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Reisereporter Kontinent der Sehnsüchte: Auf den Spuren Ernest Hemingways
Reisereporter Kontinent der Sehnsüchte: Auf den Spuren Ernest Hemingways
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13:50 24.02.2011
Bilderbuchpanorama: Szenen wie diese in Kenia dürften dazu beigetragen haben, dass Afrika für Hemingway zum Kontinent seiner Sehnsüchte wurde.
Szenen wie diese in Kenia dürften dazu beigetragen haben, dass Afrika für Hemingway zum Kontinent seiner Sehnsüchte wurde. Quelle: dpa/tmn
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Krächzendes Heulen und teuflisches Kichern – so klingen Hyänen, sie müssen direkt vor dem Zelt stehen. Aber dann geht das Geräusch in ein Lachen über. „Good morning“, sagt eine tiefe, freundliche Stimme. „Ihr Weckruf, der Tee steht bereit.“ Humor gehört im edlen Tortilis Camp am Fuße des Kilimandscharos ebenso zum Service wie der Sundowner. Es ist 6.30 Uhr, Zeit für die erste Pirschfahrt entlang uralten Elefantenpfaden im Amboseli-Nationalpark.

Wir haben Glück: Afrikas höchster Berg zeigt sich schon am ersten Morgen in seiner ganzen Pracht, kaum 30 Stunden nach dem Abflug in Europa. Ernest Hemingway musste darauf viel länger warten. Mehr als zwei Wochen brauchte der amerikanische Schriftsteller einst für die Überfahrt von Marseille nach Mombasa. Dann kamen eine Nachtfahrt mit dem Zug nach Nairobi und zwei Tage mit dem Auto – für eine Strecke, die heute leicht in fünf Stunden zu bewältigen ist.

Anschließend dauerte es noch Tage, bis die Wolken sich verzogen und den damals freilich noch massig mit Schnee bedeckten Gipfel für Hemingway freigaben. Nach Jahren der Erderwärmung trauert man dem Anblick des ehemals weißen Riesen beim Anschauen alter Postkarten nach. Oder bei der Erinnerung an den Filmklassiker „Schnee am Kilimandscharo“ von 1952 mit Gregory Peck, nach Hemingways wohl berühmtester Afrika-Story. „Hemingway-Romantik ist nach wie vor ein starkes Motiv, Ostafrika zu besuchen“, sagt Gabi Nowak. Mit ihrem Mann betreibt die Österreicherin in Nairobi ein Unternehmen für maßgeschneiderte Afrika-Reisen.

Beinahe 80 Jahre ist es her, dass Hemingway zum ersten Mal nach Afrika aufbrach. Im Osten des Kontinents verbrachte er 1933 sowie 1953/54 insgesamt zehn Monate. Aus dieser Zeit stammen zwei Bücher: „Die grünen Hügel Afrikas“ (1935) und „Die Wahrheit im Morgenlicht“ (posthum 1999). Mit „Schnee auf dem Kilimandscharo“ und „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“ (beide 1936) spielen auch zwei der besten Kurzgeschichten des Literaturnobelpreisträgers hier.

„Wir hatten Afrika noch nicht verlassen“, berichtete er später, „aber wenn ich nachts aufwachte, lag ich lauschend da, bereits voller Heimweh danach.“ Selbst das Erlebnis zweier Bruchlandungen innerhalb von 48 Stunden – von der zweiten trug er schwerste Verletzungen davon – hatte Hemingways Begeisterung für Afrika kaum gedämpft.

Schon als er sich mit 34 zu seiner Großwildsafari aufmachte, hatte der Mann Kultstatus. Schließlich belieferte er die Welt nicht nur mit Literatur, wie der „stern“ 1999 zu Hemingways 100. Geburtstag schrieb, sondern auch mit Stoff für Legenden über ein Leben, „in dem unentwegt Flaschen geleert, Fische geangelt, Frauen geliebt und Viecher aller Art geschossen wurden, kein Kriegsschauplatz ausgelassen und nun auch noch eine neue wunderbare Droge entdeckt wurde – Afrika“.

In Oloitokitok, einem Nest an der Grenze zu Tansania, müssen wir nicht lange suchen. Jeder kennt den alten Darshan Singh, der den „Bwana Ernest“ als Kind selbst erlebt hat. Darshans Großvater war, wie Tausende andere Inder, von den Briten für den Eisenbahnbau nach Ostafrika gebracht worden. Sein Vater betrieb einen Duka. „Das war der einzige Laden diesseits des Kilimandscharos, wo es Bier und Whisky gab“, erzählt Darshan. „Ernest kam öfter vorbei, er trank immer ein paar Tusker-Bier.“ Großzügig sei der Amerikaner gewesen, er habe den Männern ordentlich einen ausgegeben. „Der wusste warum“, sagt Darshan. „Schließlich ging er mit einem Mädchen von hier ins Bett.“

Viele halten Hemingways afrikanische Geliebte für frei erfunden. Für die Machophantasie eines alt gewordenen Frauenhelden. Debba heißt das Mädchen aus dem Volk der Kamba in Hemingways nachgelassenem Afrika-Roman, den sein Sohn Patrick herausbrachte. „Meine Freundin ist ohne jede Scham“, notierte der Autor. Mary, Hemingways vierte Frau, soll sich Augen und Ohren zugehalten haben, wenn Debba ins Zelt kam.

Wahrheit oder Fiktion? „In Afrika“, schrieb Hemingway, „ist etwas im Morgenlicht wahr und mittags eine Lüge, und man gibt nicht mehr darauf als auf den reizenden, von hohem Gras gesäumten See am anderen Ende der sonnenversengten Salzebene. Man hatte diese Ebene am Vormittag durchquert, und man weiß, es gibt dort keinen solchen See.“

„Es gab sie aber wirklich“, schwört der alte Darshan. „Sie hieß allerdings nicht Debba, sondern Mueni. Sie war verheiratet. Und Bwana Ernest gab ihrem Mann einen guten Job in seinem Safariteam.“ Als wir gehen, lässt sich neben dem Haus, in dem Hemingway einst Bier trank, eine schöne junge Frau Afro-Locken drehen. Ihr Name sei Mueni, sagt sie.

Donnerndes Wasser, schäumende Gischt, ein Regenbogen: Die Murchison Falls im Nordwesten Ugandas sind zwar nicht die tiefsten Wasserfälle Afrikas, aber sie sind enorm kraftvoll. Wer „African Queen“ mit Katharine Hepburn und Humphrey Bogart gesehen hat, der hat auch die Nilfälle unweit des Lake Albert gesehen. Diesen Schauplatz des Filmklassikers wollte Mary unbedingt aus der Luft erleben. Im Januar 1954 starteten die Hemingways in Nairobi, am Steuer der Cessna saß der erfahrene Roy Marsh. Sie flogen über den Großen Afrikanischen Grabenbruch, über die Serengeti, den Ngorongoro und den Osten Kongos.

Nach einer Nacht in Costermansville, dem heutigen Bukavu, sollte es über die Murchison Falls nach Entebbe gehen. „Doch dann passierte es“, erzählt uns Emmanuel Eyenga. Der Bootsführer hat uns vom Steg unterhalb der „Paraa Lodge“ abgeholt und vorbei an Nilpferden, Elefanten, Büffeln und Krokodilen zu einer Stelle dicht bei den Fällen gebracht. Ein Pfahl mit einem Schild ragt aus dem Wasser. Darauf steht „P.B.M. 9026“.

„Das war die Registriernummer der Cessna“, sagt Emmanuel, „hier ist sie runtergekommen.“ Beim Anflug auf die Nilfälle hatte der Pilot die Telegrafenleitung der Lodge übersehen. Immerhin schaffte er eine ordentliche Notlandung. Ein paar Prellungen, Schürfwunden, sonst nichts. Einen Tag später nahm ein Boot sie auf und brachte die drei nach Butiaba am Albertsee.

Dort überredete sie der Buschpilot Reginald Cartwright, mit ihm nach Entebbe zu fliegen. Kurz nach dem Start stürzte die Maschine ab. Mary, Roy und der Pilot stiegen aus, ehe sie in Flammen aufging. Der schwergewichtige Hemingway konnte sich nur retten, indem er eine Tür mit seinem Schädel aufbrach. Er verlor Gehirnflüssigkeit, erlitt Risse in Nieren, Milz und Leber, eine Quetschung des Rückenwirbels und Verbrennungen. Aber er war dem Tod so knapp entkommen, wie es sich für einen echten Abenteurer gehört.

Die Bruchlandungen könnten zu dem Verfall beigetragen haben, der dem Schriftsteller später zu schaffen machte, meint der Hemingway-Biograf James R. Mellow. Und vielleicht auch zur Vergabe des Nobelpreises im Oktober 1954. Denn nur wenige Monate nach den Crashs in Afrika war die Nobelakademie vielleicht noch von den glorreichen, wenn auch voreiligen Nachrufen auf Hemingway beeindruckt.

Thomas Burmeister/dpa/tmn