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Reisereporter Mordsknall für das Christkind
Reisereporter Mordsknall für das Christkind
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12:13 22.12.2010
Salut: Bereits am 17. Dezember wird das Christkind erstmals mit dem Christkindlanschießen lautstark begrüßt. Quelle: Berchtesgadener Land Tourismus
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Stolz sind sie auf ihre Traditionen, die Bayern. Das gilt auch für diejenigen, die Gott lieb hat und deswegen, so meint jedenfalls der Heimatschriftsteller Ludwig Ganghofer, ins Berchtesgadener Land fallen ließ. Dort lässt sich ein ganz spezieller Advent erleben.

Krawumm

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Eigentlich müsste das Christkind einen großen Bogen um Berchtesgaden machen, denn hier wird es angeschossen. Das hat das Christkind so nicht verdient, und so kann man es ein großes Glück nennen, dass der Begriff Christkindlanschießen im Hochdeutschen in die Irre führt. „Wir schießen ihm Salut“, sagt Franz Pfnür. Der 62-Jährige aus Maria Gern ist selbst Weihnachtsschütze und außerdem mit seinem Sohn Wolfgang einer der letzten Böllermacher Deutschlands.

Böller sind keine Knaller, sondern die waffenähnlichen Geräte aus Edelstahl und Walnussholz, die man in Bayern zum Krachmachen benutzt. Der Schütze lädt sie mit Schwarzpulver, vedichtet dieses mit Ladestock und Holzhammerschlägen. Wenn er dann den Abzug betätigt und der Schlagbolzen auf das Zündhütchen schlägt, gibt es einen Feuerstrahl und einen Mordsknall.

3000 Weihnachtsschützen sind im Berchtesgadener Land registriert, was Gott und die Obrigkeit mit Wohlgefallen betrachten werden: „Nur unbescholtene Männer sind zugelassen“, sagt Franz Pfnür. Die dürfen ganz offiziell in der Woche vor Weihnachten jeden Tag von 15 Uhr an das Christkind anschießen. Dann wackelt für eine knappe halbe Stunde der Watzmann, bevor wieder winterliche Stille einzieht. Angeblich stammt der Brauch aus vorchristlicher Zeit und sollte Dämonen vertreiben. Pfnür, dem das Pragmatische nicht fremd ist, hat eine andere Erklärung: „Die Bauern führten früher ein bitterarmes Leben. Die Knallerei war eine Tarnung für Wilderer.“

Schnitzwerk

Auf die Armut der Bauern in früherer Zeit führt auch Stefan Graßl seine Tätigkeit zurück. „Sie saßen im Winter in den Stuben und mussten sehen, wie sie durchkommen. Das Einzige, was sie hatten, war Holz“, erzählt der 50-Jährige. Also machten sich die Familien in den langen Nächten ans Schnitzen. So entstand seit dem 15. Jahrhundert die „Berchtesgadener War“, Spielzeug und Spanholzschachteln. Letztere verzierten die Berchtesgadener mit einer speziellen Blumenornamentik. „Die War war ein Exportschlager. Trödler sind bis nach Neapel gezogen und haben sie verkauft“, sagt Friederike Reinbold vom Heimatmuseum Schloss Adelsheim.

Plastikspielzeug hat der Berchtesgadener War längst den Rang abgelaufen; Graßl ist einer der letzten seiner Zunft. Neben den Holzschachteln stellt er all das her, was an einen echten Berchtesgadener Weihnachtsbaum gehört: Arschpfeifenrössel, die so heißen, weil sie hinten statt Schweif eine funktionstaugliche Holzpfeife tragen, dazu Grillenhäuserl, Rodelschlitten, Hühnerstiegen, Sterne, Vögel und Engel für die Spitze. Eine Grundausstattung kostet etwa 300 Euro.

Wilde Kerle

Die Scheune des Rosenhofes etwas außerhalb von Berchtesgaden ist ein Schlichtbau, es gibt keinen Grund, dorthin zu pilgern. Trotzdem haben das am Nachmittag des zweiten Adventssonntags Heerscharen getan. Viele tragen Kameras, in ihren Blicken kann man neben gespannter Erwartung auch Bangnis entdecken. Dann schallen aus dem Inneren der Scheune Gebrüll und Kuhglockenläuten. Das Tor rollt auf, und heraus stürmt eine Horde, bei deren Anblick der Uneingeweihte denken muss, er halluziniere. Ein Mann mit Mitra, Bischofsstab und weißem Bart, unschwer als der Nikolaus zu erkennen, mag angehen.

Aber sein Gefolge? Gestalten mit dämonischen Holzmasken sieht man, einige in dicke Lagen Strohs eingewickelt, andere in Felle. Doch ist das alles höchst real, was der Uneingeweihte spätestens dann merkt, wenn ihm eine der Gestalten eins mit der Weidenrute über die Wade gezogen hat. Das war kein harmloser Klaps, sondern ein Streich, der zwiebelt und eine Spur hinterlassen wird.

Es sind Buttenmandl (Glockenmänner), Kramperl und Ganggerl, die da ausgebrochen sind. Mit ihnen kommt im Berchtesgadener Land der Nikoplaus zu den Kindern. „Es ist ein historischer Einkehrbrauch“, sagt Anderl Neumayer, Moasta (Meister) der Passe (Gruppe) Rosenhof. Das ist eine von rund 40 ihrer Art, die an bestimmten Tagen durch Berchtesgaden und die anderen Orte der Region stürmen.

Weil zu Recht zu vermuten steht, dass nicht jeder Drei- bis Fünfjährige den Besuch der wilden Kerle – übrigens, man ahnt es, dürfen ausschließlich unbescholtene Männer mitmachen – ohne temporäre Schäden an der Seele übersteht, erscheinen die Passen nur auf Bestellung. War das Kind artig, greift Nikolaus in den Sack. Wenn nicht, schlägt ein Ganggerl mit der Gerte zu; zum Glück nur auf den Tisch. Unterwegs allerdings beim stundenlangen Sturm durch die Stadt sind sie weniger zimperlich. Da kann es Hiebe setzen oder eine Portion Ruß, die die Ganggerl dem Arglosen ins Gesicht schmieren. Bei den Mädchen hat das einen Stellenwert: „Das Schlimmste ist, wenn sie dich ignorieren“, sagt eine Zuschauerin am Rosenhof. Der Tag des Buttenmandllaufes ist ein Volksfest in Berchtesgaden.

Stille Nacht

Draußen herrschen klirrende Kälte und sternenklare Nacht, als das Elektroboot fast lautlos über den Königssee gleitet und die Halbinsel St. Bartholomä ansteuert. Dort weisen Fackeln den kurzen Weg zur weltbekannten Wallfahrtskirche, in die nun dick vermummelte Menschen pilgern. „Es sind minus elf Grad“, murmelt einer. Bei dieser Temperatur werden mehr als hundert Menschen nun knapp anderthalb Stunden in der Kirche ausharren. „Ich bitte Sie, die Besonderheit des Ortes zu wahren. Klatschen Sie während der Aufführung“, sagt Hans Stanggassinger. Dann liest er eine spezielle Form der Weihnachtsgeschichte, nämlich die des Heimatdichters Ludwig Thoma. Eine ruhige Stimme hat er, die einen mitnimmt. Dazu singen die Ramsauer Sänger, spielen die Tenngauer Bläser oder die Harfenistin Stephanie Schwarz.

In der Kirche entfaltet sich trotz einiger Längen in Thomas Text ein eigener Weihnachtszauber, der einen die Minus elf Grad vergessen lässt. Obwohl: Bei dem einen oder anderen mag auch die Vorfreude auf das Viergängemenü eine Rolle spielen, das im Anschluss in der historischen Gaststätte aufgetischt wird. Bei der Rückfahrt im Boot singen die jungen Ramsauer und blasen die Tenngauer noch einmal.

Man lässt den Abend Revue passieren und denkt an Ganghofers Worte.

Bernd Haase

Allgemeines
Berchtesgaden gehört nicht zu den Hauptorten des Skizirkus, bietet aber Winteraktivitäten jeglicher Art – vom Skilaufen über Rodeln, Schneeschuh- und Winterwandern bis hin zu Wellnessprogrammen.

Berchtesgadener Advent
So heißt das vorweihnachtliche Programm, zu dem die beschriebenen Punkte gehören.

Anreise
Mit dem Auto über München und dann die Autobahn Richtung Salzburg. Mit dem Flugzeug über Salzburg, das nur rund 20 Kilometer entfernt liegt. Die Bahn schickt einen täglichen Ferienzug aus dem Norden nach Berchtesgaden.

Weitere Informationen
www.berchtesgadener-land.com