Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Reisereporter Ladies only: Surfen lernen ohne Männer
Reisereporter Ladies only: Surfen lernen ohne Männer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:13 28.03.2013
Von Sonja Fröhlich
Foto: Ohne Männer, finden die Teilnehmerinnen des „Ladies Only“-Camps, lernt das Surfen sich entspannter.
Diszipliniert in einer Reihe: Ohne Männer, finden die Teilnehmerinnen des „Ladies Only“-Camps, lernt es sich entspannter. Quelle: Fröhlich
Anzeige
Dahab

Schon am dritten Tag zeichnen sich die Verletzungen deutlich ab. Karlas Knie sind aufgeplatzt. Kerstin hat ein Loch im Fuß, Susanne ein Pflaster auf der Nase, weil ihr ein Mast ins Gesicht geschlagen ist, Isabels Finger sind mit Leukoplast umwickelt, Annes Beine mit blauen Flecken übersät - von der Hüfte bis zu den Fesseln. Die 32-jährige zierliche Frau aus Hannover hält ihre Beine vor die Kamera und sagt trocken: „Schöner macht der Sport nicht.“

Versehrtenschau am Strand von Dahab, Ägypten. In der Ferne sinkt die Sonne vom Himmel und taucht das Sinai-Gebirge in orangerotes Licht. Hach! Nach sechs Stunden auf den Brettern trinken die ambitionierten Windsurferinnen einen „Sundowner“ - Cola-Rum aus Plastikbechern. „Und denkt dran - gekotzt wird in Lee“, witzelt Trainerin Laura Lühnenschloss nach dem zweiten Becher. Lee ist die zum Wind abgewandte Seite.

Wir stellen fest: Für Zartbesaitete ist der Surfsport nichts. Auch nicht, wenn man sich bewusst einer reinen Frauengruppe angeschlossen hat. „Ladies Only“, so der Titel des sportlichen Camps des Münchener Veranstalters Surf & Action Company, hat 20 Frauen in der Bucht von Dahab am Roten Meer vereint, die von diesem Urlaub nur das eine wollen: windsurfen. Dass die Sonne täglich scheint, dass es eine traumhafte Kulisse, kulturhistorisch interessante Stätten, eine phantastische Unterwasserwelt, einen großen Pool und ein üppiges Büfett gibt, sind nette Nebensächlichkeiten. Hauptsache, der Wind stimmt.

Stündlich frischt die Brise jeden Vormittag auf, bis es gegen 11 Uhr um die 25 Knoten, also gute sechs Windstärken, hat. Bei so viel „Hack“ bilden sich Schaumkronen auf den Wellen, und die erfahrenen Windsurferinnen erobern das Speedrevier hinter der Lagune mit dem untypischen Namen „Baby Bay“, oder sie kreuzen in das benachbarte Revier „Kamikaze“ - zu den zwei bis drei Meter hohen Wellen.

Alle anderen bleiben in der begrenzten, teilweise stehtiefen Lagune - dort kann sie der ablandige Wind nicht so leicht auf das offene Meer hinaustreiben. Drei Trainerinnen leiten das Surfcamp an. Während die Anfänger damit kämpfen, ihre Segel per Schot aufzuholen, üben die Aufsteiger den Wasserstart. Dabei schwimmt der Windsurfer neben seinem Material im Wasser, richtet das Rigg im rechten Winkel zum Wind aus, um sich dann von diesem aufs Brett ziehen zu lassen. Das bedarf einiger Übung. Für Anne Heinrich und die anderen fünf Frauen aus der Aufsteiger-Gruppe ist es das wichtigste Ziel, das am Ende der Surfreise steht. „Kannst du den Wasserstart, gehört dir das ganze Meer“, zitiert die 32-Jährige eine viel besungene Surferweisheit und blickt versonnen zu den Surfern, die draußen im Speedrevier mit bis zu 50 Kilometer pro Stunde übers Wasser jagen.

Warum bei dieser Reise keine Männer „an Board“ sind? „Mit einer reinen Frauengruppe ist es entspannter“ , erklärt Campleiterin Angie Wilmesmeyer. Sie seien fürsorglicher untereinander, helfen sich gegenseitig. Allerdings seien Frauen auch ängstlicher, scheuten das Risiko beim Surfen. „Während Frauen bei Problemen auf dem Brett sitzen und auf Hilfe warten, boxen sich Männer da irgendwie durch.“ Wilmesmeyer, eine blonde Frau mit athletischem Oberkörper, betreibt in ihrer Heimatstadt in Essen ein Gesundheitszentrum. Deshalb stehen die Surferinnen in aller Herrgottsfrühe am Strand und falten ihre Hände vor dem Oberkörper. Angie Wilmesmeyer will „ihre Mädels“ mit Qigong lockern.

Die Gesprächsthemen kreisen um den Wind und das „Material“

Am Abend steht Dehnen und Strecken auf dem Programm oder eine Surfer-Massage bei den Physiotherapeutinnen im Ibis-Style-Hotelkomplex, an den sich das Surfcenter von Harry Nass - ja, er heißt tatsächlich so! - anschließt. Der frühere Profisurfer betreibt mittlerweile vier Stationen in Dahab mit 550 Boards und 600 Segeln. Das „Material“ ist neben der Frage, wie sich der Wind entwickelt, das Hauptgesprächsthema unter Surferinnen, da unterscheiden sie sich nicht von ihren surfenden männlichen Pendants. Dann fachsimpelt die Psychotherapeutin mit der IT-Expertin über Segelmarken, die Sonderschullehrerin überlegt laut, ob sie am nächsten Tag auf ein kleineres Brett umsteigen soll, und die Juristin analysiert mittels der Internetplattform „Windguru“ den Wind für den nächsten Tag. Nebenbei erfährt man, dass ein Tütchen Magnesium am Morgen hilft, beim Wasserstart keinen Krampf in die Waden zu bekommen, und Training mit Langhanteln die Muskeln fürs Surfen fitmacht.

Einen Unterschied zu den männlichen Surfern gibt es: Frauen mischen ihren Rum mit Cola light und kommen nach dem zweiten Longdrink auf die Idee, ihr Alter anonym aufzuschreiben, um den Durchschnitt zu errechnen - der liegt beim Camp in Dahab bei 41 Jahren. Mehr Persönliches wollen die meisten Teilnehmerinnen nicht preisgeben. „Meinen Beruf verrate ich ungern“, sagt Psychotherapeutin Rita. „Dann wollen alle mit mir über Probleme sprechen oder über die ihrer Kinder. Hier rede ich am liebsten nur übers Surfen.“ So tendiert auch der Flirtfaktor gegen null. Für die beiden Männer aus Bayern ist das eine herbe Enttäuschung. Haben sie ihren Surfurlaub doch extra in die Zeit des Frauencamps gelegt. Mit ihren Flirtversuchen scheitern sie kläglich.

Am fünften Tag pausiert der Wind. Die Gruppen trainieren am Simulator - ein ausrangiertes Brett mit Segel - Manöver wie Halsen oder Wenden oder die Körperhaltung fürs Speedfahren. Das Angebot, die schöne Unterwasserwelt Dahabs mit dem Schnorchel zu erkunden oder durch den Coloured Canyon zu wandern findet bei den Surferinnen wenig Anklang. Den „Shopping“-Ausflug in den Ort Asala mit seinen Restaurants und Souvenirläden nutzen die meisten Teilnehmerinnen dafür, sich mit stärkerem Sonnenschutz und Pflastern einzudecken. Den Küstenort Dahab - übersetzt heißt das „Gold“ -, eine uralte Beduinensiedlung rund 100 Kilometer nördlich vom Flughafen in Sharm el Sheikh, hat indes noch keine Teilnehmerin besucht. „War eigentlich schon jemand im Pool?“, fragt Anne beim Essen. Alle schütteln den Kopf.

Am siebten und letzten Abend sitzen sie noch einmal gemeinsam am Strand und blicken zum Sonnenuntergang und zu Anne, eine der letzten Surfer auf dem Wasser. Jeden ihrer gelungenen Wasserstarts würdigen die Frauen an Land mit einer La-Ola-Welle. Sie sehen Anne von Weitem lachen. Jetzt gehört ihr das Meer-all den blauen Flecken am Körper zum Trotz.