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Reisereporter Mit dem Mokoro durchs wilde Wohnzimmer
Reisereporter Mit dem Mokoro durchs wilde Wohnzimmer
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10:28 14.06.2012
Von Sonja Fröhlich
Eine Fahrt mit dem Mokoro, einem hölzernen und ausgesprochen kippligen Einbaumboot. Quelle: HAZ
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Gaborone

Stefan, ein bulliger Typ ganz in Khaki, der Gruppen auf Bootstouren durch das Okavangodelta begleitet, zieht an seiner Zigarette und grinst: „Die Frau, die darin lag, hat geschrien wie am Spieß.“ Schweigen. Verdammt: Kann man diesen Reiseleitern nicht mal sagen, dass sie solche Anekdoten für sich behalten sollen?

Vor sechs Stunden ist das Motorboot von Maun, dem Eingangstor zum Delta im Norden Botswanas mit Supermärkten, Autowerkstätten und Campingbedarf, gestartet. Jetzt istSonnenuntergang, und das Boot bahnt sich noch immer den Weg durch eine Schneise im Schilf des Deltas, ein Geflecht aus Flussläufen, Wasseradern und Seen, Inseln und Waldflächen. Manchmal bleibt es stecken, und der Bootsführer muss Gras vom Propeller rupfen. Das dauert. Jedes Geräusch, jedes noch so leise Plätschern, löst Herzklopfen aus. Auf der Fahrt ist das Boot manchem Flusspferd schon so nah gekommen, dass es runzend drohte.

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Nach einigen Tagen Verwöhnprogramm in den luxuriösen Lodge-Betrieben Botswanas heißt es nun ab ins Buschcamp: Zelte aufschlagen, am Lagerfeuer sitzen, Natur erleben. Was in Ländern wie Namibia oder Südafrika mit Sanitäranlagen, Supermarkt und Buschbar einhergeht, kann im „wilden“ Nachbarland anders sein. Die „Xaxaba Camp Site“ am südlichen Rand des Moremi-Wildtierreservates im Delta bietet - außer einem verwitterten Namensschild - nichts als Buschwerk. Nur ein schwacher Lichtschein fällt noch auf die Insel, auf zerstörte Bäume, einen Nashornschädel und einen Teppich aus Elefantendung. Der Reiseleiter zerbröselt etwas von den Hinterlassenschaften in seiner Hand: „Ist noch nicht so lang her, dass sie hier waren.“ Das spornt an. In Rekordzeit haben die Besucher ihre Zelte wie eine Wagenburg aufgebaut, sodass kein Elefantenfuß mehr dazwischenpassen dürfte. Denken sie.

Reiseleiter Stefan grinst, während er eine Campingtoilette aushebt. Als die Gruppe kurz darauf seine zarten Rindersteaks vom Grill verspeist, ist das Quaken von Fröschen und das Jaulen von Hyänen zu hören. Stefan, der Mann mit dem seltsamen Humor, erzählt beim Tafeln, dass er aus Namibia stammt und am liebsten die Camps in Botswana betreut: „Es gibt aber immer wieder Leute, die sich mit geschnürten Schuhen ins Zelt legen. Dabei wäre Weglaufen das Dümmste, was man machen kann.“ Auch in dieser ersten Nacht schlafen manche schlecht. Was, wenn die Elefanten kommen? Oder Löwen am Zelt schnuppern? Oder ein Hippo vom Trampelpfad abkommt?

Ein Affenschrei weckt sie in der Morgendämmerung. Auf dem Programm: eine Fahrt mit dem Mokoro, einem hölzernen und ausgesprochen kippligen Einbaumboot. Eine weitere Herausforderung in dem Sumpfgebiet, in dem sichneben Flusspferden auch viele Krokodile tummeln. Doch die „Poler“, die Touristen mit einem langen Holzstab (englisch: pole) durch das größte Binnendelta der Welt schieben, verstehen ihr Handwerk. Lautlos gleiten die Mokoros durchs Wasser. Glühende Hitze, glitzerndes Wasser, aus der Entenperspektive staunen die Insassen über unzählige Seerosen und exotische Vögel - immer auf der Suche nach Augenpaaren, die sie anstarren. Der „Taxifahrer“, wie sich der Mokoro-Fahrer selbst nennt, erzählt indes stolz, dass er sein Boot aus Eukalyptusholz geschnitzt hat: „Wer das kann, ist ein ganzer Mann.“

Auf der Wanderung über eine der Inseln bleiben größere Wildtiere außer Sichtweite, nur einige Paviane und Warzenschweine kreuzen den Weg der Reisegruppe. Afrikas Tiere haben sich im Delta, das den Titel „größtes Naturparadies der Welt“ trägt, zwar an Geländewagen gewöhnt, aber Menschen zu Fuß sind ihnen fremd. Dabei hat Reiseleiter Stefan einen Tipp für den Fall der Fälle mit auf den Weg gegeben: „Wenn ihr einen Löwen seht, haltet still und guckt ihm tief in die Augen.“ Das hatte die Adrenalinkurve noch einmal steigen lassen.

Bei der abendlichen Sundowner-Fahrt mit dem Motorboot bekommen die Touristen wieder größere Säuger vor die Objektive - auch zwei Elefanten grasen seelenruhig im Schilf. Einmal schreitet ein Bulle in kurzer Entfernung durch das Wasser. Vor dem wartenden Boot hält er an und richtet seine Ohren wie zur Drohung auf, geht dann aber weiter. Es ist ein unvergesslicher Augenblick.

Im Moremi-Wildtierreservat sowie in den anderen Naturschutzgebieten im NordenBotswanas, wo die Elefantendichte am höchsten ist, gibt es zahlreiche wilde Wohnzimmer. Der Tourismus wird künstlich niedrig gehalten, nur privilegierte Besucher können sich die hohen Preise für geführte Touren, Unterkünfte und Gebühren leisten. Dafür bekommen Urlauber in dem seit 45 Jahren unabhängigen Land, das durch seine Bodenschätze wie Diamanten zu den reichsten Afrikas zählt, eine Menge geboten: fast unberührte Natur, viel unbesiedeltes Land, in dem sich Wildtiere ungestört ausbreiten können. Auch noch so große private Wildtierreservate, wie es sie in Südafrika und Namibia gibt, erscheinen aus der Perspektive Botswanas wie zoologische Gärten. Große Reisebusse sind in Botswana nicht unterwegs, nur Kleingruppen und Selbstfahrer ruckeln mit geländetauglichen Wagen durch die Gegend.

Am letzten Morgen auf der „Xaxaba Camp Site“ entdecken die Besucher aus Europa frischen Elefantendung vor ihren Zelten; nur etwa 20 Meter entfernt döst eine Gruppe älterer Elefantenbullen. Sie haben das Zeltdorf durchquert, ohne dass die Besucher ihrer Insel sie gehört haben. Und ohne dass sie auch nur ein Zelt beiseiteschieben mussten.

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