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Reisereporter Die schönste Nebensache der Welt: Skifahren
Reisereporter Die schönste Nebensache der Welt: Skifahren
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01:00 25.02.2012
Von Volker Wiedersheim
Das „Palace“ thront über Gstaad. Quelle: iStockphoto/Minnis
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Gstaad

Seien wir doch mal ehrlich: Sind wir erst einmal mit dem Lift oben angekommen, ausgestiegen und losgefahren, dann sind doch alle Skigebiete gleich. Bei Wetterglück oben blauer Himmel und eine lachende Sonne, dann eine gezackte Kontur felsig-vereister Gipfel, und abwärts locken die weißen Hänge, einladende Schnee-schneisen durch die Nadelwälder. Skispaß voraus – lass krachen! Was macht es schon für einen Unterschied, ob wir in Wengen wedeln, am Kufstein carven oder in Sölden snowboarden? Das Unten macht den Unterschied. Wohl nirgends stimmt das mehr als in Gstaad.

Ach, Gstaad. Grandezza

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Einst ein Paradies der Prominenz, des Jetsets, ein Reich der Reichen. Liz Taylor und Aga Khan stapften hier durch den Schnee, der Gentleman-Playboy Gunter Sachs hielt hier Hof, stand am Chälberhöni auf den Brettern, die die (Ski-)Welt bedeuten, und ist im vergangenen Jahr gar hier gestorben. Michael Jackson ist auch tot, wollte aber zu Lebzeiten schon einmal das Palace Hotel kaufen, das auf einem Fels über dem Ort thront. Erinnert es doch mit seinen Zinnlein und Türmchen an Neuschwanstein oder das Märchenschloss aus dem Vorspann aller Disney-Filme – darin hätte sich der „King of Pop“ wohl gern gesehen als Regent im eigenen kleinen Winterwonderland.

Heute ist es anders. Ein bisschen wenigstens. Die neuen Schönen und Reichen kommen von den Ölquellen des Mittleren Ostens, Scheichs und Prinzen, aus Indien, aus China, oder sie sind Oligarchen aus Russland. Und manche kommen gar nicht selbst, sondern sie schicken ihre Kinder.

Denn in Gstaad gibt es noch immer die International School, das vielleicht vornehmste Internat außerhalb Englands. Die Kinder wohnen und lernen in lose beieinanderstehenden Chalets – das Baurecht Gstaads lässt seit Langem einzig diese Bauweise zu, damit das Postkarten-ortsbild erhalten bleibt. Sie lernen fürs Leben und zahlen mit der Platinkreditkarte von Papa. Aber so fallen sie einzig unten im Ort auf. Wo es vor allem in der Fußgängerzone noch immer anständige Umsätze in den Dependancen der vornehmsten Juweliere, der angesehensten Uhrenmanufakturen und der schicksten Modehäuser gibt. Cartier, Swarovski, Jaeger-LeCoultre, Dior. Aber das ist, wie gesagt, unten.

Hingegen auf dem Berg oben sind auch die oberen Zehntausend nur Skifahrer wie du und ich. Wenn sie denn überhaupt mal in den Lift steigen. Es gibt sie ja tatsächlich, die feinen Frauen und protzigen Prominenten, die mit und in Gstaad angeben, Flachlandflaneure, die aber niemals einen Platz im Lift wegnehmen. Auf die Piste gehen die nur abends im Ort, etwa in der Go Green Disco des Palace Hotels, wo inzwischen Champagner als Drink Nummer eins vom Wodka abgelöst worden ist.

Was sie verpassen? Kein traumhaftes Skigebiet, aber ein sehr schönes. Keines mit Superlativen in den Kategorien Pistenkilometer, Gipfelhöhen, Schneekanonen, Liftkapazitäten und Hüttengaudidezibel. Eher eines, für das sich sportlich gemäßigte bis gemütliche Skifahrer begeistern können. Und Familien. Und ein paar Leute mit ausgefallenen Ideen; zum Beispiel: Schneegolfer.

Machen wir einen kleinen Rundgang durch Gstaad und das Saanenland: Von Gstaad (1050 Meter über dem Meeresspiegel) aus geht es direkt auf die Wispile. Der höchste Punkt am Stand liegt bei 1939 Metern Höhe. Auf halber Strecke steigen Golfer aus der Gondel, für sie gibt es eine Driving Range im Schnee. Versprochen: Keiner muss nach dem Abschlag die Bälle wieder einsammeln. Man würde sie wohl eh erst im Frühjahr wiederfinden.

Außerdem geht es von Gstaad zum Eggli hinauf und weiter in den schon französischen Sprachraum der Schweiz nach Les Gouilles und La Videmanette (2151 Meter hoch gelegen), von wo aus es eine Abfahrt nach Rougemont mit der stolzen Länge von immerhin zehn Kilometern gibt.

Wer in Gstaad für ein Viertelstündchen und drei Stationen bis Zweisimmen in den Zug steigt, erreicht eine weitläufige Skiarena vom Parwengesattel bis zum Horneggli. Die „Rinderberg-Ronda“ mit 18 Liften und marathonverdächtigen 105 Pistenkilometern (insgesamt gibt es um Gstaad 250 Kilometer gespurte Abfahrten) ermöglicht es, im Rauf-runter-Zickzack über drei Berge und durch drei Täler fast bis Gstaad zurückzuwedeln.

Zwei Stunden braucht es dafür bei sportlicher Fahrt, einen ganzen Tag für die Gemütlicheren. Snowparks für Skiakrobaten, springlebendige Snowboarder und ein paar Freerider-Hänge liegen auf dem Weg.

Schneesicher von Oktober bis Mai

Das Areal „Glacier 3000“ setzt dem Skispaß in Gstaad die Krone auf. Der Skibus fährt vom Bahnhof in Gstaad in 15 Minuten bis nach Reusch oder in 20 Minuten bis zum Col du Pillon. Von beiden Orten aus geht es hinauf auf den Gletscher unter den Gipfeln von Les Diablerets. Der Name stammt von sagenhaften Teufelinnen, heute geht es eher himmlisch zu.

Schneesicher von Oktober bis Mai, höchster Liftausstieg am Dome auf 3016 Metern Höhe, neun Lifte, und, anders als sonst um Gstaad herum, auch gleich eine Handvoll schwarzer Pisten zur Auswahl am Oldenhorn, über die Oldenalp, am Quille du Diable oder wieder bis herunter nach Reusch: Heizen nach Herzenslust. Und kaum einmal ist Verkehr auf der Piste.

Ist doch klar. Es gibt ja immer noch die, die ihren Winterurlaub mit Dior, Cartier und Jaeger-LeCoultre verbringen. Sollen sie doch. Gstaad hat Platz für alle.

Weitere Informationen
www.gstaad.ch