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Reisereporter Klettern in der Region Hochkönig
Reisereporter Klettern in der Region Hochkönig
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17:15 08.10.2012
Der Klettersteig Königsjodler ist der schwierigste am Hochkönig.
Der Klettersteig Königsjodler ist der schwierigste am Hochkönig. Quelle: iStockphoto/Fotolia.com
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Maria Alm

Der freie Fall aus 15 Metern Höhe lässt das Adrenalin in den Adern rauschen. „Lass es krachen. Drei, zwei, eins - los!“, rufen dann die Mutigen. Bergführer Gerry von der Alpin & Skischule Maria Alm animiert seine Schützlinge zur letzten Mutprobe des Tages. Nur an einem Karabinerhaken durch eine Spezialkonstruktion befestigt geht es bei Freifallgeschwindigkeit direkt in die Tiefe. Erst in letzter Sekunde und kurz vor dem erwarteten Aufprall wird das Seil automatisch abgebremst. An dieser Stelle schreien dann alle. Langsam und weich erfolgt die Landung auf dem Waldboden. Nach dem magenaufwühlenden Gefühl des Fallens wird die Erlösung umso mehr genossen. Die Station des Base Jump, der wie die bis zu 120 Meter langen Seilrutschen zu den Höhepunkten gehören, läutet das Finale im Waldseilgarten Natrun in Maria Alm ein.

Dieser Treffpunkt für alle Hochseilgärtenfans in der Region Hochkönig bietet gleich mehrere Parcours mit unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen für Kletterer ab acht Jahren. Jüngere ab zwei Jahren dürfen kostenlos den Schlawutzel-Kinderbaumweg gehen. Der „Easy Parcours“ befindet sich auf einer Höhe zwischen fünf und sechs Metern. Anspruchsvoller und mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad sind der „Adrenalin Parcours“ und der „Panorama Parcours“ gestaltet.

Was auf den ersten Blick wie ein großer Abenteuerspielplatz oder ein artistischer Übungsplatz aussieht, beinhaltet eine Vielzahl von Lern- und Erfahrungssituationen, wie Kommunikationsfähigkeit, den Umgang mit den eigenen Grenzen oder Teamfähigkeit. Zum Aufwärmen gibt es Bodenübungen, danach wird das richtige Umsetzen der Karabinerhaken geprobt. Die speziell ausgebildeten Bergführer weisen in die Handhabung der Sicherungsgeräte ein, denn die ist lebenswichtig.

Nach dem Übungsparcours kommt der Höhenrundgang. Über eine Leiter geht es auf die erste Holzplattform. Von nun an gilt es, sich über Balken- und Seilkonstruktionen fortzubewegen. Jedes Hindernis, jede Brücke, jede Traverse fordert Mut und Konzentration. „Du kannst das, es ist ganz einfach. Gehe einfach nur nach vorn. Es kann nichts passieren“, ermutigt Trainer Gerry die Kletterer immer wieder zum Überwinden der einzelnen Stationen.

Wie Tarzan im Urwald gleiten die Höhenmutigen von Baum zu Baum. Gegenseitig geben sie sich Tipps, wie viel Schwung etwa für das Erreichen des nächsten Baumes nötig ist, oder wie man am besten von der Plattform startet. Die Teilnehmer erleben nicht nur ihre persönliche Herausforderung, sondern erfahren, sich im Team in ungewohnter Umgebung zu organisieren und zurechtzufinden. Zusammen werden Schwierigkeiten bewältigt, Aufgaben gelöst und Grenzen überwunden. Am Ende bleiben der Stolz, eine neue Herausforderung gemeistert zu haben, und die Begeisterung über die eigene Leistung.

Kletterwillige erfahren in der Region Hochkönig nicht nur den nötigen Adrenalinkick im Hochseilgarten. Immer populärer wird das Klettern am Felsen. Es zählt inzwischen zu den Topspielarten alpiner Exkursionen. Kraxeln im Naturfelsen ist im neuen Alpinpark Dieten genauso gut möglich, wie im Übungsklettersteig oder das Abseilen aus zehn Metern Höhe von einer Staumauer. „Rundum ein ideales Areal, um sich auf das alpine Klettern vorzubereiten, denn in den vergangenen Jahren haben sich Klettersteige zu wichtigen Anziehungspunkten in den Alpen entwickelt. Klettersteige sind mit Eisenleitern, Eisenstiften, Klammern und Stahlseilen gesicherte Kletterwege am Fels. Sie ermöglichen unbeschreiblich schöne Abenteuer vor grandiosen Kulissen“, lauten die Verlockungen Gerrys. Bevor es zum 2307 Meter hoch gelegenen Grandlspitz mit seinem großartigen Ausblick auf die umliegende Bergwelt gehen kann, erfordert es allerdings noch etwas Übung an einigen der vielen Übungsklettersteige und in den Klettergärten.

Betreut von den geprüften Guides steht der Kletteranfänger auch hier schon nach den ersten Schritten vor einigen Herausforderungen. Während die rechte Hand einen der beiden Sicherungskarabinern löst, überschlagen sich die Gedanken im Kopf: „Bloß nicht abstürzen“, mahnt die innere Stimme. Die linke Hand klammert sich an einen der Eisenstifte, die etwa 20 Zentimeter aus dem Fels ragen. Die Füße suchen auf dem Stein Halt, sodass sich die Beine durchdrücken können. Mit einem Klicken schnappt der Karabiner zurück ins Stahlseil. Tief Luftholen und den zweiten Karabiner nachholen.

So geht es Meter für Meter langsam weiter. Schnell wird klar, dass der Gang auf dem Klettersteig kein Spazierweg ist. Er erfordert Körperbeherrschung und Kraft und kann schnell mal blaue Flecken hinterlassen. Spätestens am nächsten Tag ist dann deutlich zu spüren, wie viele bisher ungeahnte Muskeln der Körper hat. Ob Höchstleistung oder Naturgenuss: Was haften bleibt, ist ein unbeschreibliches Hochgefühl am Ziel.

Auch ein Klettergarten lockt mit immer neuen Adrenalinkicks. Den Blick auf die fast glatte, etwa 35 Meter hohe Felswand gerichtet, stellt sich das bekannte Kribbeln schnell wieder ein. Vorerst sinkt der Mut. „Diesen Programmpunkt lassen wir lieber aus. Das muss nicht sein. Dort gibt es gar keine Felsvorsprünge, von denen man sich abstützen kann“, lauten die Bedenken. Doch Gerry ignoriert alle Einwürfe. Wie eine Gemse ist er schon früh morgens in die Wand geklettert und hat die Seile durch die Haken gezogen. „So, jetzt seid ihr dran. Immer zwei Personen sichern, wenn einer klettert. Lasst es krachen“, spornt der erfahrene Einheimische seine Gruppe wieder einmal an. Das Herz schlägt schneller, während die linke Hand einen winzigen Felsvorsprung zum Hochziehen sucht. „Schau mal nach rechts. Siehst du die kleine Kante. Dort musst du deinen Fuß draufstellen, das Bein durchstrecken und dann mit der Hand nach oben greifen“, erklärt er geduldig mit seinem österreichischen Akzent.

Immer wieder spricht Gerry Mut zu. „Nur nicht nach unten blicken“, sind die permanenten Gedanken. Oben angekommen, wird der Blick in die Tiefe doch gewagt. Ganz klein wirkt der Rest der Mannschaft. Jetzt folgt der Part des Abseilens. Mit dem Vertrauen in die Sicherung entsteht beim fast schwerelosen Heruntergehen an der Wand ein befreiendes Gefühl. Ist doch ganz einfach.

Carola Faber

08.10.2012
Sonja Fröhlich 29.09.2012
Oliver Weiße 04.10.2012