Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Reisereporter Florida will sich nicht ergeben
Reisereporter Florida will sich nicht ergeben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:35 17.07.2010
Einige Strände hat das Öl bereits erreicht: Doch niemand weiß, ob die Katastrophe noch gebändigt werden kann.
Einige Strände hat das Öl bereits erreicht: Doch niemand weiß, ob die Katastrophe noch gebändigt werden kann. Quelle: dpa
Anzeige

Alles steht parat für die Hochsaison 2010. Auf dem neuen internationalen Flughafen von Panama City im Norden Floridas landeten vor wenigen Wochen die ersten Maschinen. Fußböden und Fenster sind blitzblank poliert. Damit sich die Urlauber schon in der Ankunftshalle willkommen fühlen, reihen sich drei Meter hohe Palmen in großen Kübeln aneinander.

Doch die Heerscharen an Gästen, die den Flughafen in Shorts und Sandalen betreten, lassen auf sich warten. Stattdessen reisen einige Ranger der Nationalparkverwaltung NPS mit festem Schuhwerk und Seesäcken an. Die Umweltschützer treten von Panama City aus einen langen Arbeitseinsatz an: Sie sollen den Einsatz von Tausenden Helfern koordinieren und überwachen, die die Traumstrände im Norden Floridas von Ölklumpen säubern.

Keiner weiß, wie lange noch

Das Unglück der Bohrinsel Deepwater Horizon liegt nun schon drei Monate zurück. Doch das gesamte Ausmaß der Katastrophe im Golf von Mexiko ist noch immer nicht absehbar. Das Erdöl strömt weiterhin ungehindert in das Meerwasser.

Die stinkenden Ölklumpen haben längst die ersten Strände im Norden Floridas erreicht. Fast jede Welle, die dort ans Land schwappt, hinterlässt klebrige Fladen. Einige wenige Haufen sind tellergroß, doch zumeist spült das Wasser kleine Kügelchen an Land.

Die Reinigungsteams, die größtenteils im Auftrag des BP-Konzerns unterwegs sind, stehen vor einer Sisyphusarbeit: So manchen Strand, der am Abend halbwegs gesäubert war, übersät das Meer über Nacht mit neuen Ölklumpen. Und niemand vermag zu sagen, wie lange diese übelriechende Verschmutzung anhält. Einige Wochen? Einige Monate? Vielleicht sogar Jahre?

Maryland statt Florida

Rund um Pensacola hat die Ölpest die Mehrzahl der Urlauber vertrieben. Besonders betroffen ist Perdido Key. Die hochwertigen Apartmentanlagen gleichen Geisterstädten. Bis zum 20. April genoss diese Bucht einen besonderen Ruf bei denjenigen, die im Segelboot entlang der Küste unterwegs sind. Doch kaum war die Bohrinsel gesunken, wichen viele auf die Ostküste aus. Ihre Losung: Maryland statt Florida. Restaurantbesitzer, Apartmentvermieter und Autoverleiher blieben verzweifelt zurück.

Weiter im Osten, an den wunderschönen Stränden von Panama City Beach, ist von dem Öl noch nichts zu sehen. Aber die Experten vor Ort befürchten, dass das Unglück nicht mehr allzu lange auf sich warten lässt. Sie wissen: Der gesamte Nordwesten Floridas ist bedroht.

Ölalarm ist bereits mehr als ein Dutzend Mal gegeben worden, unter anderem in Perdido Key State Park, Johnson Beach, County Park West, County Park East, Brackin Wayside, Grayton Beach Access, Blue Mountain Beach Access und Inlet Beach Access.

Wie es um die Strände von Panama City steht, mag niemand vorhersagen. Die Lage kann sich über Nacht ändern. Die Strömungen und die beginnenden Wirbelstürme lassen seriöse Prognosen kaum mehr zu. „Wir können den Kopf nicht in den Sand stecken. Jetzt müssen wir über Alternativen nachdenken“, sagt Dan Rowe vom Fremdenverkehrsamt Panama City. Wenn das Öl tatsächlich bis in sein County vordringen sollte, setzt Rowe auf einen Plan B: „Wir bereiten ein Freizeitprogramm vor, das die Leute in der Stadt hält.“ Open-Air-Konzerte, Sonderausstellungen in den Museen und spezielle Programme für Kinder stehen auf der Liste.

Außerdem will die Stadt Shuttlebusse zu den Stränden einsetzen, die noch ölfrei sind. So richtig ermutigend klingt Rowe nicht. Aber die Stadt scheint gewillt zu sein, sich dieser Katastrophe nicht einfach zu ergeben.

Weiße Strände im Süden und Südosten

Was für ein Drama: Wo sich die scheinbar endlosen Sandstrände entlangziehen, droht eine der größten Umweltkatastrophen der USA. Die Folgen sind dramatisch – für die Natur, für den Tourismus und die gesamte Wirtschaft der Bundesstaaten, die an den Golf von Mexiko grenzen. Allein in Florida kalkulierten die Manager der Freizeitindustrie für 2010 mit etwa 80 Millionen Touristen aus aller Welt. Sie sollten einen Umsatz von mehreren Milliarden Dollar bringen.

Doch seit dem Untergang der Deepwater Horizont hagelt es Stornierungen. Viele Urlauber machen lieber eine großen Bogen um den Sonnenscheinstaat, obwohl die große Mehrzahl der Touristenhochburgen bisher nicht betroffen ist. Auch die Lieblingsstrände der Deutschen im Süden und im Südosten Floridas bieten weiterhin all das, was sich Erholungssuchende wünschen – Sonne, weißen Sand und türkisblaues Wasser.

Wer sich in diesem Sommer für eine Reise in den Süden der USA entscheidet, könnte sogar besonders angenehme Tage verbringen: Die Tourismusunternehmen appellieren seit Wochen an ihre Mitarbeiter, mit einem besonders guten Service um jeden einzelnen Urlauber zu kämpfen. Auch US-Präsident Barack Obama schloss sich der Kampagne an und rief seine Landsleute dazu auf, gerade in diesen schwierigen Zeiten Urlaub am Golf von Mexiko zu machen.

Diese Appelle kommen nicht von ungefähr: Florida ist zwar von der Ölpest bisher weitgehend verschont geblieben, doch die allgemeine Rezession und das Platzen der Immobilienblase trafen den Bundesstaat besonders hart. Ob nun auch das Geschäft mit dem Tourismus einbricht, entscheidet sich in den nächsten Wochen.

Stefan Koch

Kein Grund für Stornierung:

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bietet Urlaubern derzeit keine Möglichkeiten zum kostenlosen Reiserücktritt. Angst vor höherer Gewalt sei für Pauschalurlauber kein Grund, eine Reise nach Florida gebührenfrei stornieren oder umbuchen zu dürfen, erklärte der Reiserechtler Prof. Ernst Führich. Individualreisende, die ihren Aufenthalt nicht über einen Veranstalter gebucht haben, könnten bei einer Absage sowieso nur auf die Kulanz der jeweiligen Hoteliers hoffen, erklärt der Experte.

Um als Pauschalurlauber eine Reise kostenlos stornieren zu dürfen, müsse es eine erhebliche Gefahr für die Erbringung der Reiseleistung oder für Leib und Leben des Reisenden geben, sagt Führich. „Beides kann ich im Moment noch nicht sehen.“ Wer jetzt seinen Urlaub an den Stränden Floridas absagen möchte, müsse mit den normalen Stornoregeln der Veranstalter leben. Diese sähen in der Regel vor, dass absagende Gäste bis einen Monat vor Reiseantritt ihre Anzahlung von 20 Prozent verlieren.

Dass USA-Reisen aufgrund des Ölteppichs kostenlos gekündigt werden könnten, hält Führich grundsätzlich aber für möglich: „Man muss nicht warten, bis die ganze Küste vollgeschwemmt ist, es reicht dazu eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 25 Prozent.“ Wann das an den Badezielen der Veranstalter der Fall sein wird, lasse sich im Moment allerdings noch nicht sagen.

dpa

Aktuelle Reiseinformationen: www.visitflorida.com/deutsch

02.03.2016
Reisereporter Wellness für ihn - Mann, tut das gut!
09.03.2016
Reisereporter Wo die deutsche Elf schläft - Ein Stück Pseudo-Provence
19.01.2011