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Reisereporter Eine neue Mitte für Bristol
Reisereporter Eine neue Mitte für Bristol
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14:59 13.02.2012
Bristols Hafen ist heute allabendlich Treffpunkt für Studenten und Künstler, für Einheimische und Touristen. Quelle: Andrew Varcoe
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Bristol

Es wirkt ein bisschen wie im Film, wenn sich die „Matthew“ gemächlich ihren Weg durch den Hafen von Bristol bahnt. Zwischen den restaurierten Lagerhäusern und den Apartmentkomplexen der südwestenglischen Stadt erscheint die Karavelle aus Naturholz wie aus einer anderen Zeit.

Und in gewisser Weise ist sie es auch: Das Schiff ist ein originalgetreuer Nachbau jenes Segelbootes, mit dem der Venezianer John Cabot im Juni 1497 als erster Seefahrer Neufundland entdeckt hatte – aus Versehen, denn eigentlich war er von Bristol aus in See gestochen, um einen kürzeren Weg nach Asien zu finden. Eine Stiftung hatte die Replik der „Matthew“ in den neunziger Jahren bauen lassen, um damit zum 500. Jahrestag von Cabots Reise auf dessen Spuren den Atlantik zu überqueren.

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Höhepunkte im Hafen von Bristol

Inzwischen gilt das Schiff als einer der Höhepunkte im Hafen von Bristol, Hannovers englischer Partnerstadt. Touristen staunen, wenn sie hören, dass dieser vergleichsweise kleine Kahn Atlantikluft geschnuppert haben soll. Und manch einem ist das Fernweh anzumerken – auf diesem Schiff würde man gern auf große Fahrt gehen. Rob Salvidge hat sich diesen Traum erfüllt. Der frühere Journalist ist heute Kapitän auf der „Matthew“. Drei Jahrzehnte saß Salvidge für das BBC-Radio vor dem Mikrofon. Inzwischen hat er sich mit dem Schiff einen Traum erfüllt. Auf rund 30.000 Seemeilen kann er bereits zurückblicken. „Manche fangen klein an mit dem Segeln und ergreifen dann einen richtigen Job“, sagt der gebürtige Bristoler zufrieden, „bei mir war es umgekehrt.“

Dick Penny hat schon lange einen „richtigen“ Job. Der 57-Jährige leitet das Watershed, eines der beiden großen Kunst- und Kulturzentren der Stadt. 1982 war es in einem der leer stehenden Lagerhäuser eröffnet worden – als erstes seiner Art in Großbritannien. Heute ist das Watershed so etwas wie das Symbol des sich wandelnden Hafenlebens. „Früher kamen und gingen hier Waren aus aller Welt“, sagt Penny. Heute seien es neue Kneipen- und Restaurantkonzepte sowie Kunst in allen Varianten. Das Publikum schwankt zwischen alternativ und hip, zwischen Kunstschaffenden und Studenten. Schon vormittags treffen sich viele im Café des Watershed zum Lunch.

Gegen Abend nimmt auch der Betrieb in den Kinos des Gebäudes zu. Einen Mix aus Kommerziellem und Kulturellem nennt Penny das Ziel. Und durch die weiteren Umbauten und Ansiedlungen rundherum an den Kais sei inzwischen eine neue Mitte von Bristol entstanden: „Vor 200 Jahren war der Hafen das Herz der Stadt“, sagt der Kulturmanager. „Nun ist er es wieder.“

Dazwischen lag so etwas wie ein südenglischer Dornröschenschlaf: Durch den Sklavenhandel groß geworden, galt Bristols Hafen noch im 19. Jahrhundert als einer der wichtigsten des Landes. Doch er litt darunter, dass er aufgrund der Zufahrt durch den stark gezeitenabhängigen Avon-Fluss für die immer größer werdenden Schiffe nicht erreichbar war. Im Zweiten Weltkrieg schließlich wurde Bristol Ziel massiver Bombenangriffe der Deutschen – das alte Hafengelände zerfiel anschließend, auch rundherum war die Stadt in den Folgejahrzehnten nicht gerade das Aushängeschild Großbritanniens.

Das hat sich seit den neunziger Jahren geändert. Das „M Shed“ (die Lagerhäuser waren ursprünglich mit Buchstaben alphabetisch sortiert) ist der jüngste Neuzugang in einer langen Reihe städtebaulicher Entwicklungsmaßnahmen. Viele Jahre lud in dem Gebäude vis-à-vis dem Arnolfini-Kulturhaus ein interessantes, aber eher schlicht gehaltenes Industriemuseum zum Bummel ein.

Seit dem vergangenen Jahr nun ist aus dem „M Shed“ eine Art modernes Heimatmuseum geworden. Wer am Wochenende vorbeischaut, hat vor dem „M Shed“ sogar die Möglichkeit, mit einer Dampfeisenbahn ein Stück den Hafen hinaufzufahren. Und der Trip lohnt sich allemal: Am Ende der Bahnstrecke wartet ein weiteres Stück maritimer Geschichte, das in Bristol geschrieben wurde: Die „Great Britain“, das erste schraubenangetriebene Stahlschiff der Welt, ist zwischen 1843 und 1845 hier gebaut worden. 1970 brachte man sie – viele Jahrzehnte nachdem sie auf den Falklandinseln gestrandet war – unter großem Jubel in dasselbe Trockendock zurück, in dem sie gebaut worden war. Dort steht sie seitdem, ist aufwendig und originalgetreu saniert, und inzwischen mit einem richtigen Museumsbau geadelt worden.

Dass das Prachtschiff heute in Bristol liebevoll gepflegt wird, liegt vor allem an ihrem Erbauer: Isambard Kingdom Brunel. Er hat die Stadt im Zeitalter der Industrialisierung an vielen Stellen geprägt. Neben dem Bahnhof Temple Meads stammt auch das Wahrzeichen Bristols aus seiner Feder: die Clifton Suspension Bridge. Die Hängebrücke aus dem Jahr 1864 überspannt die Schlucht des Avon-Flusses in einer Höhe von 75 Metern.

Einst sammelten sich hier oben Schaulustige, um die unten vorbeiziehenden Schiffe zu bewundern. Heute zieht es die „Bristolians“ eher in den Hafen, und dies zu fast jeder Tages- und Nachtzeit. Wenn im Watershed die letzte Vorstellung beendet ist und das „M Shed“ längst geschlossen hat, dröhnt Musik aus großen Bars und Restaurants.

„V-Shed“ heißt eines der Gastronomiekonzepte, das einen Mix aus Kneipe, Nachtklub und Restaurant verspricht, gleich nebenan hat mit dem „Zaza“ das nach eigenen Angaben größte Restaurant Großbritanniens eröffnet und schnell meterlange Warteschlangen zu einer Art Wahrzeichen werden lassen. Während Großbritannien gerade eine schwere wirtschaftliche Periode durchlebt, wird hier gefeiert, was das Zeug hält. „In Bristol“, sagt Kulturmanager Penny, „macht man eben seit jeher Dinge, die etwas anders sind.“ Es muss ja nicht gleich eine Atlantiküberquerung im Holzschiff sein.

Michael Pohl

Weitere Informationen
www.visitbristol.co.uk