Südküste. Doch beeindruckt seine Beobachtungsgabe und seine Fähigkeit, Wissenschaft und Lebenspraktisches zusammenzudenken.

Humboldt machte sich Gedanken über die Drachenbäume, das Inselwahrzeichen, die mit ihren nach oben gereckten Kronen wie verwunschene Wesen ausschauen. Er listete die Vulkanausbrüche ьber die Jahrhunderte auf und bewunderte den Mut der Inselbewohner etwa in Garachico im Nordwesten, die ihr Städtchen nach der verheerenden Vernichtung durch zwei Lavaströme 1706 wieder aufbauten – heute gilt Garachico als architektonisches Kleinod. Natürlich probierte Humboldt auch „Gofio“, das geröstete und gemahlene Korn, das auf dem Büfett jedes besseren Hotels neben den Cornflakes zu finden ist und die Hauptspeise der Guanchen bildete.

Das Volk der Guanchen, über das bis heute wenig bekannt ist, bedauerte der liberale Geist. Den übermächtigen Spaniern hatte es lange Widerstand geleistet, wie Humboldt beim Durchqueren des heute noch existierenden Dorfes La Matanza sinnierte. La Matanza heßt übersetzt so viel wie Schlachtbank oder Blutbad – ein Name, der Humboldt so gar nicht auf die friedliebende Insel zu passen schien. Doch hatte er die richtige Erklärung parat: Hier hatte der spätere Inseleroberer Alonso Fernandez de Lugo 1494 eine vernichtende Niederlage erlitten. Humboldt bemerkt bitter: Das sei der Ort, „wo die Spanier von denselben Guanchen geschlagen wurden, die man bald auf den spanischen Märkten als Sklaven verkaufte“.

Gern wäre der Weltreisende noch länger geblieben, doch trieb ihn sein unstillbarer Forschungsgeist weiter. Nach seiner Rückkehr nach Europa fünf Jahre später erinnerte er sich an einen der schönsten Ausblicke auf Teneriffa im Orotava-Tal: „Nachdem ich die Ufer des Orinoko, die Kordilleren von Peru und die schönen Täler von Mexiko durchwandert, muss ich gestehen, nirgends ein so mannigfaltiges, so anziehendes, durch die Verteilung von Grün und Felsmassen so harmonisches Gemälde vor mir gehabt zu haben.“