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Reisereporter Nur die Ruhe
Reisereporter Nur die Ruhe
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10:55 09.10.2013
Mittagspause: Dicht aneinandergereiht liegen die Hausboote im idyllischen Hafen von Verdun-sur-le-Doubs. Quelle: Gerd Piper
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Branges

Burgund liegt im Herzen Frankreichs. Das Land ist berühmt für seine Rot- und Weißweine, von denen einige zu den teuersten der Welt gehören. Außerdem kommen von dort die Charolais-Rinder und Bressehühner, die bei Feinschmeckern hoch im Kurs stehen. Und Burgund verfügt ­– und das ist weniger bekannt – über mehr als tausend Kilometer an Wasserstraßen. Früher gab es eine rege Binnenschifffahrt, deren Tradition noch in vielen kleinen Städtchen hochgehalten wird. Damals muss die Ausübung dieses Berufes allerdings eine ziemliche Plackerei gewesen sein, denn topografisch ist die Gegend alles andere als ideal für die Schifferei. Schleusen in großer Zahl zeugen davon, dass es mühsam gewesen sein muss, die Flüsse und Kanäle hoch- und runterzufahren. Heute sind die Wasserwege ein Paradies für Freizeitkapitäne, denn nur an wenigen Stellen in Europa lässt es sich so entspannt durch die Gegend schippern wie dort. Dass man für das Chartern der Hausboote keinerlei Befähigungsnachweis benötigt, macht die ganze Sache doppelt interessant.

Zweihundert Kilometer durch eine verträumte Landschaft

Also haben wir uns gesagt: Auf ins Burgund und Leinen los! Zweihundert Kilometer durch eine durch und durch verträumte Landschaft. Und weil wir Anfänger in Sachen Hausbootfahrerei sind, haben wir uns einen Kurs ausgesucht, auf dem nur elf Schleusen bewältigt werden müssen: Von Branges nach Gray.

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Aller Anfang ist schwer. In unserem Fall ist es das Auffinden der Basis unseres Charterunternehmens Le Boat, das irgendwo hinter Louhans im kleinen Flecken Branges am Flüsschen Seille liegen muss. Unser Navi akzeptiert die angegebene Adresse einfach nicht, also muss uns der innere Kompass und eine Smartphone-App leiten ­– weil wir in modernen Zeiten leben, haben wir sämtliches Kartenmaterial zu Hause gelassen. Aber als Kinder des Glücks, als die wir uns an diesem strahlenden Sonnabendnachmittag im August sehen, ist schon der erste Anlauf ein Erfolg: Die Basis liegt klein und verträumt an einem Seitenarm der Seille. In den Blumenkübeln wuchern die Geranien und Petunien, ein laues Lüftchen lässt das Laub der Bäume rascheln, die sich malerisch über das Wasser beugen, kurz: Genauso haben wir uns das vorgestellt.

Ein Blick auf die „Marina“ macht uns dann allerdings nachdenklich: Das Hausboot vom Typ Vision, mit dem wir auf die Reise gehen werden, liegt wie die „Queen Mary“ der Hausboote am Schwimmsteg vertäut, sie ist 14,50 Meter lang, 15 Tonnen schwer, und wir haben keinerlei Ahnung, wie wir dieses Monstrum, das mit jedem erdenklichen Luxus ausgestattet ist, jemals von hier wegbewegen sollen.

Hilfe naht in der Person von Colin Farrow, einem rotblonden Engländer, den die Liebe vor mehr als zwanzig Jahren nach Frankreich verschlagen hat. Farrow leitet die Basis und weist uns in die technischen Feinheiten unseres Bootes ein. Damit wir keinen Schiffbruch erleiden. Herzstück, das lernen wir schnell, ist ein kleiner Hebel am Steuerstand, der Joystick. Mit ihm lässt sich das Boot über Schraube und Bugstrahlruder zentimetergenau manövrieren.

Ha, ein Klacks –- wenn man es denn kann. Der freundliche Engländer gibt uns auch gleich einen ersten Einblick in französische Lebensart: „Stört euch nicht daran, wenn es am Joystick zweimal piept. Wir sind hier in Frankreich, das System geht dann einfach mal schlafen. Ihr werdet sehen, es ist ganz einfach.“ Okay, zweimal piepen, System geht schlafen, wir sind in Frankreich, alles ist gut.

Lokale Spezialität: Bressehühner

Vollgepumpt mit Theorie über Hausboottechnik fahren wir am Abend vor der Tour mit dem Auto nach Louhans, um eines der berühmten Bressehühner zu verzehren. Denn die gackern gleich um die Ecke, die lokale Küche ist bekannt für diese Spezialität. Wir müssen den Koch dann an einem schlechten Tag erwischt haben, denn das Hähnchen schmeckt wie zu Hause aus dem Supermarkt, und mächtige Sahnesoßen sollten gerade im Land der Gourmets von den Speisekarten verschwunden sein. Der Wein, ein Rully, ist dagegen vorzüglich. Und weil wir uns, zurück an Bord, noch einen Pastis als Absacker gönnen, ist die Stimmung heiter entspannt.

Am nächsten Morgen wird’s dann ernst. Die Sonne strahlt, wir starten den Diesel, lösen Bug- und Heckleine und drehen mal ein winziges bisschen an dem Zauberhebelchen. Und, oh: Die Vision fängt mächtig an zu vibrieren, der Motor dröhnt, das Boot löst sich, leicht wie ein Vögelchen, vom Steg. Wir gleiten langsam davon – leider in die falsche Richtung. Schließlich drehen wir das Boot auf dem Teller, was im Englischen „turn on a sixpence“ heißt, wie uns Colin Farrow noch beigebracht hat. Und dann geht’s auf nach Westen, das heißt, wir fahren in den Hauptarm der Seille ein.

Hauptarm ist ein großes Wort, denn im Grunde könnte man hier von einem Ufer zum anderen spucken, so schmal ist das Flüsschen. Genau das aber macht den Reiz aus: Wildromantisch sind wir in flotter Schrittgeschwindigkeit unterwegs, rechts und links säumen Pappel- und Platanenhaine die Ufer, Franzosen (nehmen wir an) campen alle Nase lang am Wasser, winken uns freundlich zu, angeln und geben sich dem Müßiggang hin, der in diesem Landstrich ganz offensichtlich besonders liebevoll gepflegt wird. Ganz klar: Wir sind im Paradies, hinter jeder Biegung ein neues Panorama, nur die Bremsen nerven, denen es hier auch gut gefällt. Aber ein Mittel namens „Anti-Brumm“, immerhin empfohlen vom Schweizer Tropeninstitut, gibt Schutz. So gleiten wir fröhlich und gelassen dahin, unausweichlich auf die erste große Herausforderung zu: eine Schleuse.

Die erste von elf Schleusen

Die wird von Hand bedient, was freundliche junge Franzosen gerne übernehmen, und ist so schmal, dass zwischen Bord- und Schleusenwand gerade noch das berühmte Blatt Papier passt. Die feuchten Hände, da sind wir im Nachhinein ziemlich sicher, kamen aber von der Mittagshitze. Am Ende des Nachmittages geht es nach zwei weiteren Schleusen hinaus auf die Saône, die sich breit und träge gen Süden wälzt - nach der Intimität der kleinen Seille kommen wir uns hier irgendwie verloren vor. Abends machen wir die Leinen in Tournus fest, einem Städtchen, das uns mit einer Kirmes und nach Einbruch der Dunkelheit mit einem wirklich imponierenden Feuerwerk begrüßt: Das gilt allerdings nicht uns, sondern Saint Philibert, dem Schutzpatron der Stadt.

Die Saône ist bis auf wenige Streckenabschnitte eigentlich eine Enttäuschung. Der Fluss war früher eine Hauptader der Binnenschifffahrt, Felder reihen sich in endloser Reihenfolge aneinander und von den berühmten Weinbergen keine Spur. Zwar gibt es in Chalon-sur-Saône die Möglichkeit, ins Weinbaugebiet abzubiegen, doch lange Schleusentreppen auf dem Weg dorthin kosten Zeit und Kraft. Ein Highlight ist allerdings das kleine Örtchen Verdun-sur-le-Doubs, das idyllisch an der Abzweigung in das Flüsschen Doubs gelegen ist.

Der Ort Verdun-sur-le-Doubs

Der Hafen bietet nicht nur ein klassisches Postkartenmotiv, der Ort ist auch berühmt für seine Pôchouse, eine exzellente Suppe aus verschiedenen Süßwasserfischen. Wir genießen sie bei Fabrice Reby im Restaurant Le Caveau und sind begeistert. Reby besitzt zudem eine exzellente Weinkarte, die er seinen Gästen auf Wunsch gerne erklärt. Als Aperitif bietet sich ein Kir an, also ein Cocktail aus Weißwein und Cassis (Likör aus Schwarzen Johannisbeeren), denn auch der stammt aus dem Burgund und ist nicht etwa eine Erfindung der Münchener Schickeria.

„Mit den Schleusen vertraut machen“

Richtig schön wird es dann erneut hinter St.-Jean-de-Losne, hier mäandert die Saône wieder romantisch durch die Landschaft. Noch ein Tipp für künftige Hausbootreisende: Machen Sie sich vor Antritt Ihrer Reise mit der Funktionsweise automatischer Schleusen vertraut. Wir haben es nicht getan, obwohl die Anleitung dafür an Bord lag – ein Fehler. Wer zweimal an der Stange zum Auslösen des Schleusenvorganges dreht, dreht einmal zu viel und macht sich damit den diensthabenden Computer zum Feind. Was einen in der Warteposition vor dem Schleusentor zwischen Wut und Verzweiflung pendeln lässt. Und fragen Sie Ihr Charterunternehmen, ob die Klimaanlage an Bord nicht zu stark für viele Stromkästen an Land ist. Fällt der Landstrom aus, muss nämlich der Diesel ran, was die Leute auf den Booten, die neben Ihnen liegen, nicht gerade zu Ihren Freunden macht.

Wer das beherzigt, kann einen traumhaften Urlaub auf den Wassern des Burgunds verleben.

Hin und weg

Anreise:

Ins Burgund kommt man mit dem Auto über Belgien und Luxemburg. Achtung: Die französischen Autobahnen sind mautpflichtig. Die Anreise zur Basis sollte bis 15 Uhr geschehen, um für Formalitäten und technische Einweisungen genügend Zeit zu haben. Unter Tipp: Planen Sie eine Übernachtung ein, dann beginnt der Urlaub ohne Stress.

Hausboote:

Le Boat unterhält im Burgund mehrere Basen. Dort werden die Boote übergeben und wieder zurückgenommen. Die Strecken sind frei wählbar, Einwegfahrten sind zwischen zwei Basen jederzeit möglich, allerdings muss dann der Autotransfer organisiert werden, was le Boat auf Anfrage übernimmt. Die Chartergebühren richten sich nach Größe und Ausstattung des Bootes. Sie beginnen bei 880 Euro/Woche, können aber für die großen Boote sehr viel teurer sein. Das Unternehmen, das zu TUI gehört, bietet auch Sonderkonditionen.

Weitere Informationen:

www.tui-hausboote.com

www.leboat.de

Gerd Piper

Heinrich Thies 30.09.2013
Stefan Stosch 23.09.2013
Michael Pohl 24.09.2013