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Reisereporter Hummer auf Nova Scotia zu adoptieren
Reisereporter Hummer auf Nova Scotia zu adoptieren
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14:30 11.08.2012
Von Stefan Stosch
Der Hummerfang auf Nova Scotia ist harte Arbeit. Quelle: Privat
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Halifax

Alles so schön bunt hier: Einige Hundert Bojen hat Wayne schon grellorange gestrichen, ein paar Dutzend fehlen immer noch. Gern macht er zwischendurch ein Päuschen auf seinem Holzsteg auf der winzigen Insel Long Island, die für ihre Whale-Watching-Touren gerühmt wird. Der Sommer am südlichsten Zipfel der kanadischen Provinz Nova Scotia ist noch nicht vorüber, und sowieso würde der Endfünfziger viel lieber zum Fischen mit seinem Bruder rausfahren. Sollen die verflixten Bojen ruhig noch ein wenig warten, die in der nächsten Fangsaison die Plätze markieren werden, an denen er seine knapp 400 Hummerkäfige ins Wasser lässt.

Inmitten der mannshoch aufgestapelten Drahtkäfige steht Wayne und plaudert: „Toll war die Saison nicht gerade.“ Vier bis fünf Dollar gab’s pro Pfund Hummer, in früheren Jahren war der Preis mehr als doppelt so hoch. Der Job sei hart, seine Tochter wolle jedenfalls nicht in seine Fußstapfen treten. Er werde seine Lobster-Lizenz wohl in naher Zukunft verkaufen, sozusagen zur Rentenaufbesserung: Rund 450.000 Kanadische Dollar kostet die begehrte staatliche Genehmigung.

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Bei Wind und Wetter fährt Wayne raus. An den ersten Saisontagen zähle jede Stunde, da krieche die Delikatesse in Massen (und zwar rückwärts) in die Fallen. Einige Tausend Pfund Hummer bringt ein Boot pro Fahrt an Land, bis zu 50 Tiere drängeln sich in einem einzigen Käfig. Gegen Saisonschluss müssen sich die Fischer auch schon mal mit ein paar Hundert Tieren insgesamt begnügen. Und Kosten und Risiken sind hoch: der Sprit, die Reparaturen, die Wetterkapriolen auf dem Atlantik...

Die Fischerei in Nova Scotia ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, seit die großen Trawler die Küsten leer gefischt haben. Der Hummerfang dagegen floriert. Jedenfalls noch: Auch hier sinken die Fangmengen über die Jahre stetig. Die Schutzbestimmungen immerhin sind inzwischen streng. Trächtige Weibchen und zu kleine Tiere müssen die Fischer sofort wieder über Bord befördern.

„Ein paar Dollar kann man immer noch verdienen“, sagt der Mittzwanziger Troy und grinst verschwörerisch. Er steht einen Holzsteg weiter auf Long Island. Die Hummer-Lizenz führt Troy bereits in dritter Familiengeneration. Als sein Großvater noch aufs Meer fuhr, galt Lobster als Armeleuteessen in Nova Scotia. Schüler trugen Hummerfleisch als ungeliebtes Pausenbrot im Tornister, und die Schalentiere endeten als Dünger im Gemüsebeet.

Für Nachschub an frischem Hummer ist gesorgt: Die Fangsaison wird an den einzelnen Küstenabschnitten Nova Scotias zeitlich gestaffelt. Zudem ist die gesamte Provinz mit sogenannten Lobster-Pounds überzogen - mit Umschlagplätzen, wo die lebenden Schalentiere in frischem Ozeanwasser zwischengelagert werden.

„Bis nach Südkorea werden die Hummer von hier aus geliefert“, sagt Angela, Chefköchin im „Lobster-Pound“ in Hall’s Harbour. „Die Asiaten mögen besonders die großen, mehrpfündigen Tiere.“ In dem Örtchen an der Fundy-Küste, die für ihren bis zu zwölf Meter großen Tidenhub bekannt ist, stehen kaum mehr als ein paar blau getünchte Hütten und Container. Fischerboote sind an Holzstegen vertäut. Bis zu 60000 Pfund lebende Hummer können in Hall’s Harbour vorgehalten werden.

Besser und günstiger als in den Lobster-Pounds lässt sich kaum irgendwo Hummer in Nova Scotia genießen. In Hall’s Harbour gibt man die Bestellung direkt im Souvenirshop auf, wo die Hummer im Aquarium paddeln. Dann trägt man seine Wahl - lebend in einer Plastikschale - rüber in die angeschlossene Küche. Knapp 20 Minuten später kommt der Hummer, nun in der typisch orangen Farbe, auf dem Teller zurück. Kosten: 15 bis 20 Kanadische Dollar, umgerechnet zwölf bis 16 Euro.

Für den Lobster-Laien stellt sich dann eine entscheidende Frage: Wie isst man das Tier? In guten Restaurants wie im „Five Fishermen“ in der Provinzhauptstadt Halifax werden die Schalen angeknackt serviert, damit Anfänger ihr Dinner beim Fuhrwerken mit der Zange nicht durchs Lokal katapultieren. Der deutsche Küchenchef Konrad Haumering im „Mariner King Inn“ in Lunenburg an der Südküste serviert als Abendmenü gern eine Trilogie aus Heilbutt, Jakobsmuscheln und Hummer - der Gast kommt so in den Genuss von gleich drei Atlantik-Köstlichkeiten und muss nicht groß mit den Schalen kämpfen.

Im „Settler’s Salt Water Café“ in Pictou an der Northumberland-Küste denkt man pragmatisch: Eine Gebrauchsanweisung wird mitgeliefert, in der empfohlen wird, sich auch an den Hummerkörper zu wagen, um an die letzten Fleischstücke zu gelangen.

Einheimische Hummeresser brauchen nur ein paar Handgriffe, um der Delikatesse zu Leibe zu rücken. In Nova Scotia ist es auch erlaubt, am Hummerbein zu lutschen, wenn man mit Gabeln und Minilanzen nicht zurande kommt. Gästen, die die kanadische Provinz nicht ohne die Köstlichkeit verlassen wollen, wird am Flughafen in Halifax geholfen: Die Schalentiere werden - auf Wunsch sogar lebend - fürs Handgepäck verpackt.

Wer bei dem rigiden Umgang mit dem Meeresbewohner ein schlechtes Gewissen bekommt, dem sei ein Besuch in Pictou, knapp zwei Autostunden von Halifax entfernt, empfohlen. Auf einem Bootsschuppen an der Waterfront prangt dort ein Schild mit der Aufforderung „Adopt a Lobster“. Das ist wörtlich zu verstehen: Man kann in Pictou Babyhummer adoptieren und in die Freiheit entlassen.

In Zusammenarbeit mit den lokalen Fischern hat das Fischereimuseum das Projekt ins Leben gerufen. Trächtige Hummerweibchen werden vorübergehend mit staatlicher Genehmigung im Bootshaus einquartiert, ihr aus den Eiern geschlüpfter Nachwuchs in Plastiktanks mit Shrimpsnahrung gepäppelt. Wissenschaftliche Grundlagenforschung war nötig, um das Überleben des empfindsamen Nachwuchses zu sichern, die Arbeit der Aufzuchtstation wird wissenschaftlich begleitet.

Wenn die Babylobster etwa zwölf Millimeter groß sind, kann man sie für ein paar Dollar adoptieren, zum Steg tragen, in einer Art Toilettenspülung ins Meer schwemmen - und bekommt ein tolles Zertifikat als Hummerpate. Den wichtigeren Teil der Arbeit erledigen allerdings die Fischer: Einige Hunderttausend Babylobster haben sie in den vergangenen Jahren zurück in die Fanggründe gebracht. In sechs oder sieben Jahren sollen die Winzlinge groß sein - und dann in die Käfige der Fischer kriechen. Rückwärts natürlich.

Bernd Haase 04.08.2012
Stefan Stosch 04.08.2012