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Reisereporter Ferien bei der Maus
Reisereporter Ferien bei der Maus
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13:02 23.06.2012
Von Hannah Suppa
Cinderella Castle als Blickfang: Das markante Schloss ist das Wahrzeichen vom Magic Kingdom in Disney World.
Cinderella Castle als Blickfang: Das markante Schloss ist das Wahrzeichen vom Magic Kingdom in Disney World. Quelle: Suppa
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Orlando

Für einen Muggel ist es gar nicht so einfach mitzuhalten. Links, rechts, links, rechts. Rasant geht es auf dem Besen hinter Harry Potter her, im Slalom um die Turmspitzen von Schloss Hogwarts. Der Zauberlehrling mahnt zur Eile. Doch es geht nicht schneller: Die nicht magischen Menschen sitzen ja nur in einem Fahrgeschäft. Längsseitig festgeschnallt bewegen sie sich in Überschallgeschwindigkeit durch das Innere des Schlosses, kämpfen mit den jungen Zauberern gegen einen Drachen und spielen Quidditch. Auf dem realen Boden hier im dunklen Inneren liegt ein Flipflop, der Besenritt war doch zu flott für solch ein irdisches Schuhwerk.

Der Flugsimulator „Harry Potter und die verbotene Reise“ ist das durchschüttelnde Finale des Besuches der „Wizarding World of Harry Potter“, der jüngsten und beliebtesten Attraktion des Themenparks „Island of Adventure“ von Universal in Orlando, Florida. 2010 eröffnete die Zauberwelt, 265 Millionen Dollar hat der Bau der perfekten Illusion gekostet.

Doch vor dem Zauber muss gewartet werden. Für ein „Butterbier“: zehn Minuten Schlange stehen. Für die einminütige Fahrt mit dem Hippogriff: 45 Minuten. Für die Eulenpost: 20 Minuten. Und für den Flugsimulator können es auch schon einmal fünf Stunden sein. „Yeah, die Leute lieben es einfach“, sagt Parkguide Joe und rückt seinen Sonnenhut zurecht. Immerhin kann man in der Warteschlange das Schloss erkunden, sich durch Dumbledores Büro drängeln und die sprechenden Porträts bestaunen. Selbst Warten ist in dieser Wunderwelt eine Show.

Orlando ist der weltweit prächtigste Arbeitsplatz für die Berufsgruppe der Imagineers - Menschen, die Kinderträume in Themenparks verwandeln, Schlösser bauen, Comicfiguren zum Leben erwecken und alles mit einem Soundtrack unterlegen. So viele große Spielplätze wie hier gibt es nirgends: Sieben der 20 größten Parks der Welt stehen in Orlando, weitere 100 Attraktionen machen die Stadt zu einer einzigen Spielwiese. Wer will, kann sich 67 Tage am Stück amüsieren - erst dann hätte man nur die größten Attraktionen getestet. Man kann Fallschirmspringen, ohne in ein Flugzeug zu steigen, im Bikini zwischen Schneebergen eine Wasserrutsche bezwingen oder auf den Spuren der Bibel wandern.

Hier ist alles möglich: Träume können wahr werden - zumindest für jeden, der Eintritt bezahlt. Mit 51,45 Millionen Besuchern im Jahr steht Orlando tatsächlich auf Platz eins der meistbesuchten Reiseziele in den USA, die Vergnügungsstadt hat sich damit vor New York geschoben.

Orlando hat seine Bedeutung auch der Entertainmentindustrie zu verdanken: Disney suchte Anfang der sechziger Jahre Expansionsfläche - und fand sie hier. Das Unternehmen legte die Sümpfe trocken und begann, Disney World zu errichten. Das war der Beginn des Aufschwungs zur wirtschaftlichen Bedeutung der Stadt. Zuvor gab es nicht viel: Als 1836 die ersten Siedler aus Europa kamen, war hier noch indianische Kultur vorhanden. Geprägt war die Region durch Rinderzüchter, später durch Zitrusplantagen. Dann kam Micky Maus. 1971 eröffnete Disney World, inzwischen betreibt der Konzern vier Themenparks - „Magic Kingdom“, „EPCOT Centre“, „Disney/MGM Studios“ und „Animal Kingdom“ - und im Laufe der Jahre gesellten sich mit Universal und Sea World zwei weitere Großanbieter von buntem Entertainment dazu.

In Orlando ist das Neueste zu finden, was die Spaßindustrie zu bieten hat: Modernste Robotik, ausgeklügelte Filmtechnik, lebensechte Projektionen, und selbst 3-D ist hier schon von gestern - zur Dreidimensionalität wird jetzt zudem noch der Geruchssinn stimuliert. Da fliegt man im „Soarin“ in Disneys „Epcot“-Park als Drachenflieger über Kalifornien und riecht die Orangen, die unter den baumelnden Füßen angebaut werden.

Immer höher, schneller, weiter als die anderen? „Die Attraktionen kannibalisieren sich nicht gegenseitig, alle sind unterschiedlich konzipiert“, sagt eine Vertreterin vom Orlando Tourismusbüro. Zudem sprächen sich die drei Entertainmentriesen ab: Wenn Universal die „Harry Potter“-Welt eröffnet, ist Disney erst im Jahr darauf mit dem nächsten Coup dran.

Walt Disney World Orlando ist ein Staat im Staat, 66.000 Mitarbeiter hat das Unternehmen in Orlando. Nach Angaben des Tourismusbüros der Stadt ist Disney damit einer der größten Arbeitgeber der USA. Es ist, als überschreite man mit dem Passieren des Schildes „Walt Disney World“ eine Grenze. Hier ist die Welt plötzlich hübscher: Keine Werbeplakate am Wegesrand, keine Fast-Food-Drive-ins, die Straßen sind perfekter, der Rasen grüner als noch wenige Meter davor. Ein Vatikan mit Mausohren, sagt man hier scherzhaft. Und die Mitarbeiter lächeln stets, das „Disney-Smile“ ist angeordnet, ebenso wie der „Disney“-Finger (den Weg immer nur mit Zeige- und Mittelfinger weisen), wie eine Mitarbeiterin erzählt. Die Illusion ist das Geschäft.

Bernd Haase 23.06.2012
Sonja Fröhlich 14.06.2012
07.04.2012