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Reisereporter Durch das große Weiß
Reisereporter Durch das große Weiß
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11:50 16.12.2013
Wer Spitzbergen mit dem Hundeschlitten erkundet, erlebt wilde, fast unberührte Natur. Quelle: Spitsbergen Travel
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Hannover

Die Hunde scheinen zu lachen. Trotz der Kälte. Keiner von uns war jemals zuvor an einem Ort, wo das Thermometer fast 30 Grad Celsius minus anzeigt. Da jagt man eigentlich kein Tier vor die Tür. Jetzt, da sie uns bemerkt haben, kommen sie aufgeregt aus ihren Hütten, zappeln auf dem gefrorenen Schnee. Sie freuen sich unüberhörbar. Es ist ein lautes Gejauchze, denn gleich dürfen sie unsere Schlitten ziehen. 124 Hunde, 124 Stimmen. Jeder will mit, jeder will rennen.

Auf halber Strecke zwischen Norwegen und dem Nordpol liegt die Inselgruppe Svalbard, auf Deutsch: „kalte Küste“. Die größte der etwa 400 Inseln heißt Spitzbergen, der Hauptort Longyear­byen. Vor ein paar Stunden sind wir auf dem Flughafen gelandet. In einer voll besetzten Boeing 737. Kaum zu glauben, dass es dorthin Linienflüge mit Maschinen dieser Größe gibt. „Es ist nicht das Ende der Welt“, sagt Reiseleiterin Anika Paust, die uns abholt, „aber hier bist du am nächsten dran.“

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Nördlichste Touristen der Welt

In Longyearbyen befindet sich der nördlichste Airport der Welt, wir sind nun die nördlichsten Touristen der Welt. Zuerst geht’s ins Hotel, dann auf zum ersten Abenteuer: eine Runde durch das große Weiß mit dem Hundeschlitten. Martin Munck, Besitzer von „Green Dog Svalbard“, 40 Jahre alt, Däne, arbeitet hauptsächlich mit Grönlandhunden. Er sucht die Tiere für uns aus. Den Rest erledigen wir selbst. Wir bringen den Schlitten in Stellung, spannen Bent, Bowie, Snuten, Steffi, Panther und Lila an – und wir steuern auch selbst. Das glauben wir zumindest bis zur ersten Kurve. Wir sind zu zweit, einer sitzt, einer steht hinten auf den Kufen. „Yippiiiiie“ sollen wir schreien, um Tempo aufzunehmen, „Hoooo“, um zu bremsen. Das Tempoaufnehmen gelingt sehr gut. Das Bremsen – nun ja, wir kippen nur einmal um. Da müssen wir, im Schnee liegend, lachen.

Martin lebte früher viele Jahre in der Einsamkeit Grönlands von der Jagd. Longyearbyen mit seinen gut 2.100 Einwohnern kommt ihm deshalb wie eine Großstadt vor. Was fasziniert ihn an dieser eisigen Welt? „Es ist das Licht“, sagt Martin, „das ständig wechselnde Licht.“ Wer will, kann sich vom Nachtportier wecken lassen, wenn Nordlichter zu beobachten sind. Doch die arktische Wüste glänzt auch am Tag, getuscht mit ganz viel Weiß und etwas Rosa, zartem Lila, hellem Blau. Man würde sich sehr schnell in diese pastelle Schönheit verlieben, wären da nicht die Warnungen vor der eigentlich menschenfeindlichen Natur.

Acht Stunden dauert die Anreise ins Land der Eisbären. 3.500 leben auf Svalbard, weit mehr als Menschen. Sie halten sich vor allem an der unbesiedelten Ostküste auf, wo es Packeis und Robben für alle gibt. Nach Longyearbyen im Westen, wo der warme Golfstrom für ein milderes Klima sorgt, verirren sich die geschützten Tiere selten; wir sehen nur ausgestopfte, im Flughafenterminal, in der Hotellobby, im Souvenirshop – getötet aus Notwehr. Derjenige, der das im Museum ausgestellte Exemplar erlegt hat, habe „in großer Verzweiflung“ geschossen, erzählt Anika. Der Eisbär war schon bis auf zwei Meter herangestürmt, dann löste sich endlich der Schuss. Wer die Stadt verlässt, hat eine großkalibrige Waffe dabei. Touristen dürfen sich nicht ohne bewaffneten Fremdenführer auf den Weg machen.

Wildnis und Jetset liegen nah beieinander

Longyearbyen ist voll ausgestattet mit Supermarkt, Sporthalle, Schwimmbad, mehreren Cafés, einer Kunstgalerie, Schule, WLAN. Doch die Wildnis beginnt, sobald man vor die Tür tritt. Man vergisst das sehr schnell beim Vier-Gänge-Menü im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Spitzbergener Bergbaugesellschaft. Es beherbergt heute ein Hotel und ein Restaurant. Es ist verwirrend: draußen die extreme Kälte, drinnen die extreme Champagnerauswahl. Man konnte ja nicht ahnen, dass man 1.100 Kilometer vom Nordpol entfernt nicht nur Abenteurer antrifft, sondern auch den Jetset. Weil Alkohol auf Svalbard nicht besteuert wird, ist er weit billiger als auf dem norwegischen Festland. Manche reisen auch deshalb an: für eine Sause im Abenteuerland.

Der Erste, der kam, war der niederländische Seefahrer Willem Barents, er entdeckte Spitzbergen im Jahr 1596. Später diente das Archipel Walfängern und Robbenjägern als Basis. Seit 1906 wird auf Svalbard Steinkohle abgebaut. Noch 15 Jahre sollen die Vorkommen reichen. Neben den Bergleuten leben heute auch 400 Studenten der arktischen Wissenschaften sowie Arktis- und Klimaforscher dort.

Haupteinkommensquelle: Tourismus

Geld wird aber mit den Touristen verdient. Rund 36.000 Gäste übernachten pro Jahr auf Spitzbergen. Sie machen Ferien oder werden von ihren Firmen zu Seminaren eingeladen. Außerdem gehen etwa 25.000 Kreuzfahrtpassagiere pro Saison für ein paar Stunden in Longyearbyen an Land. Für den kleinen Ort grenzt das an Massentourismus und ist wegen der empfindlichen Natur nicht unumstritten.

Huskys streicheln, Walfleisch probieren, die Mitternachtssonne im August, die Polarnacht im Januar, die irren Farben: Touristen bieten sich auf Spitzbergen ungewöhnliche Erlebnisse. Und sie können dort ungewöhnlichen Menschen begegnen. Viele, die auf der Insel arbeiten, kamen erst nur zu Besuch und blieben dann. Stine Eidissen Bya zum Beispiel. „Keiner lebt hier zufällig. Es ist eine große Entscheidung“, sagt die 37-jährige Norwegerin. Ob sie in der Arktis die große Liebe gesucht hat oder eine große Enttäuschung vergessen wollte, verrät sie nicht. Doch auf jeden Fall habe sie etwas Großartiges gefunden, erzählt sie. Vor acht Jahren kam sie, um für die Zeitung „Svalbard Posten“ zu schreiben. Inzwischen hat sie Mann und zwei Kinder. Weitere acht Jahre will sie aber nicht in Longyearbyen verbringen. Niemand bleibt für immer.

Auf der Insel leben kaum alte oder kranke Menschen, für sie fehlt die Infrastruktur. Es gibt zwar einen Arzt und einen Anästhesisten, die Notfälle in einer Miniklinik behandeln, aber keinen Herzspezialisten, kein Seniorenheim, keinen Bestatter. Die hohe Zahl der Kindergärten überrascht: Es sind drei. Die Spitzbergener schwärmen von ihrer jungen, sozialen und offenen Gemeinschaft. Haustüren werden nicht abgeschlossen, Autotüren auch nicht. Der Schlüssel steckt. Denn niemand würde einen Wagen stehlen. Wohin sollte man auch verschwinden auf der einzigen, 46 Kilometer langen Straße?

„Ihr fahrt wie Priester“

Hauptverkehrsmittel sind Boote im Sommer und Motorschlitten im Winter. Eine Tour mit dem Schneemobil ist ein Muss. „Ihr fahrt wie Priester“, findet Børre Nilsen, der unsere Gruppe beim vierstündigen Ausflug an den Fjord bei Elveneset anführt.

Der 40-Jährige war mal IT-Spezialist. „Ich hatte ständig das Gefühl, auf irgendetwas zu warten, damals im Büro“, erzählt er. Diesen Zustand hatte er so satt, dass er vor zwei Jahren mit seiner Familie ausstieg. Er war vorher schon oft im Urlaub da, er liebt das Fischen und Jagen in der Abgeschiedenheit – und die Stille dort. An solche Orte bringt er auch die Touristen.

Wir stehen am Fjord, blicken in die Ferne, auf spitze Berge, die der Insel ihren Namen gaben, auf das eisige Meer. Wir sind verpackt in Skiunterwäsche, Ski- socken, Fleecejacke, Skijacke, Skihose, Schneeanzug, Sturmhaube, Schal, zwei Paar Handschuhe, Helm. Niemand spricht. Alle staunen. Nein, wie Priester fühlen wir uns nicht, sondern wie Mondfahrer im Schnee.

Hin und weg

Anreise

Direktflüge nach Longyearbyen werden von Deutschland aus nicht angeboten. Empfehlenswerte Flugverbindungen führen über Oslo oder Tromsø, zum Beispiel mit Scandinavian Airlines.

Beste Reisezeit

In der Zeit von Ende Oktober bis Mitte Februar herrscht in Spitzbergen Dunkelheit. Erst danach wird es anfangs noch sehr kurz wieder hell.

Reisebeispiel

Hurtigruten bietet mehrtägige Spitzbergen-Landpakete für die Monate März, Mai, Oktober und Dezember. Alle Pakete beinhalten wahlweise zwei, drei oder vier Übernachtungen inklusive Frühstück im Spitzbergen Hotel oder im Radisson Blu Polar Hotel Spitsbergen. Im Paket sind jeweils drei Ausflüge sowie notwendige Ausrüstung und Spezialkleidung inbegriffen. Die im Angebot enthaltenen Ausflüge variieren je nach Jahreszeit – von der Eishöhlenwanderung über Hundeschlittentouren bis hin zu Bootsfahrten zum Eisfjord. Die Pakete ohne Flug sind ab 586 Euro pro Person buchbar.

Weitere Informationen

www.visitnorway.com

www.hurtigruten.de

Mathias Begalke

Stephan Fuhrer 22.04.2014
Michael Pohl 25.11.2013