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Reisereporter Kino auf dem Pferderücken
Reisereporter Kino auf dem Pferderücken
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10:49 14.10.2013
Von Philipp Lackner
Der Red Rock Canyon im Waterton-Lakes-Nationalpark ist eine beliebte Wanderstrecke. Quelle: www.iStockphoto.com/urbanraven
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Kananaskis Country

Sie sind mit dem Rad gekommen. Unai Iriondo und Oriol Majós Alonso haben gekämpft, gegen Regen und Matsch, gegen die kilometerlang ansteigende Schotterpiste, bis sie endlich da waren. Erster Stopp „Mount Engadine Lodge“, Kananaskis Country, Bundesstaat Alberta, Kanada, mitten im Nirgendwo. Gut eineinhalb Stunden beträgt die Fahrzeit von Canmore, dem nächstgelegenen Ort, wo wegen der grandiosen Kulisse „Brokeback Mountain“ gedreht wurde.

Eineinhalb Stunden also. Mit dem Auto. Die beiden Spanier haben länger gebraucht. Und sich lieber abgemüht. Sie wollten etwas anderes machen, einen Monat aussteigen, mountainbiken. Von Calgary nach Denver, mitsamt Gepäck, quer durch die Wildnis. „Ein Traum, den wir uns endlich erfüllen“, sagt Iriondo, ein Physiotherapeut aus San Sebastián im Baskenland. Normalerweise möchte er mit seinem Kumpel campen, aber zumindest in der ersten Nacht soll es noch ein ordentliches Bett sein, in dem sie schlafen. „Also hey, warum nicht diese Lodge?“

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Obwohl die beiden eher zufällig auf die Herberge gestoßen sind, sind Leute ihres Schlages dort keine Seltenheit: Es sind Individualurlauber, Ruhesuchende, Tages- oder Wochen-Aussteiger, die vorbeikommen und relaxen. Neun saubere, kuschelige Zimmer gibt es hier, drei große Tische im Essbereich, an denen die Gäste gemeinsam Frühstück mit kräftigem Kaffee und Dinner bei kanadischem Wein und lokalem Bier genießen. Wo sie quatschen, es sich beim Kaminfeuer gut gehen lassen. Und dann wäre da noch dieser herrlich ungestörte Blick auf das Flüsschen namens Smuts Creek, das sich beschaulich durch die Postkartenlandschaft der kanadischen Rocky Mountains schlängelt. Fast schon unwirklich liegt eine Stille über dem Land, die nur manchmal vom Röhren der Elche unterbrochen wird, die sich vor der Lodge gerne im Moor suhlen.

Einfachheit statt Luxus

Wer hier Luxus sucht, liegt falsch. Es gibt keine Whirlpools, keine Flatscreens im Zimmer, nicht mal ein Handynetz. Zu Chris Williams kommen genau jene Leute, die genau das wollen und einfach nur abschalten möchten. „Wir sind fast immer ausgebucht“, sagt er und setzt ein schelmisches Grinsen auf. Man spürt, er ist stolz darauf, dass man auch mit reduziertem Angebot, mit einer Anleitung zum Runterkommen Gäste in die Abgeschiedenheit holen kann. Er selbst ist der Großstadtwelt entflohen. Als Fluglotse in Toronto war er übergewichtig und Burn-out-gefährdet. Seine Frau Shari-Lynn hatte die Schnauze ebenso gestrichen voll von einem Leben als Buchhalterin in grauen Bürogebäuden. „Hier kann man den Kopf frei kriegen“, sagt Williams. Und: „Ich mag es, im Sommer wandern zu gehen und im Winter auf Schneeschuhen zu laufen. Oder einfach nur nachts die Sterne an der frischen Luft zu bewundern.“ Statt der Fernsehgeräte hat der Lodge-Betreiber Ferngläser für seine Gäste parat. Denn abgesehen von den Elchen lassen sich rund um die einsame Herberge auch schon mal Pumas, Bären oder Rotwildfamilien blicken. Die Natur macht hier ihr eigenes Programm.

Unendliche Weiten

Es ist tatsächlich erstaunlich, welche Distanzen sich in Kanada auftun. Und welche Naturschauspiele. Etliche Kilometer führt der Highway 40, der „Kananaskis Trail“, mitten durchs Gebirge. Direkt am über 2.000 Meter hohen „Highwood-Pass“ spaziert ein Rudel frei lebender Dickhornschafe über die Fahrbahn, große Angst vor den überdimensionalen nordamerikanischen SUVs und Pick-ups scheinen sie nicht zu haben. Aber auch die Fahrer haben sich an die Tiere gewöhnt, sie fahren hier bewusst langsam. Die Schafe bleiben für ein Foto, dann verschwinden sie wieder im Dickicht der Wildnis.

Es sind gut 250 Kilometer Luftlinie von hier bis zum Waterton-Lakes-Nationalpark. Auf dem Weg sieht man ein paar Farmen, ein paar Kühe, kaum eine Menschenseele. Und es sind auch nicht viele, die in Waterton leben, hier, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Im Winter sind es knapp 30, im Sommer werden es 1000. Das Dorf lebt vom sanften Tourismus. Eine, die schon seit Jahrzehnten im Idyll des Parks ihr Geld verdient, ist Deb Watson. „Alpine Stables“ nennt sich ihre Ranch, an die fünfzig Pferde hält sie im Stall, mit denen sie „Horseback- Riding“ anbietet. Reitausflüge quer durch das Biosphärenreservat. Die dauern eine Stunde oder länger, wer will, kann auch einen Pack-Trip mit Übernachtung im Freien und Lagerfeuer buchen. Watsons Familie hatte die Ranch schon früher einmal besessen, dann aber verkauft. „Und dann“, sagt die resolute Dame im karierten Flanellhemd und in ausgewaschenen Jeans knapp, „hab’ ich sie einfach zurückgekauft.“ Wer mit ihr auf Tour geht, merkt, warum sie sich dazu entschieden hat.

Hat man auf den sanftmütigen Pferden die erste Anhöhe erklommen, schweift der Blick über die steilen Bergriesen an den Ufern der drei Waterton Lakes – und hinüber zu den schier endlosen Weiten der kanadischen Prärie. Wieder mal Naturkino für die Augen. Gemeinsam mit dem US-amerikanischen Glacier-Nationalpark bildet die Region den grenzübergreifenden Waterton-Glacier International Peace Park. Seit 1995 ist er Unesco-Weltnaturerbe. Hier hat sich noch eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt gehalten. Zurück im Sattel. Deb Watson berührt mit ihrem ausgestreckten Zeigefinger den Mund: Ruhig sein heißt es jetzt – und nicht den Schwarzbären stören, der sich da im Gebüsch genüsslich an den Blaubeeren labt. Später, zurück in der Ranch, sagt sie: „Hier sehen die Leute eben noch etwas, was sie noch nie vorher erlebt haben.“

Einblicke in die indianische Kultur

Bei Fort Macleod sind die Berge in Graslandschaften übergegangen. Nur noch schemenhaft sind die Gipfel der Rockies am Horizont zu sehen, eine gewaltige Steppe zieht sich von hier Tausende Kilometer gen Osten. Strammer Wind fegt über die Ebene. Und über den „Head Smashed in Buffalo Jump“, jenen Felsvorsprung, über den die Ureinwohner schon vor mehr als 6.000 Jahren die Büffel in ihren Tod haben springen lassen – um selbst zu überleben. Heute ist diese Form der Nahrungsbeschaffung natürlich Geschichte. Aber genau darauf fokussiert sich das Museum, das dort seit 1986 Einblicke in die indianische Kultur und Lebensweise gewährt und den Jump als Unesco-Weltkulturerbe würdigt. Edwin Smallegs begrüßt die Besucher in der Sprache seines Volkes, der Blackfoot. Der „First Nation“, wie man Mitglieder indigener Völker in Kanada nennt, ist einer der Guides im Museum. Ein Mann mittleren Alters mit sonnengegerbtem Gesicht. „Das hier ist ein bedeutender Platz“, sagt er dröhnend und nimmt Besucher auf einen Rundgang durchs Museum mit.

Dabei erzählt er auch vom Niedergang der Indianer in Kanada. Von tödlichen Krankheiten, die die Europäer eingeschleppt hatten. Von Zwangschristianisierung. Von Diskriminierung. Von gegenwärtigen Problemen wie Alkohol und 80-prozentiger Arbeitslosigkeit in den Reservaten. Kurzum: Davon, wie weit sich die Ureinwohner von ihrer eigenen Kultur entfernt haben – und jetzt voll und ganz „westlich“ leben. Was sicherlich auch nicht nur schlechte Seiten haben mag: „Jetzt denken Sie bloß nicht, ich würde vielleicht zu Hause nicht meinen 72-Inch-Flachbildschirm einschalten und eine Partie Baseball gucken. Manche Dinge nimmt man halt an“, sagt er schmunzelnd, aber dennoch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, die erahnen lässt: Diesem Mann geht es nicht nur um Unterhaltung. Er will die Tradition seines Volkes wieder aufleben lassen. Deswegen arbeitet er viel mit Schulklassen und leistet Überzeugungsarbeit bei seinen Leuten. „Wir versuchen, unsere Nachkommen von dieser Art des Lifestyles wegzubekommen, sie unsere alten Weisheiten zu lehren. So wollen wir ihnen wieder eine Identität geben.“

Hin und weg

  • Anreise: Die kanadische Fluggesellschaft Air Transat fliegt zweimal die Woche mit vergleichsweise günstigen Konditionen von Frankfurt am Main in die ehemalige Olympiastadt Calgary. Das Unternehmen bietet in Deutschland auch Rail-und Fly-Möglichkeiten an. Von Calgary kann man einem stündlichen Shuttle-Service nach Canmore gelangen. Die Fahrtzeit beträgt etwa eine Stunde und 20 Minuten. Für den Shuttle-Service zahlt man für Hin- und Rückfahrt rund 83 Euro.
  • Unterkunft: Kananaskis Country: Mount Engadine Lodge, Doppelzimmer ab 330 Euro pro Person pro Nacht inklusive Verpflegung (www.mountengadine.com). Delta Lodge, Doppelzimmer ab 140 Euro pro Nacht (www.deltahotels.com). Waterton-Lakes-Nationalpark: Bayshore-Inn, Doppelzimmer ab 96 Euro (www.bayshoreinn.com).
  • Aktivitäten: Ein eintägiger Rock-Climbing-Kurs kostet bei Yamnuska Mountain Adventures in Canmore inklusive Leihgebühr für die Ausrüstung 236 Euro pro Person. Das Unternehmen Alpine Helicopters, ebenfalls in Canmore, bietet 30-minütige-Rundflüge zum Mount Assiniboine und zurück für 200 Euro an. Ein einstündiger Reitausflug durch den Waterton Nationalpark bei Alpine Stables kostet 28 Euro (www.banfftours.com)
  • Weitere Informationen: Reisende erhalten deutschsprachiges Informationsmaterial über Alberta unter Telefon (01805) 52 62 32 (14 Cent pro Minute aus dem deutschen Festnetz, 49 Cent bis 1,70 Euro pro Minute aus den deutschen Mobilfunknetzen). E-Mail: info@infokanada.de. Weitere Infos auch unter: www.travel-alberta.com
09.10.2013
Heinrich Thies 30.09.2013
Stefan Stosch 23.09.2013