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Reisereporter Grüner wird’s nicht
Reisereporter Grüner wird’s nicht
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13:56 13.03.2012
Von Stefan Stosch
Eine Flussfahrt durch Amazonien ist ein wahres Abenteuer.
Eine Flussfahrt durch Amazonien ist ein wahres Abenteuer. Quelle: MV Amazin Clipper
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Sao Paulo

Ein Blick aus dem Kabinenfenster - und schon hat sich das Aufstehen im ersten Morgenlicht gelohnt: Flussdelfine ziehen in ein paar Metern Entfernung ihre Kreise. Immer wieder schnellen die Tiere prustend und schnaufend aus dem spiegelglatten Wasser. Ihre Leiber schimmern grau, manche Rücken sind auch rötlich-weiß gefärbt und seltsam buckelig: Rosa Flussdelfine jagen ihren Frühstücksfisch im Amazonasbecken.

In der brasilianischen Provinzhauptstadt Manaus sind wir zu unserer sechstägigen Kreuzfahrt auf dem mächtigsten Flusssystem der Erde aufgebrochen. Ein paar Kilometer flussabwärts vereinigt sich der Rio Negro mit dem Rio Solimões zum Amazonas. Die Ströme bilden die Lebensader der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt.

Mit dem Auto ist Manaus gar nicht zu erreichen. Es wurde zwar eine Straße nach Venezuela in den Urwald getrieben, doch lässt sie sich kaum befahren. Die Natur ist hier stärker als der Mensch: Das Wasser spült die mühsam erbauten Brücken wieder weg. Der Pegelstand des Amazonas differiert um bis zu 16 Meter zwischen Regen- und Trockenzeit - und er ist nur einer von insgesamt rund 10.000 Flüssen im Amazonasbecken.

Von Dschungelromantik à la "Fitzcarraldo" ist in der einstigen Kautschukmetropole Manaus wenig geblieben - auch wenn der alte Flussdampfer, den Klaus Kinski zu Caruso-Klängen im Film über den Berg zog, noch immer vor sich hin rostet. Die Stadt ist heute eine Freihandelszone, Hightech-Standort, Kapitale der Motorradbauer von Harley-Davidson bis BMW. Menschen aus dem Landesinnern suchen in Manaus ihr Glück. Viele hausen in behelfsmäßigen Holzhütten, die sich auf Stelzen an den Flussböschungen reihen.

Einen Ort gibt es allerdings, der noch immer vergangene Pracht atmet: das restaurierte Teatro Amazonas. Als die Kautschukbarone gar nicht mehr wussten, wie sie ihren Reichtum ausgeben sollten, erbauten sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein extravagantes Opernhaus mitten im Urwald. Ein Gutteil der Pflastersteine vor der Oper ist noch immer mit Kautschuk überzogen. Im Rest der Welt wäre dieser Straßenbelag unbezahlbar gewesen - Kautschuk war zeitweilig teurer als Gold. Aber das spielte in Manaus keine Rolle. Wichtig war, dass zu spät kommende Gäste mit ihren klappernden Kutschen nicht den Kunstgenuss störten.

700 roten Samtsitzen

Im Konzertsaal mit seinen 700 roten Samtsitzen proben gerade die städtischen Symphoniker. Die Hälfte der Musiker stammt aus Weißrussland. Sie blieben in den Neunzigern bei einer Konzerttournee einfach hier. Wer die Übenden nicht stören will, steigt hinauf in den ersten Stock, bewundert die vergoldeten Balkone, die Lüster aus Murano-Glas, den italienischen Marmor, die britische Schmiedekunst - und begibt sich hinaus auf den stuckverzierten Balkon.

Hinter einer Hochhausecke ist in der Distanz der Rio Negro erkennbar, über den sich erst seit ein paar Monaten eine Brücke spannt, die erste überhaupt. Auf diesem Opernhausbalkon standen die gelangweilten Kautschukbarone mit ihren Champagnerkelchen in der Hand und sehnten die nächste Schiffslieferung mit Kostbarkeiten aus Europa herbei. Komplette Häuser ließen sie sich - zerlegt in Einzelteile - über den Atlantik schicken.

Als der Kautschukkonkurrent Malaysia auf den Plan trat und Gummi bald auch künstlich produziert werden konnte, ergab sich Manaus wieder der Übermacht des schwülfeuchten Dschungels. Die Stadt verwandelte sich für Jahrzehnte in ein Provinznest. Zeitweilig sogar ohne Strom.

Die Wassermassen des Flusses schieben sich unbeeindruckt vom Glanz und Elend der Bevölkerung vorüber. Knapp ein Fünftel der weltweiten Süßwasservorräte fließt durch das Amazonasbecken, das etwa 20-mal so groß ist wie die Bundesrepublik. Wer den Rio Negro flussaufwärts fährt, glaubt, ein Meer zu überqueren. In schier unendlicher Entfernung liegen die von weißen Sandstränden gesäumten Ufer. Je weiter man vorankommt, desto spärlicher werden die Häuser links und rechts, und desto dichter wird der Regenwald.

"Wer diese Natur nicht gesehen hat, kann ihre Dimensionen nicht begreifen", sagt Christoph. Der Deutsche lebt seit zwei Jahrzehnten in Manaus. Er begleitet die Ausflüge bei dieser Flussexpedition, zu denen die Gäste in motorisierten Kanus aufbrechen. Seine bevorzugte Dienstkleidung sind T-Shirts in Armeetarnfarbe. Wenn es um die Erhaltung des Regenwalds geht, gibt sich der 52-Jährige sowieso gern militärisch bestimmt.

Beinahe ein Drittel des Dschungels ist Christophs Worten zufolge seit Ende des Zweiten Weltkrieges abgeholzt worden und damit unwiederbringlich verloren. Das komplizierte Ökosystem mit seinen rund 6000 Baumarten - in deutschen Wäldern gibt es keine 50 - lasse sich nicht aufforsten. Heute tue Brasilien viel für den Schutz seiner kostbaren Natur. 40 Prozent des Regenwaldes stünden unter Schutz, doch sei die Überwachung des riesigen Gebietes schwierig. Schrumpft die grüne Lunge der Erde noch um ein paar Prozentpunkte mehr, könnte dem gesamten Globus die Luft ausgehen.

Lebensraum vor allem von kleineren Tieren

Christoph weiß das alles. Aber was er gar nicht gut verträgt, ist die Einmischung von besserwisserischen Europäern. Diese seien schließlich mitverantwortlich für den Raubbau: Nur rund 50 der 6000 Baumarten aus dem Regenwald stünden auf ihren Schutzlisten. So lasse sich das illegal am Amazonas gefällte Holz ganz legal nach Europa exportieren. Und dann zieht man los in den Urwald und ist fasziniert von dessen unglaublicher Vielfalt. Der Dschungel ist der Lebensraum vor allem von kleineren Tieren - Fröschen, Spinnen, Fledermäusen, Schlangen und Insekten.

Ein Spaziergang durchs dämmerige Grün wird zum Trip auf einem Urwaldlehrpfad, den die Indios schon seit Jahrtausenden beschreiten: Die Rinde des einen Baumes hilft gegen Kopfschmerzen, Magenprobleme oder sogar Krebs, aus einem anderen Stamm tropft natürlicher Kaugummi. Der im Wortsinn betäubende Saft einer Wurzel dient dazu, um Fische ohne Netz zu fangen. Aus der Schnittstelle einer Liane fließt klares Trinkwasser. Manches Holz riecht wie teures französisches Parfüm. Ameisen verströmen Zitronenduft.

Längst ist die Pharmaindustrie all diesen Geheimnissen auf der Spur. Manche hoffen sogar, dass die ökonomischen Interessen der Konzerne zum Schlüssel für die Rettung des Regenwalds werden könnten.

Immer weiter flussaufwärts geht die Fahrt. In den Inseln des Anavilhanas-Nationalparks schließlich, rund hundert Kilometer flussaufwärts von Manaus, hat der Rio Negro eine Breite von 20 Kilometern - und besteht aus vielen Flüssen. Unkundige würden sich verirren zwischen all diesen Wasserläufen. Man bekommt eine Ahnung davon, was Christoph meint, wenn er von den Dimensionen dieses Naturparadieses spricht.

Ab und zu legen Indios mit ihren Kanus an unserem komfortablen Flussschiff an, um Fisch oder Bananenstauden anzuliefern. Manche Gäste vertreiben sich die Zeit mit dem Angeln von Piranhas. Wenn der Kapitän zustimmt, darf man aber auch ein erfrischendes Bad im seidig-weichen Wasser nehmen. Kaimane und Piranhas lassen sich glücklicherweise nicht blicken - rosa Flussdelfine schon.

Weitere Informationen
www.brasilien.tourismus.de

Michael Pohl 03.03.2012
Volker Wiedersheim 25.02.2012