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Reisereporter In St. Moritz vergnügen sich Wintersportfreunde und Jetset
Reisereporter In St. Moritz vergnügen sich Wintersportfreunde und Jetset
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10:00 04.12.2010
Auf dem Piz Palü: Abseits des Rummels ist St. Moritz für viele Wintersportfans ein beliebtes Skigebiet. Quelle: swiss-image.ch/Boesch/dpa/tmn
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Teure Sportwagen, Kaviar- und Champagnergelage in Luxushotels, reiche Herren mit schönen Damen, und sogar die Skilehrerinnen fahren in Prada-Jacken. Im Winter erfüllt St. Moritz als Bühne der Eitelkeiten alle Klischees einer internationalen Jetset-Hochburg. Dann bezeichnet sich der Schweizer Nobelskiort selbst als „Top of the World“, als Spitze der Welt. Das kann man überheblich finden oder aber zutreffend: Denn unabhängig von dem Schaulaufen der High Society ist der Ort im Oberengadin für viele tatsächlich das schönste Wintersportgebiet der Welt.

Mächtige Bergmassive fassen das 57 Kilometer lange Hochtal auf der Südseite der Graubündner Alpen ein. Diese Kombination von Weite und spektakulären Gipfeln wie dem 4049 Meter hohen Piz Bernina sind so außergewöhnlich wie das trocken-kalte, aber sonnige Klima. Italien ist nur einen Katzensprung entfernt. Das beschert dem auf 1800 Metern Höhe gelegenen Kurbad durchschnittlich 322 Sonnentage im Jahr.

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Zum Glück, denn die Pisten auf den beiden rund 3000 Meter hohen Hausbergen Corviglia und Corvatsch liegen fast alle oberhalb der Baumgrenze. Schlechtes Wetter bedeutet Blindflug. Und der macht keine Freude, auch nicht auf den mit Schweizer Präzision präparierten und von modernsten Liften erschlossenen Pisten. Voll sind diese selten. „Nur 40 Prozent der Gäste in der Hauptsaison gehen überhaupt zum Skilaufen“, erzählt Skilehrerin Susi Wiprächtiger.

So hat man auf den enorm breiten Abfahrten auf der Corviglia viel Platz und Muße – vor allem auf der neuen „Chill-out“-Piste. Hier kann man besonders lässig dahingleiten und sich zwischendurch mal auf einer der Sesselliftbänke ausruhen und das Panorama bewundern: Der Blick schweift über die Villen der Guccis, Agnellis und Heinekens hinüber zum schiefen Kirchturm von St. Moritz und zum St. Moritzer See, auf dem das Pferderennen „White Turf“ und das Winterpolo ausgetragen werden.

Die Corviglia ist der Genießerberg von St. Moritz, hier tummelt sich auch der Jetset, der für ein Gläschen „Delamain Le Voyage Cognac“ in einem der Luxushotels bis zu 3200 Euro zahlt. Die finanzkräftigen Gäste sind vor allem bei Reto Mathis zu finden, der in der Bergstation der Gondelbahn auf 2468 Metern das höchstgelegene Feinschmeckerrestaurant Europas betreibt.

„Wir sind schon bekannt für unsere Trüffel- und Kaviarspezialitäten, haben aber auch innovative und ganz bodenständige Dinge auf der Karte“, erzählt der charismatische Mathis. Vor seiner Sonnenterrasse, auf der gerade Champagner nachgeschenkt wird, blitzen Edelski in der Sonne.

Auf dem Corvatsch-Gletscher gegenüber sind solche Modelle seltener. Ihre sportlichen Besitzer gleiten über Tiefschneehänge und Steilpisten. Verglichen mit der eher sanften Corviglia ist der 3451 Meter hohe Corvatsch der anspruchsvollere und spektakulärere Berg. Auch der Blick in den „Festsaal der Alpen“ ist atemberaubend: Piz Bernina, Piz Palü, Monte Rosa und Matterhorn.

Ebenso beeindruckend ist die vier Kilometer lange Hahnenseeabfahrt. Sie endet gleich hinter dem Kempinski Grand Hotel des Bains neben der Mauritius-Quelle, nach der St. Moritz benannt ist. In dem Luxushotel kocht der Deutsche Mattias Roock. Der jüngste in der Riege der Engadiner Starköche hat für seine drei Feinschmeckerrestaurants insgesamt 43 Gault-Millau-Punkte eingeheimst. Mit seinen Alpentapas, vielen kleinen Portionen von Bioprodukten aus der Region, trumpft er in der „Enoteca“ im Grand Hotel auf.

Unverfälscht engadinisch wird im „Dorta“ gekocht. Auf der Speisenkarte stehen Capuns Sursilvans, gefüllte Mangoldblätter, und Maluns, geriebene Kartoffeln mit Bergkäse. Das Restaurant befindet sich in einem der ältesten Bauernhäuser der Region. Nur knapp 20 Kilometer von Mattias Roocks Restaurant entfernt, fühlt man sich in der urigen Arvenstube ins Mittelalter zurückversetzt, als das Engadin noch bitterarm war. Hier wird auch die rätoromanische Kultur und Sprache viel stärker gepflegt als in St. Moritz.

Zuoz ist eines der Dörfer, die man am schönsten über die Loipen durch das sanft gewellte Oberengadin erreicht. Über 200 Kilometer ziehen sie sich durch eines der schönsten Langlaufgebiete der Welt. Erschöpfte Langläufer steigen einfach am nächsten Bahnhof in die Rhätische Bahn. Sie bedient mit ihrem zum Unesco-Weltkulturerbe ernannten Bernina-Express die mit 55 Tunneln und 196 Brücken spektakulärste Eisenbahnstrecke Europas.

Die roten Züge fahren durch die Dörfer, Wälder, Wiesen und Schluchten des Engadin. Bereits 1903 eröffnete die Rhätische Bahn die Albula-Strecke bis St. Moritz und gab dem jungen Wintertourismus damit einen enormen Schub. Der Hotelier Johannes Badrutt hatte ihn 1864 „erfunden“. Damals wettete er mit seinen englischen Sommergästen, dass es im Winter in St. Moritz noch viel schöner sei. Sollten sie nicht zufrieden sein, erstatte er ihnen die Reisekosten. Noch skeptisch, reisten die Engländer zu Weihnachten an. Sie blieben bis Ostern und berichteten in der Heimat vom Engadiner Wintermärchen. Danach gab es kein Halten mehr: Winter für Winter kamen mehr reiche Briten.

Bis heute halten die Gäste von der Insel dem Engadin die Treue. Da wundert es nicht, dass ausgerechnet der St. Moritzer Claudio Bernasconi im Keller seines Waldhauses am See die größte Whiskysammlung der Welt hütet. 2500 verschiedene Sorten schenkt er in seiner legendären Bar aus.

Die Briten brachten vielen St. Moritzern Wohlstand – und neue Ideen. So entstand in St. Moritz nicht nur die erste Bobbahn der Welt, sondern auch der erste Skilift und die erste Skischule der Schweiz. Hier gab es das erste Wintersportrennen der Alpen und das erste Pferderennen auf Schnee. Und gleich zweimal traf sich die sportliche Jugend der Welt zu Olympischen Winterspielen in St. Moritz. Die Schönen und Reichen der Welt kommen jeden Winter.

Bernhard Krieger