Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Reisereporter Im Bann des Großglockners
Reisereporter Im Bann des Großglockners
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:25 19.05.2011
Alpenromantik: Picknick in schönster Natur. Quelle: Burmeister
Anzeige

Kann Wandern süchtig machen? Oh, ja! Zumal, wenn die „Droge“ so verführerisch, so übermächtig, so mystisch und atemberaubend wie der Großglockner ist. Den mit 3798 Metern höchsten Gipfel der Alpenrepublik Österreich zu umwandern oder gar zu besteigen – das ist für immer mehr Urlauber zum Traumziel geworden.

Eingebettet im Nationalpark Hohe Tauern bildet er mit mehr als 260 weiteren Dreitausendern eine wahrhaft majestätische Kulisse, in der er selbst der König und der Großvenediger (3662 Meter) seine Königin ist. In diesem Alpenreich, einem der letzten wirklichen Wildnisgebiete in Mitteleuropa, vereint sich raue Schönheit, tosende Urgewalt und bergbäuerliche Almwirtschaft zu einer Kulturlandschaft, die ihresgleichen sucht.

Anzeige

Malerisch schön wie in einer künstlichen Disney-Welt räkelt sich zu Füßen des stets weiß angezuckerten Großglockners das Dorf Heiligenblut – ein Postkartenmotiv, das ganz sicher millionenfach auf Fotopapier verewigt wurde. Das Örtchen an der Südrampe der legendären Glockner-Panoramastraße ist die ideale Ausgangsbasis, um in den Nationalpark der Dreitausender hineinzuschnuppern und die Beine für die kommenden Höhenwanderungen in Form zu bekommen.

Obwohl schon der französische Humanist und Schriftsteller Georges Duhamel wusste, dass man die „Landschaft mit den Schuhsohlen und nicht mit den Autoreifen erobert“, wissen Wanderer die Bequemlichkeit der österreichischen Postbusse zu schätzen. Zumal, wenn es auf die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe (2369 Meter) geht. Just dahin, wo schon Sissi und ihr Franzl 1856 die überwältigende Aussicht auf den Glockner und die Pasterze, den größten Gletscher der Ostalpen, genossen. Auch wenn sie seit den seligen K.-u.-k.-Zeiten schon ein Drittel ihrer Mächtigkeit verlor, ist die Pasterze mit neun Kilometern Länge auch heute noch ein überaus imposanter Eisstrom, ein übrig gebliebenes Fossil der Eiszeit.

Hoch über dieser grandiosen Gletscherwelt und immer wieder durch Tunnel hindurch, in denen die sagenhafte Bergwelt der Region veranschaulicht wird, schlängelt sich der Gamsgrubenweg bis zum Fuß des Johannisbergs (3453 Meter), an dem sich die eisige Pasterze tief ins Tal ergießt. Ein anderer traumhafter Wanderpfad, der den Klimawandel vor Augen führt, windet sich steil von der Franz-Josefs-Höhe hinab, entlang der mächtigen Gletscherzunge, die das Wasser für den jungen Möllfluss freigibt.

Doch viel Zeit zum Austoben hat er nicht, denn erst bremst ihn der flache Sandersee aus, bevor ihn der smaragdgrüne Margaritzen-Stausee vollends einfängt.

Die Glockner-Wanderer zieht es indes weiter. Kein noch so schönes Seeufer kann sie aufhalten. Jetzt nach der Einlauftour soll es hoch hinausgehen, dorthin, wo sich einst nur die „Kraxenträger“ hintrauten, die ihre auf dem Rücken geschnallte Ware mühsam über die Alpenkämme schleppten. Zu den eindrucksvollsten dieser historischen Routen gehört die Ausdauer und Trittsicherheit verlangende Passage vorbei an der Rudolfshütte über die Kalser Tauern bis zur Gemeinde Kals.

Schon kurz hinter der Raststation tauchen die ersten Schneefelder auf, die hier auf rund 2500 Metern selbst im Sommer nicht weichen wollen. Es wird steiler. Die Gespräche verstummen – trotz des Panoramablicks auf die so nahen Gipfel der Glockner- und Granatspitz-Gruppe. Jetzt muss jeder Fußtritt sitzen. Die Luft ist kühl, das Geröll auf dem Weg teilweise vereist.

Dann ist es endlich erreicht, das große Kruzifix auf dem Kalser Tauern (2515 Meter), das zugleich die Grenze zwischen den Bundesländern Salzburg und Osttirol markiert. Von hier an geht es steil bergab, teilweise an mit Stahlseilen gesicherten Hängen. Doch schon bald grüßt in der Ferne der Dorfer See, der durch einen mächtigen Felssturz entstanden ist. Von da an endet die unwirtliche Hochregion. Das Tal weitet sich. Die Sonne gewinnt an Kraft. Enzian, Alpenanemone und Vergissmeinnicht recken sich am Wegesrand empor. Murmeltiere flitzen über die Grasmatten.

Mit etwas Glück sieht man Gämsen und Steinböcke. Der Nationalpark – er ist eine Art Arche Noah für zahlreiche Pflanzen und Tiere. Taleinwärts tauchen die ersten Almhütten auf. Kühe blicken sich neugierig nach den Wanderern um. Vorbei an knorrigen Lärchen und Zirbelkiefern geht es bequem bergab.

Die Schritte werden leichter, zumal das Kalser Tauernhaus verdiente Rast und echte Tiroler Schmankerln wie Spinatknödel oder Kaiserschmarrn verspricht. Der Alltag scheint Lichtjahre entfernt, das Glück perfekt. Doch das erste Grau am Himmel mahnt zur Eile. Die Wolken machen Beine. Und auch das wildromantische Dorfer Tal zeigt mit einer spektakulären Klamm – eine vom Dorferbach durchtoste, tief in den Fels geschnittene Schlucht – noch einmal seine schroffe Seite.

Endlich, nach gut vier Stunden Gehzeit, ist das Ziel erreicht – der „Taurerwirt“ in Kals, wo Familie Rogl für Leib und Seele ihrer Gäste sorgt. Und alle spüren es: Die Berge haben süchtig gemacht.

Jens Burmeister

Reisereporter Metropolen mit Meeranschluss - Abtauchen in der Stadt
07.05.2011