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Reisereporter Wer die Augen schließt, ist selber schuld
Reisereporter Wer die Augen schließt, ist selber schuld
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00:28 15.02.2014
Von Stefan Stosch
Die Passagiere sitzen auf dem Deck immer in der ersten Reihe und können sich manchmal nicht mal nachts von der beeindruckenden Landschaft, die vorbeizieht, lösen. Quelle: Hurtigruten/Thomas Mauch, Rosemarie Horbach, Mark McDermott
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Hannover

T-Shirt-Wetter in der Arktis, genau richtig für ein Mittagsschläfchen auf weichem Tundramoos. Doch plötzlich knallt’s. Etwas zerbirst, zerbricht, zerstiebt - und eine Minitsunamiwelle rollt in der eben noch spiegelglatten See heran. Eine ordentliche Portion ist aus dem fußballfeldgroßen Eisberg vor der Küste herausgebrochen. So ist das in Grönland - an der Südspitze der Disko-Insel nahe dem Fischerdorf Qeqertarsuaq. Die Natur sorgt hier gerne für einen Paukenschlag.

Eine Schiffsreise mit der MS „Fram“ entlang der Westküste Grönlands verfolgt eine ausgefeilte Eisberg-Dramaturgie: Weiter südlich am Kangerlussuaq-Fjord, wo die Flüge aus Kopenhagen landen, ist noch nichts vom Eis zu entdecken.

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 Einen Tag später ziehen erste Exemplare wie weiße Papierschiffchen vorüber. Je näher die „Fram“ - benannt nach dem legendären norwegischen Expeditionsschiff - der Disko-Insel kommt, desto mehr dominieren die Eisberge: Kathedralen, Schlösser, Fabelwesen mit glitzernden Buckeln und blau glänzenden Schnauzen treiben im Wasser. Der Fantasie bei der Eisberg-Deuterei sind keine Grenzen gesetzt.

Auf keinen Fall möchte man die nächste Kreation verpassen. Muss man auch nicht, denn im grönländischen Sommer, der im Mai beginnt, geht die Sonne niemals unter. Im fahlen Mitternachtsglanz wirken die Eisberge unwirklich. Fast rund um die Uhr bewundern übermüdete Passagiere die Giganten. Einige Reisende ziehen um - in den Schlafsack und ab aufs Deck. Wer die Augen schließt, ist selber schuld.

Immer wieder stoppt die „Fram“ an Orten, die mit keinem Linienschiff zu erreichen sind. Stabile Schlauchboote bringen die Passagiere ans Ufer, zum Beispiel in Qullissat: Verfallende Holzhäuser mit zerbrochenen Fenstern ziehen sich den Hang hinauf. Bullige Eisenofen liegen herum. Das Wrack eines VW-Busses parkt mittendrin. Weiße Friedhofkreuze schimmern auf der anderen Seite des Flusses. In den Häusern klappern Türen. Willkommen in der Geisterstadt!

Qullissat war einst Grönlands Vorzeige-Minensiedlung. 1972 machte die dänische Regierung die Produktion dicht. Die Kohlenausbeute lohnte nicht. Beinahe 1500 Bewohner mussten ihr Heim verlassen. Einige Hütten haben Grönländer inzwischen als Ferienhäuser hergerichtet. Die „Fram“-Besatzung spendiert ihnen ein paar Kisten Lebensmittel.

Ab und an muss der norwegische Kapitän Rune Andreassen das Tempo drosseln, wenn es durch dichte Eisfelder geht. Manchmal rumpelt es vorm Bug. „Kein Problem“, sagt Andreassen. Er kennt die „Fram“ seit deren Jungfernfahrt 2007. Bei einem Abstecher zu einem Gletscher muss er sich allerdings der Macht der Natur beugen: kein Durchkommen. 2012 musste die „Fram“ bei gleich drei von sechs geplanten Anfahrten die Stadt Ilulissat in der Disko-Bucht links liegen lassen - so ist das bei einer Expeditionsfahrt in arktischen Gewässern. Und dabei bietet der Eisfjord Kangia dort eine der größten Sensationen! Aus der nimmer endenden Eisbergproduktion stammte wohl auch jener, mit dem die „Titanic“ im Jahr 1912 kollidierte.

Immer weiter nördlich führt die Fahrt. In Uummannaq heulen zur Begrüßung die Schlittenhunde. Ein Bilderbuchstädtchen mit kunterbunten Häusern ist auf den Felsen postiert. Uummannaq heißt so viel wie die Herzförmige: Die gerade zwei Quadratkilometer große Insel wird von einem mehr als 1000 Meter hohen Berg überragt, dessen Form die Bewohner an ein Herz erinnert - an das Herz einer Robbe. Vor Winnie Johansons Café zwischen den dänischen Kolonialbauten am Hafen schleckt die Dorfjugend Softeis. Ein Pulk Senioren hat sich im Kleinbus der Kommune hierher chauffieren lassen. Leckere Latte macchiato serviert Winnie: Bloß langsam trinken, man kommt in der Sonne ins Schwitzen.

Der nördlichste Punkt der Reise ist die kleine Siedlung Ukkusissat. Die 100 Einwohner leben vom Fischfang und von der Jagd auf Robben, Wale, Karibus. Moschusochsenfelle hängen zum Trocknen auf Veranden. Der Heilbutt wird in der örtlichen Fabrik verarbeitet. Zweimal wöchentlich landet der Helikopter. Alle zwei Monate schaut ein Arzt vorbei. Im Winter schafft es ein halbes Jahr lang kein Versorgungsschiff in diese Bucht. Wenn die „Fram“ vorbeischaut, steigt ein Fest mit Gesang und Tanz. Und womit vertreibt sich die Dorfjugend die Zeit? „Mit Internet und Klubabenden“, sagt Marianne Peter. Die 36-Jährige ist die Schulleiterin. Momentan unterrichten vier Lehrer 20 Kinder. Doch viele junge Leute bleiben nicht hier, sie suchen ihr Glück lieber in Dänemark.

Der Ort ist von historischer Bedeutung: Von hier startete Polarforscher Alfred Wegener 1930 mit Islandpferden und Propellerschlitten aufs Inlandeis. Auch der Hundeführer Rasmus Villumsen aus Ukkusissat war dabei - und kam mit Wegener auf dem Rückweg von der Station „Eismitte“ um. In den achtziger Jahren stieß man auf Überbleibsel der Expedition: Schlittenreste, Konservendosen, Schuhsohlen und eine Tabakdose. Die Relikte liegen heute in einem Museum in Uummannaq.

Nach gut einer Woche kehrt die „Fram“ an ihren Ausgangsort im Kangerlussuaq-Fjord zurück. Kaum wieder an Land, verlangt ein anderes Naturereignis die ganze Aufmerksamkeit: Wild gewordene Mückenschwärme attackieren die Passagiere. Wie gerne wäre man doch jetzt da draußen zwischen den Eisbergen.

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