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Reisereporter Hauptsache Frankreich!
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11:16 14.01.2013
Paradiesischer Ausblick: Das Fort Napoléon thront über Guadeloupe und gibt eine schöne Aussicht auf die Insel frei. Quelle: Ph. Giraud, Guadeloupe Island Tourist Board (2)
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Le Gosier

Morgens um 7 Uhr läuft das Fitnesstraining am Strand auf Hochtouren. Scharen von Freizeitsportlern sind auf dem hellen Sand zugange. Bikini-Frauen traben barfuß an der Wasserkante, muskulöse Jünglinge schwitzen sich Liegestütz-Rekorden entgegen. Die älteren Semester sind eindeutig in der Mehrzahl. Sie üben sich in Wassergymnastik - viele mit bunter Aqua-jogging-Ausrüstung, wie sie in europäischen Hallenbädern gerade in Mode ist.

Das Training hier findet aber das liebe lange Jahr im Freien statt. Wir befinden uns auf den Kleinen Antillen, am Strand des Seebades Le Gosier auf Guadeloupe und damit auf französischem Boden in der Karibik. Palmen gibt’s als Dreingabe beim Wassertreten im Paradies. Türkisblaues Wasser, Wanderungen in üppig grünen Nationalparks und leckerer Rumpunsch gehören zum Standardprogramm für Touristen.

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Doch das Paradies hat auch dunkle Seiten: Die Vergangenheit auf den karibischen Inseln war von Gewalt geprägt. Über Jahrhunderte schufteten afrikanische Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen der europäischen Kolonialisten.

Die eisernen Halsketten im Museum in der größten Stadt Pointe-à-Pitre zeugen von ihrer Brutalität. Museumschef Matthieu Dussauge hat mit Unterstützung der Unesco eine „Route der Sklaverei“ auf Guadeloupe erarbeitet. „Wir weisen auf Friedhöfe und ehemalige Plantagen hin“, sagt Dussauge. „Das Thema Sklaverei ist wichtig.“ Sein Museum trägt den Namen Victor Schœlcher, das ist der Mann, der 1848 maßgeblich zum endgültigen Ende der Sklaverei beitrug.

Besonders auf Martinique bestimmen die Nachfahren der französischen Kolonialisten bis heute das ökonomische Geschehen. Auf Guadeloupe dagegen gerieten viele Zuckerbarone in der Französischen Revolution unter die Guillotine. Das Fallbeil hatte der Revolutionsgesandte Victor Hugues mitgebracht und auf dem zentralen Platz von Fort-de-France positioniert. Hugues startete auch einen ersten Versuch, die Sklaverei zu beseitigen.

Napoleon führte sie wieder ein. Womöglich auf Drängen seiner Frau Joséphine, die aus der Familie eines Plantagenbesitzers auf Martinique stammte. Sie hat in Fort-de-France ein prominentes Marmordenkmal - allerdings ohne Kopf, denn der wird Joséphine immer wieder von Insulanern abgeschlagen, die mit der Verehrung der Dame weniger einverstanden sind. Umso mehr Zuspruch dürfte das Denkmal Aimé Césaire erfahren, das im Juni 2013 enthüllt werden soll. Césaire, Poet, Humanist und Mitbegründer der Négritude-Bewegung, gilt vielen auf Martinique als Übervater. In diesem Jahr wäre er 100 geworden.

Heute stammt der größere Teil der Bevölkerung von Sklaven ab, dazu kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Arbeitskräfte aus Indien - deshalb weisen die Hautfarben der Freizeitsportler am Strand von Le Gosier auch alle möglichen Schattierungen auf.

Den morgendlichen Badespaß dürften vor allem jene zu schätzen wissen, die später noch ins Büro müssen: Jeden Tag quälen sich die Einwohner rund um Pointe-à-Pitre - und genauso auch in Fort-de-France auf Martinique - im Stau. Die allgegenwärtige karibische Gelassenheit findet Stoßstange an Stoßstange ihre Grenzen. Die meisten Wagen stammen aus französischer Produktion, denn auch wenn Paris 7000 Kilometer weit weg ist: Guadeloupe legt Wert aufs Französisch-sein, mehr sogar noch als Martinique, wo Boulespieler und Rennradfahrer zum Alltag gehören. Baguettes und Croissants duften aus jeder Bäckerei.

Die Einheimischen hängen auch finanziell am Tropf des Heimatlandes. Wenn nötig, legen sie für ihr Mindesteinkommen nach französischem Maßstab ihre Insel lahm, so wie beim Generalstreik auf Guadeloupe vor vier Jahren. Und der großzügige Platz de la Savane in Martiniques Hauptstadt Fort-de-France mitsamt der Uferpromenade - Malecon genannt - wurde mit EU-Millionen finanziert.

Allerdings vergisst man auf diesen von der Natur so überreich beschenkten Inseln Europa schnell - im Zweifelsfall mithilfe des Rums, auf den die Einwohner ungefähr so stolz sind wie die Bayern auf ihr Weißbier.

Die Familie von François Longeteau betreibt die älteste Rumdestillerie auf Guadeloupe. Das Anwesen am Fuße des Vulkans La Soufrière hatten die Longeteaus 1895 von einem hoch verschuldeten Marquis gekauft. Longeteau, Rumexperte der fünften Generation, muss also wissen, was dieses Getränk für die französischen Antillen bedeutet.

Erst einmal verweist der hagere Fünfzigjährige darauf, dass der Inselrum aus reinem Zuckerrohrsaft und nicht wie überall sonst auf der Welt aus dem Abfallprodukt Melasse gewonnen werde. Aber da ist noch mehr: „Rum gehört zu unserer Kultur“, sagt er im Brustton der Überzeugung. Seine Großmutter sei dank Teepunsch 102 Jahre alt geworden. Der Alkohol werde genauso zum Waschen wie zum Kochen oder auch als Medizin verwendet. Und auch er selbst benetze seine Kehle gern mit Hochprozentigem, wenn sich eine Erkältung ankündige - von außen wie von innen.

Ein Anwesen weiter baut Babin Laurent auf der Plantation Grand Café auf bestem Vulkangrund Bananen an. Der knapp Dreißigjährige weiß genau, dass die karibische Produktion niemals mit der Massenware aus Südamerika mithalten kann. „Wir sind nur ein kleiner Punkt im Karibischen Meer“, sagt er. Und trotzdem schwärmt er mindestens so sehr von seinen Bananen wie Nachbar Longeteau vom Rum.

Schwärmerei stellt sich spätestens dann auch bei jedem Inselgast ein, der im Restaurant Karacoli am Traumstrand Grande Anse im Nordwesten Guadeloupes sitzt. Hier kocht Küchenchef Robert Salcede kreolisch mit französischem Einschlag - Fisch und Krustentiere mit Süßkartoffeln und Kochbananen. Spezialität: Langusteneintopf mit Meeresschnecke, Lambi genannt. Unter sanft wippenden Palmen fühlt man sich wie Gott auf einem Außenposten Frankreichs.

INFOS:

Anreise

Air France fliegt über Paris nach Guadeloupe und Martinique. Zumeist mit Flughafenwechsel in Paris. Fährverbindungen zwischen den Inseln: Express-des-Iles, c/o Tropical Consult, Tel. (0711) 5053531, Preise ab 74 Euro.

Beste Reisezeit

Die Temperaturen liegen ganzjährig zwischen 25 und 30 Grad, die Karibik kennt keine Jahreszeiten – allerdings Hurricanes, zumeist zwischen August und Oktober.

Veranstalter

Zahlreiche Veranstalter haben die Karibik-Inseln im Programm – FTI zum Beispiel bietet eine 15-tägige Inselkombination Martinique – Dominica – Guadeloup inklusive Hotel, Mietwagen, Fährüberfahrten sowie Flug ab 2655 Euro an. www.fti.de (oder im Reisebüro)

Literaturtipp

Iwanowski‘s hat die informativen Reiseführer „Guadeloupe und seine Inseln“ (16,95 Euro) sowie „Karibik. Kleine Antillen“ (22,95 Euro).

Weitere Informationen

Fremdenverkehrsbüro von Guadeloupe: Postfach 140212, 70072 Stuttgart, Tel. (0711) 5053511 www.guadeloupe-inseln.com