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Reisereporter Frankreichs älteste Synagoge
Reisereporter Frankreichs älteste Synagoge
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16:50 30.07.2012
Von Nicola Zellmer
Prunkvoll: Die Synagoge im französischen Carpentras. Quelle: Privat
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Carpentras

Freitags beherrscht der Wochenmarkt die Innenstadt der Provencestadt Carpentras. Bei Sonnenschein biegen sich die Tische der Händler unter frischen Tomaten, Auberginen, Zucchini und Kartoffeln. An einer Ecke werden Lederwaren feilgeboten, an der nächsten Spezialitäten wie Ingwersirup oder Honig aus eigener Ernte.

Das bunte Treiben in den verwinkelten Gassen lässt uns fast vorübergehen an der ältesten Synagoge Frankreichs, die sich unauffällig in eine Ecke des Maurice-Charretier-Platzes einfügt. Bescheiden bleibt sie niedriger als ihre Nachbarn, auch die Fassade ist bis auf eine Gedenktafel eher schlicht. Doch hinter der großen Holztür wartet eine Überraschung: Dort führt eine imposante Freitreppe in den ersten Stock hinauf. Auch oben, im großen Gebetsraum, hat die jüdische Gemeinde nicht mit Prunk gespart. Mit dem verschnörkelten Interieur in Hellblau und Gold vor einer mit Marmormuster bemalten Wand ähnelt der Saal mehr einem barocken Adelspalast als einem jüdischen Gotteshaus. Über die ebenso zuckerbäckerartig ausgestattete Synagoge im nahen Cavaillon sagte ein Zeitgenosse sogar einmal abfällig, sie sehe aus wie die „Bonbonniere der Madame Pompadour“.

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In Carpentras gab es gute Gründe für das Versteckspiel mit der falschen Fassade, als das Gebäude von 1741 bis 1745 über den Bädern und der Bäckerei der ursprünglichen Synagoge aus dem 14. Jahrhundert neu errichtet wurde. „Die Kirche hatte das Gefühl, dass der Bau zu majestätisch werden würde“, erklärt Stadtführer Wenzel Glasauer. Deshalb gab es strenge Auflagen für den damaligen Stararchitekten Antoine d’Allemand, der die Synagoge eigentlich größer geplant hatte. Die ursprüngliche Absicht zeigt sich jedoch noch im Inneren, etwa mit der großen Freitreppe und einer Kuppeldecke mit goldenen Sternen auf hellblauem Untergrund im großen Saal - Zeichen für unendliche Höhe.

Dass sich die Synagoge mit dieser Himmelskuppel der christlichen Symbolik nähere, sei typisch für die gut in die Gesellschaft integrierten provenzalischen Juden, sagt Glasauer: „Der Architekt war ein enger Bekannter des Bischofs, und man sieht den Einfluss der römisch-katholischen Kirche sehr deutlich.“ Sogar die Kanzel des Rabbiners befindet sich auf einer Empore wie in katholischen Gotteshäusern. Im Zweiten Weltkrieg rettete die kirchenähnliche Einrichtung die Synagoge von Carpentras sogar vor der Zerstörung. Findige Gemeindemitglieder versteckten vor dem Eintreffen der deutschen Besatzer die heiligen Thorarollen, die Menoraleuchter und andere Sakralgegenstände bei Freunden in der Stadt, brachten stattdessen Grabsteine in den Gebetsraum und gaben das Gotteshaus erfolgreich als katholische Kirche aus.

Gemeinsam mit den Synagogen in Cavaillon, Avignon und Marseille, dem jüdischen Friedhof in Carpentras, einigen Museen sowie den Spuren früherer Gettos gehört die Synagoge von Carpentras zur „Straße des jüdischen Kulturerbes“, die die Geschichte der sogenannten Papstjuden in der Provence nachzeichnet. Unter dem Schutz der französischen Päpste konnten die Juden in Avignon und der Grafschaft Venaissin mehr als zwei Jahrhunderte weitgehend unbehelligt wohnen und ihren Glauben ausüben, während ihre Glaubensbrüder längst aus Frankreich vertrieben worden waren.

Sieben echte Päpste und zwei Gegenpäpste verzeichnet die Weltkulturerbestadt Avignon in ihren Annalen. Deren Wirken und die damit verbundene Geschichte der provenzalischen Juden erschließen sich am besten beim Rundgang mit einer historisch versierten Stadtführerin wie Annelous David, die durch den imposanten Papstpalast der Rhônestadt führt. Dort erzählt sie von den erbitterten Machtkämpfen in Rom, die dazu führten, dass der Papstsitz Anfang des 14. Jahrhunderts vorübergehend nach Frankreich verlegt wurde.

Als erster französischer Papst zog Clemens V. 1309 nach Avignon. Die Stadt und die Grafschaft Venaissin wurden Eigentum der Kirche. Die Clemens-Nachfolger Benedikt XII. und Clemens VI. ließen in Avignon zwischen 1334 und 1352 den heute noch erhaltenen alten und neuen Papstpalast bauen - der eine streng und nüchtern, der zweite prunkvoll und luxuriös. Im Laufe der Zeit wurde das Gebäude immer wieder umgebaut, es wurde als Kaserne missbraucht, Bodenfliesen wurden herausgebrochen, Fresken übermalt oder verkauft. Dennoch lässt sich erahnen, wie prunkvoll der Heilige Stuhl auch damals residierte: Der riesige Speisesaal für mehr als 100 Gäste, die aufwendigen Malereien im Schlafzimmer des Papstes und die kostbaren Wandteppiche mit Jagdmotiven in seinem Arbeitszimmer sind noch heute zu besichtigen.

Weil die französischen Päpste neben der katholischen Kirche auch Avignon und die Grafschaft Venaissin zu regieren hatten, kamen ihnen die 1304 von Philipp dem Schönen aus Frankreich vertriebenen Juden wie gerufen. Schließlich durften diese, im Gegensatz zu den damaligen Christen, Geldgeschäfte übernehmen. Unter dem Schutz der provenzalischen Päpste waren sie zudem als Händler, Ärzte, Apotheker und Handwerker erfolgreich. „Bis Mitte des 15. Jahrhunderts lebten die Juden in der Provence deutlich besser als im Rest Europas“, erzählt Annelous David. Später wurden die Restriktionen jedoch größer: Viele Berufe wurden der Religionsgemeinschaft verboten. Und die ursprünglich gut integrierten provenzalischen Juden wurden in vier abgeschlossene Gettos, die „Carrières“, verbannt.

In Avignon, Carpentras, Cavaillon und L’Isle-sur-la-Sorgue sind von diesen Gettos nicht mehr als Straßennamen wie Rue Hébraque oder Rue de la Juiverie erhalten. Auf engstem Raum lebten Hunderte Juden an einer mit Toren abgeschlossenen Straße bei der Synagoge. Im 18. Jahrhundert etwa zählte man auf der 1461 eingerichteten und 88 Meter langen „Carrière“ von Carpentras ganze 128 Häuser, in denen rund 900 Menschen lebten. „Die Gebäude waren bis zu acht Stockwerke hoch, teilweise hatte man auf den Dächern noch weitere Gebäude errichtet, die nur über höchst enge Treppen und Gänge zu erreichen waren“, berichtet Stadtführer Glasauer.

Ende des 18. Jahrhunderts profitierten dann auch die provenzalischen Juden von der Französischen Revolution: Die Provence wurde französisch und Juden als Bürger mit allen Rechten anerkannt. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg brachen allerdings nochmals schwere Zeiten an: „Sowohl die später zugewanderten polnischen Juden als auch die einheimischen wurden bis 1946 ausgelöscht“, sagt David. „Die heutigen jüdischen Gemeinschaften in der Provence entstanden erst nach 1963, als nordafrikanische Juden nach Frankreich übersiedelten.“

Heute zählt die jüdische Gemeinde in Carpentras rund 200 Familien, die die alte Synagoge weiterhin nutzen. Bis Freitagnachmittag sind aber auch Besucher gern gesehen - Einlass ist alle 30 Minuten.

Hin und weg:

Anreise:
Air France fliegt ab Bremen, Frankfurt/M., Hannover, Köln, Nürnberg und Stuttgart via Paris nach Marseille. Ab Berlin, Hamburg und Düsseldorf aus gibt es auch Nonstop-Flüge. Um die Region zu erkunden, empfiehlt sich ein Mietwagen.
www.airfrance.de

Reisezeit:
Jede Jahreszeit in der Provence hat ihren Reiz, doch eignen sich Frühling und Herbst besonders als Reisezeit. Denn dann ist es angenehm warm, und der touristische Andrang ist nicht so hoch wie in den Sommermonaten. In der Provence herrscht ein mediterranes, mildes Klima.

Jüdisches Kulturerbe:
Einen Überblick über das jüdische Kulturerbe gibt es bei Vaucluse Tourismus.
www.provence-tourismus.de

Weitere Informationen:
www.avignon-tourisme.com
www.carpentras-ventoux.com
www.cavaillon-luberon.com